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Corona Hilfe, ich verstehe die Teststrategie in Deutschland nicht mehr!

Corona-Test am Hamburger Flughafen
Corona-Test am Hamburger Flughafen: Wer, wie, was, wieso, weshalb, warum?
© Christian Charisius/DPA
Unser Autor hat es wirklich versucht: Er wollte verstehen, wann sich wer, wie und warum testen lassen kann, darf, sollte oder muss – und wann lieber gar nicht. Aber er muss sich eingestehen: Er kapiert es einfach nicht.

Bei uns um die Ecke steht so ein Container, in dem man sich auf Covid-19 testen lassen kann. Ich habe mehrere Bekannte – drei, um genau zu sein –, die nach ihrer Rückkehr aus dem Urlaub dort hingegangen sind. Zwei der drei kamen aus Risikogebieten, die dritte Person nicht. Aber alle drei wurden sofort und ohne weitere Umstände getestet, keiner von ihnen musste auch nur einen Cent zahlen.

Bei einem guten Freund von mir lief es anders: Er kam aus Mallorca zurück, kurz bevor die Insel wieder zum Risikogebiet erklärt wurde. Er hatte die Urlaubswoche mit seiner Freundin zudem auf einer abgeschiedenen Finca verbracht, dabei kaum Kontakt zu anderen Menschen gehabt. Trotzdem wollte er sich testen lassen, denn er ist Inhaber eines Cafés, dessen Stammkundschaft altersbedingt größtenteils zur Risikogruppe zählt – sicher ist sicher, dachte der Freund also. Er ging aber nicht zu besagtem Container oder einer anderen Teststation, sondern ließ den Test von seinem Hausarzt durchführen. Kostenpunkt: 150 Euro.

Ist das die populistische Forderung der Ahnungslosen?

Ich kenne viele Journalisten, die nicht gerne zugeben, wenn sie etwas nicht verstehen. Ich habe damit kein Problem – und gebe offen zu: Ich kapiere die Teststrategie in Deutschland nicht, weder die Umstände noch die Kosten, und auch die Priorisierung will sich mir schon seit Monaten nicht recht erschließen.

Hier wird der Abstrich in der Nase genommen (laut der allermeisten Erfahrungsberichte ein extrem unangenehmer Vorgang), dort im Rachen (angeblich mit weniger exaktem Ergebnis und entsprechend höherer Fehlerquote als in der Nase). Hier kostet der Test einen Batzen Geld, dort ist er gratis. Hier empfehlen Politiker wie Söder oder Seehofer flächendeckende Massentests, dort warnen Experten vor deren Sinnlosigkeit.

Mit Verlaub: häh?!?

Nun gibt es Sätze, die man mich normalerweise nicht sagen hört, aber Ausnahmen bestätigen die Regel: Ich würde Söder und Seehofer hier instinktiv zustimmen. Ist es nicht die einzig WIRKLICH konkrete und sinnvolle Maßnahme zur Eindämmung des Coronavirus, die Testmöglichkeit für jederfrau und jedermann sicherzustellen – im besten Fall kostenlos, aber ganz sicher nicht 150 Euro teuer? Oder ist das bloß die populistische Forderung der Ahnungslosen? Ist der Test nicht die narrensicherste Form der Vergewisserung?

Nun hat Covid-19 seit Beginn der Pandemie hinlänglich nachgewiesen, dass wir noch viel zu wenig über es wissen. Ich bewundere den Gesundheitsminister für seine Ausdauer, sich Presse und Bevölkerung nahezu täglich zu stellen und uns nach bestem Gewissen zu informieren, ohne darüber längst den Verstand verloren zu haben. Ich danke allen Wissenschaftlern, die in unser aller Interesse nach neuen Erkenntnissen über das Virus forschen. Und deshalb würde ich mir auch nie, nie, niemals anmaßen, auch nur irgendetwas besser zu wissen.

Aber.

Die Begründung, warum massenhafte Tests angeblich nichts bringen – eine Begründung, die ich von Medizinern in meinem privaten Bekanntenkreis ebenso bereits gehört habe wie von Virologen bei Markus Lanz –, verstehe ich trotzdem nicht. Denn sie sagen, die Kapazitäten seien zu gering. Es gelte, behutsam mit ihnen umzugehen, um für Zeiten gesteigerter Nachfrage gewappnet zu sein. Aber wo, wenn nicht in diesem Bereich, lohnt es sich, im Sinne der Pandemie-Bekämpfung zu investieren?

Es ist auch eine Frage des Vertrauens: So hieß es noch im April aus dem Munde von Politikern und Virologen, dass ein Mund-Nasen-Schutz wenig Sinn mache. Kurz darauf waren die Masken aus dem öffentlichen Bild nicht mehr wegzudenken, und schnell ging das Gerücht, dass die Erkenntnis ihrer Notwendigkeit Hand in Hand mit der flächendeckenden Verfügbarkeit im ganzen Land ging. Macht massenweise Testung also womöglich auch nur so lange keinen Sinn, bis sie vorrätig ist?

Tests ohne Anlass sollen keine Aussagekraft haben

Die Experten sagen außerdem, dass Tests ohne konkreten Anlass – sprich: Symptome – keine Aussagekraft hätten, weil sie nur Momentaufnahmen liefern würden: Schon unmittelbar nach dem Test könne man sich schließlich auf dem Heimweg von der Arztpraxis infizieren – das zuvor negative Ergebnis wird damit rasch wertlos, ohne dass man sich darüber im Klaren ist.

Nochmal: häh?!?

Nach dieser Logik macht ein Test im Grunde zu keinem Zeitpunkt jemals Sinn. Und wenn es dann noch Labormediziner gibt, die darauf hinweisen, dass es bei den komplizierten Rachenabstrichen durchaus zu falsch-negativen Ergebnissen kommen kann, muss ich als Laie endgültig kapitulieren: Ich kann leider nicht mehr nachvollziehen, wann sich wer, wie und warum testen lassen kann, darf, sollte oder muss – und wann lieber gar nicht.


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