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Covid-19 Forderung nach bundesweiten "Coronaferien": Wie sinnvoll sind Schulschließungen?

Eine Frau mit kurzen, braunen Haaren steht vor einem Fenster und füllt ein Formular aus


Die Berliner Charité bekommt Verstärkung: In Berlin eröffnet Vivantes am 9. März zwei neue Abklärungsstellen für das Coronavirus. Zu finden sind sie ab 10.00 Uhr in einem separaten Gebäude am Wenckebach-Klinikum in Tempelhof, sowie in Räumlichkeiten des ehemaligen Klinikstandorts Prenzlauer Berg in der Fröbelstraße. Und so funktioniert es. Dr. Andrea Grebe, Vorstandsvorsitzende Klinikkonzerns Vivantes, sagt: "Man kommt hier auf einen geschützten Bereich. Der Kontakt mit der administrativen Fachkraft ist über eine Gegensprechanlage. Und hier bekomme ich eine Maske und eine Wartenummer. Dann geht man hier in den Wartebereich. Und wenn ich aufgerufen werde mit meiner Nummer begebe ich mich zu dem jeweiligen Platz. Ich lese hier selber meine Versichertenkarte ein. Dann kommt ein Arzt und stellt mir dann Fragen. Und entscheidet dann, ob ein Test erforderlich ist. Und wenn ja, kommt hier auch wieder durch dieses Rohr dann so ein Teströhrchen. Und hier gehe ich jetzt als Patient zum nächsten Raum, wo dann der Abstrich entnommen wird. Danach bin ich dann fertig erstmal und kriege dann auch Informationsmaterial mit, wie ich mich dann Zuhause zu verhalten habe und kann dann wieder hier dieses Gebäude verlassen." Das Robert Koch-Institut appellierte an Ärzte und die Bevölkerung, Tests nur bei begründeten Verdachtsfällen mit Symptomen zu machen. Es gehe darum, das System nicht zu überlasten.
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Kein Unterricht, manchmal über Wochen. Wegen des neuartigen Coronavirus bleiben auch in Deutschland immer wieder einzelne Schulen geschlossen. Wie sinnvoll wäre das als Maßnahme im ganzen Land?

Früher hitzefrei – heute "Coronaferien". Etliche Kinder werden sich später mal daran erinnern, dass ihr Unterricht im Jahr 2020 wegen eines Virus für Tage oder gar Wochen ausfiel. Im Zuge der Covid-19-Pandemie bleiben auch in Deutschland Schulen zeitweise geschlossen – Dutzende sind es derzeit schon bundesweit. Weltweit verpassen gerade zig Millionen Kinder ihren Unterricht. Dabei sind sich Experten keineswegs einig, dass großflächige Schulschließungen zur Eindämmung von Sars-CoV-2 sinnvoll sind.

In Deutschland gilt derzeit meist: Sobald es einen bestätigten Fall in einer Bildungseinrichtung gibt, wird diese vorübergehend geschlossen. So hat es etwa das bayerische Gesundheitsministerium verfügt. Auch wer aus einem Risikogebiet – zum Beispiel Norditalien – zurückkehrt, soll nach dem Willen der Behörden in München zunächst 14 Tage keine Schule oder Kindertagesstätte besuchen. 

Coronavirus: Kinder entwickeln nur sehr selten deutliche Symptome

Dabei zeigen erste Datenanalysen: Anders als bei der Grippe sind Kinder bei Covid-19 wahrscheinlich keine bedeutsamen Treiber für die Ausbreitung des Virus in der Gemeinschaft. Für Sars-CoV-2 sei abzusehen, dass Kinder nur sehr selten deutliche Symptome entwickeln, hieß es gerade von der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Anzunehmen ist demnach auch, dass Kinder sich vor allem bei Erwachsenen anstecken – Erwachsene aber umgekehrt kaum bei Kindern.

"Schulschließungen können sinnvoll sein, wenn man Hygiene-Maßnahmen nicht gewährleisten kann", sagt die Virologin Ulrike Protzer von der Technischen Universität (TUM) und vom Helmholtz Zentrum München. "Aber man muss die enormen Auswirkungen auf die Wirtschaft und vor allem auch auf das Gesundheitssystem bedenken, wenn die jungen Eltern dann nicht mehr zur Arbeit gehen können, sondern sich um ihre Kinder kümmern müssen."

Mit Blick auf Maßnahmen wie Quarantäne, Absage von Großveranstaltungen und Schulschließungen sei generell wichtig zu verstehen, dass diese nicht auf den Schutz von Einzelpersonen abzielten, weil das Virus etwa so außerordentlich gefährlich wäre. "Sondern sie sind wirklich gedacht, um die Ausbreitung zu verlangsamen", erklärt Protzer.

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Experte hält Schulschließungen für wenig sinnvoll

"Wenn ich ein Virus habe, das auf 100 Prozent empfängliche Personen trifft, dann breitet sich das sehr schnell aus", erklärt die Expertin. In der Folge könne etwa das Gesundheitssystem überlastet und so die Versorgung von Erkrankten gefährdet werden. "Auch wenn man sagt, man schließt eine Schule, dann ist das nicht, weil man Angst hat, dass die Kinder krank werden", sagt sie. "Es geht darum, die weitere Ausbreitung des Virus einzudämmen."

Der Sprecher des Vorstands der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene (DGKH), Peter Walger, hält Schulschließungen ebenfalls nicht für sinnvoll. Allein die Probleme, die sich aus der damit nötigen Kinderbetreuung ergäben, stünden nicht im Verhältnis zum Nutzen, sagte der auf Infektiologie spezialisierte Facharzt. Auch er verweist darauf, dass Eltern dann ebenfalls zu Hause bleiben müssten - mit Folgen für deren Arbeitsstellen und das öffentliche Leben. "Es lohnt nicht, Schulen zu schließen."

Schulschließungen könnten Epidemie eindämmen

Ganz so sieht es das Bayerische Landesamtes für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) nicht: Eine Schließung habe durchaus Potenzial zur Eindämmung der Epidemie, teilte die Behörde mit. Es gebe Erkenntnisse, dass sich Kinder offenbar genauso leicht ansteckten wie Erwachsene.

Tatsächlich kommen Forscher in einer kürzlich präsentierten kleinen Studie zu dem Ergebnis, dass Kinder sich wohl ähnlich häufig wie Erwachsene infizieren - aber nur sehr selten krank werden. Warum Kinder eine Sars-CoV-2-Infektion offenbar besser abzuwehren vermögen, ist bisher unklar.

"Offen ist derzeit die Frage, ob Kinder das Virus genauso effektiv an andere Personen übertragen können wie Erwachsene", heißt es vom LGL. Inwieweit Kinder ohne Symptome ein Übertragungsrisiko darstellten, könne aktuell nicht seriös beantwortet werden, sagt auch DGKH-Sprecher Walger.

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Rund 100 Schulen und Kitas von Schließungen betroffen

Ansteckend oder nicht, für immer mehr Kinder heißt es in den kommenden Tagen wohl vorerst: schulfrei wegen Sars-CoV-2. Der Deutsche Lehrerverband (DL) schätzt, dass derzeit bundesweit rund 100 Schulen und Kitas von tage- oder wochenweisen Schließungen betroffen sind. "Das ist aber eine Schätzung, die jederzeit von der Wirklichkeit überholt werden kann", sagt DL-Präsident Heinz-Peter Meidinger.

Der Verband sei gegen generelle, flächendeckende Schulschließungen – "sogenannte Coronaferien" – wie in Italien, sagt er. So etwas könne nur effektiv sein, wenn es begleitet werde von der Schließung aller Firmen, Arbeitsstellen und Restaurants, von Ausgangssperren und der Stilllegung des öffentlichen Nah- und Fernverkehrs.

Und selbst dann bliebe Meidinger zufolge die Frage: "Was ist nach zwei Wochen Coronaferien, wenn die Neuinfektionen nicht zurückgehen? Verlängert man dann nochmals und nochmals mit enormen Konsequenzen für Abschlussprüfungen und Schullaufbahnen?" Daher sei seine Position: "Zum jetzigen Zeitpunkt und als isolierte Maßnahme hält der DL von generellen Schulschließungen wenig."

rw / Thomas Körbel / Sabine Dobel DPA

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