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Interview

Coronavirus-Ausbreitung: Mailänder Virologin: Deutsche können in den Ferien beruhigt nach Italien fahren

Italien ist das bisher am stärksten vom Coronavirus betroffene Land Europas. Die Zahl der Infizierten steigt stetig. Die Virologin Maria Rita Gismondo sieht im stern-Interview aber keinen Grund zur Panik. 

Mailand: Touristen tragen Atemschutzmasken. In Italien wurden bis Donnerstagabend 650 Infektionen bestätigt. 

Mailand: Touristen tragen Atemschutzmasken. In Italien wurden bis Donnerstagabend 650 Coronavirus-Infektionen bestätigt. 

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Norditalien gehörte zu den ersten europäischen Regionen mit einer hohen Anzahl von Coronavirus-Infizierten. Nach anfänglicher Panik hat sich die Situation im Land inzwischen beruhigt. Ein Gespräch mit Maria Rita Gismondo, Virologin und Laborleiterin im Bereich Mikrobiologie am Krankenhaus Luigi Sacco in Mailand.

stern: Frau Professorin Gismondo, in einigen Teilen Deutschlands sind bald Schulferien. Raten Sie von einem Urlaub in Italien ab?

Gismondo: Ich würde deutschen Schülern raten, ruhig nach Italien zu fahren. Oder nach Frankreich oder in andere europäische Länder. Und das sage ich als Wissenschaftlerin und nicht, weil ich als Italienerin parteiisch bin. Das Virus verbreitet sich überall in Europa. Italien hat großflächig kontrolliert, so dass es uns gelungen ist, die Infizierten rasch zu ermitteln. Wir haben aktuell 420 Fälle, aber nur etwa 20 Menschen sind wirklich erkrankt. Davon befinden sich vier oder fünf Patienten in kritischem Zustand. Man darf also die Zahl von 420 positiv Getesteten nicht mit der Zahl der Erkrankten verwechseln. Nicht jeder, der das Virus hat, wird krank.

Inwieweit ist das öffentliche Leben beeinträchtigt in den betroffenen Gebieten?

Anfangs war das soziale Leben eingeschränkt. Das hatte den positiven Effekt, dass sich die Familien wieder mehr zuhause zusammengefunden haben. Schade nur, dass es diesen Anlass brauchte. Viele arbeiten noch immer im Homeoffice und Studenten nutzen die Online-Angebote ihrer Unis. Nach der ersten Panik, als die Straßen teilweise wie leer gefegt waren und Geschäfte geschlossen hatten, haben die Leute verstanden, dass die Lage nicht so ernst ist. Auch in den elf betroffenen Dörfern ist mittlerweile das Leben auf den Straßen zurückgekehrt. Orte, an denen viele Menschen zusammenkommen, bleiben jedoch geschlossen, wie zum Beispiel die Diskotheken. Das verlangen die Sicherheitsvorkehrungen des Gesundheitsministeriums. Großveranstaltungen sind ebenso abgesagt worden.

Einige Gemeinden in Norditalien wurden abgeriegelt und die Bewohner unter Quarantäne gestellt. Wie bewerten Sie diese Maßnahmen?

Das ist eine reine Vorsichtsmaßnahme in den sogenannten "roten Zonen". Ich finde das richtig, um zu verhindern, dass das Virus sich verbreitet, weil man ja keinen Impfstoff hat oder eine Möglichkeit, pharmakologisch vorzubeugen.

Was wissen Sie über das Virus?

Wir entdecken jeden Tag neue Seiten seines Profils. Im Labor haben wir es isoliert und führen nun Versuche zu seiner Analyse durch wie das anderorts auch geschieht. Das Virus überträgt sich ziemlich schnell und zwar ausschließlich über die Atemwege. Jeder Infizierte kann es zweimal übertragen. Zum Vergleich: Windpocken übertragen sich 18 bis 20 Mal. Corona ist besonders gefährlich für ältere und geschwächte Menschen mit geringer Immunabwehr. 99 Prozent der Patienten haben keine Komplikationen. Die beiden chinesischen Touristen, die in Italien im Krankenhaus behandelt wurden, sind wieder gesund. Es gibt keinen Grund zur Panik. Die Leute haben die Vorsichtsmaßnahmen der italienischen Regierung mit einem Notstand verwechselt.

Ist inzwischen bekannt, wie das Virus nach Italien kam?

Das Virus ist in ganz Europa präsent. In Frankreich, England und Deutschland wurden weitaus weniger Fälle gemeldet als in Italien. Das lang daran, dass diese Länder nur Patienten getestet haben, bei denen sich Krankheitssymptome manifestiert hatten. In Italien wurde weiträumiger kontrolliert. So wurden auch Menschen positiv getestet, die gar keine Symptome hatten. Viele sind Träger des Virus, werden aber nicht krank.

Sie betonen, dass das Virus kaum ernster sei als eine Grippe. Wie kommen Sie zu dieser Einschätzung? Kann man solche Aussagen jetzt schon treffen?

Das Coronavirus ist schon etwas ernster als eine Grippe, aber es ist nicht mit der Infektionskrankheit Sars zu vergleichen. Die normale Grippe etwa hat eine Sterblichkeit von 0,1 bis 0,2 Prozent. Das Coronavirus liegt bei zwei bis drei Prozent. An Sars starben 15 bis 20 Prozent der Erkrankten. Wir treffen diese Aussagen aufgrund der Corona-Fälle, die in China und jetzt auch weltweit aufgetreten sind.

Sie arbeiten im Krankenhaus Luigi Sacco in Mailand. Wie ist die Situation vor Ort? Sind die Stationen überlastet?

Die Krankenhäuser haben sich alle darauf eingestellt, die Patienten aufzunehmen. Es sind aber wirklich nur sehr wenige. Sie provozieren keine Krise des Gesundheitssystems. Zu Beginn waren die Erste-Hilfe-Aufnahmen zeitweise überlastet. Alle wollten den Test machen. Jetzt haben die Menschen verstanden, dass sie besser nicht in Massen ins Krankenhaus strömen, wo man sich eher noch anstecken kann. Die Situation in den Notaufnahmen hat sich wieder beruhigt.

Wie bewerten Sie den Test zum Coronavirus? Könnte ein umfassender Massentest die Verbreitung des Virus eindämmen?

Es gelten die Vorgaben der Weltgesundheitsorganisation und wir halten uns an die beiden Protokolle von Hongkong und Berlin. Wir wenden beide parallel an, um die größtmögliche Sicherheit zu haben. Die positiv getesteten Fälle übermitteln wir an das Gesundheitsministerium und an das öffentliche Gesundheitsinstitut, das Istituto Superiore di Sanità. Ich glaube, es ist nicht realistisch, Massentests durchzuführen. Dann müssten wir Menschen überall auf der Erde testen. Es gibt keine Grenzen für die Globalisierung, und es gibt keine Grenzen für das Virus.

Ihr Labor arbeitet rund um die Uhr – was genau machen Sie?

Wir machen in der Molekularbiologie 500 Tests pro Tag. Die Diagnosen übermitteln wir dann an die verschiedenen Stellen, die sie bei uns für ihre Patienten in Auftrag gegeben haben.

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Was glauben Sie, wie lange Corona uns noch beschäftigen wird?

Ich hoffe, nicht mehr so lange, weil ich wirklich bald nicht mehr kann... Ich glaube, wir werden noch ein oder zwei Wochen mit Spitzenwerten rechnen müssen. Dann gehe ich davon aus, dass die Zahl der Infektionen sinken wird. Aber das ist nur eine Annahme, eine mathematische Sicherheit haben wir dafür natürlich nicht.

Wechseln Ihre Nachbarn die Straßenseite, wenn Sie abends von der Arbeit nach Hause kommen?

Das vielleicht nicht, aber meine Tochter war gerade in Südtirol zum Skilaufen und die Skilehrerin hatte Angst davor, den Teilnehmern, die aus Mailand kamen, die Hand zu geben. Das ist wirklich traurig. Meine Tochter hat mich angerufen und gefragt, ob wir aus dem Labor alle infiziert sind. Nein, habe ich gesagt. Wenn wir infiziert wären, hätte ich dich nicht jeden Abend umarmt.

Interview: Luisa Brandl

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