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Rätselhaftes Symptom Coronavirus – was der Grund für den plötzlichen Geruchsverlust sein könnte

Coronavirus Anosmie: Eine Frau hält sich die Nase zu
Nicht mehr richtig riechen oder schmecken können – über diese Beschwerden klagen viele Covid-19-Patienten
© filistimlyanin / Getty Images
Shampoo, Essen, sogar eine volle Windel: Einige Corona-Infizierte können von jetzt auf gleich nichts mehr riechen. Forscher haben das Phänomen nun untersucht – und eine mögliche Erklärung gefunden.

Husten, Fieber und Halsschmerzen gelten als klassische Symptome von Covid-19 – der Krankheit, die durch das Coronavirus ausgelöst wird. Doch Sars-CoV-2 äußert sich auf vielfältige Weise. Sowohl die Bandbreite als auch die Schwere der Symptome variiert stark. Einige Betroffene berichten etwa, dass sie nicht mehr richtig riechen oder schmecken können. Plötzlich ist das Shampoo unter der Dusche geruchslos, sogar die volle Windel des eigenen Kindes wird nicht mehr wahrgenommen. Eine Betroffene sprach kürzlich mit dem sternüber ihre Erfahrungen. Und über die ungeahnten Komplikationen, als der Geruchssinn nach einer Weile zurückkehrte.

Mediziner kennen das Phänomen bereits. Eine "Anosmie", also der Verlust des Geruchssinns, kann auch bei anderen viralen Infektionskrankheiten auftreten. Doch bei Covid-19 ist der Verlauf augenscheinlich anders – die Beschwerden scheinen nicht im Zusammenhang mit einer verstopften Nase zu stehen. Vielmehr setzt der Geruchsverlust bei den meisten Patienten plötzlich ein, hält für einige Tage an, ehe er sich wieder zurückbildet. Andere Betroffene berichten auch über länger anhaltende Beschwerden.

Geruchsverlust bei Covid-19 – ein häufiges Symptom

Nach Angaben des Robert Koch-Instituts (RKI) entwickeln etwa 15 Prozent aller Covid-19-Patienten Probleme beim Riechen oder Schmecken. Wahrscheinlich ist diese Angabe aber aufgrund von Unterschieden in der Erfassung zu niedrig angesetzt. Andere Studien gehen von einer deutlich höheren Zahl von Betroffenen aus: Demnach hat mehr als jeder zweite Corona-Patient zumindest zeitweise mit Geruchs- und/oder Geschmacksproblemen zu kämpfen.

Aber: Wie kann das Virus den Geruchssinn überhaupt lahmlegen?

Dieser Frage ist ein internationales Forscherteam der renommierten Harvard Medical School in Boston nachgegangen. Bei der Analyse von Zellen konnten die Wissenschaftler nachweisen, dass bestimmte Zelltypen in der oberen Nasenhöhle besonders anfällig für eine Infektion mit dem Coronavirus sind. Interessanterweise zählen Nervenzellen – anders als bislang vermutet – nicht dazu. In Wissenschaftler-Kreisen war zunächst angenommen worden, dass das Virus Riechzellen direkt schädigen könnte, die Geruchsinformationen von der Nase in das Gehirn transportieren.

Um den Mechanismus hinter dem Geruchsverlust zu entschlüsseln, blickten die Forscher auf die Art und Weise, wie das Virus in menschliche Zellen gelangt. Bekannt ist bereits, dass das Virus an sogenannte ACE2-Rezeptoren bindet und im Anschluss mit der Hilfe eines Proteins (TMPRSS2) in die Zelle geschleust wird. Dort angekommen, kann sich der Erreger vermehren und eine Entzündungsreaktion anstoßen.

Auf Nervenzellen, die für das Riechen essenziell sind, konnten die Forscher den ACE2-Rezeptor jedoch nicht finden. Stattdessen befand er sich unter anderem auf sogenannten Stützzellen, die diese Nervenzellen umgeben. "Wir glauben, dass diese Stützzellen am ehesten durch das Virus geschädigt werden", schreiben Simon Gane und Jane Parker, ein nicht an der Studie beteiligtes Forscher-Duo, mit Blick auf die Daten. "Die Immunreaktion könnte dazu führen, dass das Gewebe anschwillt, die olfaktorischen Neuronen aber intakt bleiben."

Die These liefert auch eine Erklärung, warum der Geruchssinn bei vielen ehemaligen Covid-Patienten schnell zurückkehrt: Sobald der Körper die Infektion erfolgreich bekämpft habe, bilde sich die Schwellung zurück und die Aroma-Moleküle könnten sich wieder ungehindert an die unbeschädigten Rezeptoren binden, so die Wissenschaftler. "Der Geruchssinn normalisiert sich wieder."

Training für die Nase

Was aber hat es dann mit den Patienten auf sich, die auch nach Wochen mit Geruchsstörungen zu kämpfen haben? Hier spielt möglicherweise die Schwere der Entzündung eine Rolle, so das Forscher-Duo. Indem der Körper versucht, infizierte Körperzellen zu zerstören, könnte dabei auch umliegendes Nervengewebe angegriffen werden. Dieses braucht länger um sich zu erholen. Die Genesung ist daher oft mit einem zeitweise verzerrten Geruchssinn, einer sogenannten Parosmie, verbunden. Betroffene berichten, dass bestimmte Dinge verbrannt oder chemisch riechen. Medizinern zufolge deutet der unangenehme Geruch darauf hin, dass sich die Riechzellen wieder erholen – man kann ihn daher als gutes Zeichen werten.

"Die gute Nachricht ist, dass sich die olfaktorischen Neuronen regenerieren können. Sie wachsen in fast allen von uns die ganze Zeit nach", schreiben die Wissenschaftler in "The Conversation". Die Rückbildung des Geruchssinns kann zudem mit einem speziellen Geruchs-Training unterstützt werden. "Es gibt keinen Grund zur Annahme, dass das bei einem Geruchsverlust durch Covid-19 nicht funktioniert."

Quelle: Robert Koch-Institut (RKI) / Science Advances / The Conversation

ikr

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