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Pandemiebekämpfung Mit der "Hammer- und Tanz-Theorie" gegen das Coronavirus – was steckt dahinter?


Welche Mittel helfen am Besten gegen die Corona-Pandemie? Niemand weiß es wirklich, aber die "Hammer-und Tanz"-Strategie des Autors Tomas Pueyo scheint effektiv zu sein. Demnach befinden wir uns jetzt in der zweiten Phase.

Anfang Dezember 2019, vielleicht schon im November treten in Wuhan, einer Millionenstadt in Zentralchina, erste Fälle einer bis dahin unbekannten Lungenerkrankung auf. Sicher ist nur: die Betroffenen waren zuvor auf einem Tiermarkt. Dieser Ort gilt seitdem als Ursprung des neuartigen Coronavirus. Vier Monate sind vergangen, seitdem die Regierung am 31. Dezember die Infektionen an die Weltgesundheitsorganisation gemeldet hat. Aus ein paar Fällen ist eine beispiellose Pandemie geworden, vor der kein Land auf der Welt gefeit ist und gegen die es womöglich nur ein wirksames und akzeptiertes Mittel gibt: die "Hammer- und Tanz-Strategie".

"Hammer und Tanz" ein effektives Mittel?

Obwohl auch Experten uneins darüber sind, welcher Weg der Beste ist, mit der globalen Seuche umzugehen, könnten sich "Hammer und Tanz" als effektive Mittel durchsetzen. Die einprägsame Theorie hat der Silicon-Valley-Berater und Autor Tomas Pueyo geprägt. Sein gleichnamiger Aufsatz wurde bereits in 37 Sprachen übersetzt (hier auf Deutsch) und hat mehr als 50 Millionen Leser gefunden. Seine These, sehr stark vereinfacht: Im Kampf gegen das Coronavirus werden zunächst schwere Geschütze aufgefahren, die dann, wenn die Ausbreitung eingedämmt ist, durch eine behutsame Öffnung abgelöst werden.

Der "Hammer", so Pueyo, seien harte Maßnahmen auf einen Schlag, zu "einem für die Gesellschaft nachvollziehbaren Preis", der Millionen von Menschenleben retten würde. Die anschließende Phase nennt er "Tanz", weil sie flexibel, beweglich und auch "leichter" gestaltet als die vorherige werden müsse. Im Mittelpunkt der Bewegung stehe dabei die Verbreitungsrate. Sie gibt an, wie viele Menschen ein Infizierter ansteckt. In der Regel sind das zwei, drei Personen. Ohne Kontaktbeschränkung würde das Virus innerhalb von vier Wochen also 400 weitere Personen befallen haben. Ziel sei es daher, die Reproduktionszahl auf unter 1 zu drücken. Das bedeutet, dass ein Infizierter weniger als einen Menschen ansteckt.

Um den Corona-Verlauf herumtanzen

Die "Tanz-Phase" wäre zwar eine Phase, in der Einschränkungen zurückgefahren werden und der Eindruck entsteht, das Schlimmste sei überstanden, es ist aber auch eine Zeit, in der niemand absehen kann, wie sich Menschen und der Krankheitserreger verhalten werden – daher müssen man mit den Maßnahmen um den Verlauf "herumtanzen", so Pueyo. In der Zeit, in der die Gesellschaft schrittweise zu normaleren Verhaltensweisen zurückkehre, müssen das sogenannte Contact Tracing und das Testen massiv raufgefahren werden", sagt Alena Buyx, Professorin für Medizinethik an der TU München. Positiv Getestete würden strikt isoliert, ebenso Kontaktpersonen. "Das Virus wird sozusagen eingekesselt."

Aus Tomas Pueyos Gedanken ist innerhalb weniger Wochen "eine globale Strategie geworden", sagt "Capital"-Chef und stern-Kolumnist Horst von Buttlar. "Viele Politiker und Berater von Politikern hätten sich bei ihm gemeldet, einige Kongressabgeordnete riefen an. Auch das deutsche Innenministerium und das Robert Koch-Institut nutzen den Hammer und den Tanz", so von Buttlar in seinem Podcast "Die Stunde Null – Deutschlands Weg aus der Krise".

Den Feind anfallen oder vor ihm wegrennen?

Pueyo hat für seine Strategie einige Fälle durchgerechnet. Etwa das "Wort-Case"-Szenario, in dem gar nichts geschieht. Das habe zwar den Vorteil, dass das wirtschaftliche Leben zunächst ungestört weitergehen könne, doch über kurz oder lang würde das Gesundheitssystem kollabieren und damit auch die gesellschaftlichen Strukturen. Nur geringfügig bessere Effekte würden die Minderungsstrategie und das "flatten the curve" ergeben, so der Autor, der seine Empfehlung so umschreibt:"Du stehst deinem schlimmsten Feind gegenüber und weißt von ihm aber nur sehr wenig – welche Möglichkeiten würdest du wählen? Du rennst du auf ihn zu oder du fliehst, um dir ein bisschen Zeit zu verschaffen?"

Wenn man so will, schaltet die Bundesregierung gerade langsam in den "Tanz-Modus" um: Die ersten Beschränkungen sind wieder aufgehoben, erste Läden dürfen öffnen, Kinder wieder zur Schule gehen. Der Effekt von Maßnahmen werde jeweils nach 10 bis 14 Tagen bei den Fallzahlen sichtbar, sagt der Hamburger Virologe Jonas Schmidt-Chanasit. "Man wird als erstes die Stellschrauben lockern, die entscheidend für die Versorgungssicherheit sind und erst ganz zum Schluss kommen der Fußball und andere Spaßveranstaltungen."

Bevölkerung immunisieren

Die "Tanz-Phase" könnte sich über lange Zeit erstrecken. "Solange nicht ein großer Teil der Bevölkerung immun ist, kann sich das Virus ja nach wie vor ausbreiten", sagt Mirjam Kretzschmar von der Universitätsmedizin Utrecht. Deshalb sei es auch wichtig, dass auf Immunität getestet werde. Doch wie lange das dauern wird, ist noch nicht abzusehen.

Quellen:Tomas Pueyo, DPA, AFP, "Capital", "Süddeutsche Zeitung", Twitter


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