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Coronavirus-Epidemie: "Ich bin zusammengebrochen": Wie Mediziner und Krankenschwestern in Italien an ihre Grenzen stoßen

Das Bild löste große Bestürzung aus: Eine Kollegin teilte ein Foto von Elena Pagliarini, Krankenschwester in Cremona, die am Ende ihrer Schicht völlig erschöpft an ihrem Schreibtisch zusammenbricht. Das Foto steht symbolisch für viele andere.

Das Bild der Krankenschwester Elena Pagliarini sorgte für Bestürzung in Italien.

Das Bild der Krankenschwester Elena Pagliarini sorgte für Bestürzung in Italien.

Sie hat den Kittel noch an, die Maske noch auf: Völlig entkräftet ist Krankenschwester Elena Pagliarini vor ihrem Schreibtisch zusammengebrochen. Ihr Kopf liegt auf dem Tisch, sie hat die Augen zu.

Das Foto hatte eine Kollegin von ihr vor wenigen Tagen aufgenommen und auf ihrem Facebook-Profil geteilt: Francesca Mangiatordi löste damit große Bestürzung aus. Das Bild steht symbolisch für die vielen Mediziner und Krankenschwestern in Italien, die wegen des grassierenden Coronavirus an ihre Grenzen stoßen.

Elena Pagliarini: "Es war ein Moment der Verzweiflung"

Als Mangiatordi ihre Kollegin so sah, hielt sie den Moment fest. Pagliarini lag zusammengesunken auf ihrem Schreibtisch, vor Erschöpfung eingeschlafen. Wie so viele Kolleginnen und Kollegen in italienischen Kliniken gerieten auch die beiden Krankenschwestern in Cremona in den letzten Tagen an ihre Grenzen.

Zahlreiche italienische Medien griffen das Bild auf. In einem Interview mit dem "Corriere della Sera" äußerte sich die Fotografierte nun selbst zu der Aufnahme. "Es war ein Moment der Verzweiflung, die Schicht war fast zu Ende und ich fühlte mich hilflos", sagte Pagliarini der Zeitung. Sie habe "sehr heftig geweint" und sei dann "zusammengebrochen".

Das Foto entstand um sechs Uhr morgens in der Notaufnahme des Krankenhauses im norditalienischen Cremona. Die Stadt in der Lombardei litt in den letzten Tagen besonders heftig unter dem Corona-Ausbruch.

"Ich kann es nicht erwarten, dass das endet"

Einerseits sei es ihr "sehr peinlich" gewesen, ihr Foto "in allen Zeitungen wiederzufinden" so Pagliarini zum "Corriere". Ich schämte mich, meine zerbrechlichere Seite zu zeigen." Andererseits habe sie sich auch gefreut, da auf ihrem Handy viele Nachrichten eingegangen seien "von Menschen, die sich mit meiner Geschichte identifiziert haben."

Sie hege "viel Leidenschaft" für ihren Beruf, fuhr Pagliarini fort. Und sie erwarte auch nicht, dass man sich bei ihr bedanke. Tatsächlich fühle sie sich körperlich nämlich nicht müde, "ich könnte bei Bedarf auch 24 Stunden durcharbeiten." Was sie fertig mache, sei die Angst. Sie und ihre Kollegen kämpften gerade "gegen einen Feind, den ich nicht kenne. Ich kann es nicht erwarten, dass das endet," so Pagliarini.

"Die Bilder, die wir sehen, nehmen wir mit nach Hause"

Auch Mangiatordi, die das Foto gemacht hatte, äußerte sich gegenüber dem "Corriere". Sie habe das Foto gemacht, um der Öffentlichkeit zu zeigen, "dass wir auch nur Menschen sind. Und trotz des schnellen Tempos in diesen Tagen finden wir immer die richtige Motivation und Energie, um weiterzumachen."

Auch Mangiatordi nahmen die Ereignisse der letzten Tage mit: "Die körperliche Müdigkeit vergeht, aber [...] die Bilder, die wir sehen, die nehmen wir mir nach Hause."

Ihr Appell an ihre Landsleute: "Ich möchte, dass aus diesem Foto eine Aufforderung wird, uns zu helfen: Bleibt zuhause, haltet euch an die Regeln."

Arzt aus Bergamo: kriegsähnliche Zustände in Krankenhäusern

Die beiden Krankenschwestern aus Cremona sind mit ihrem Facebook-Posting nicht die einzigen: Wegen des rasanten Anstiegs der Corona-Erkrankungen stoßen auch andere Kliniken an ihre Grenzen. Im Internet und in anderen italienischen Medien sorgt ein Brandbrief eines aufgebrachten Arztes aus Bergamo (ebenfalls Lombardei) seit einigen Tagen ebenfalls für Aufmerksamkeit.

Er warnt darin, dass der Notstand in den Hospitälern weiter unterschätzt werde. Die Zustände erinnerten ihn teilweise an "Krieg", schrieb er. Es seien "Schlachten", die die Helfer in seinem Haus erlebten. Das Schreiben auf Facebook wurde bis Mittwoch mehr als 36.000 Mal geteilt.

In una delle costanti mail che ricevo dalla mia direzione sanitaria a cadenza più che quotidiana ormai in questi giorni,...

Gepostet von Daniele Macchini am Freitag, 6. März 2020

Kliniken stoßen wegen Coronavirus an Kapazitätsgrenzen

Auch andere Ärzte, Politiker und Fachleute äußerten sich nun mit ernsten Warnungen. "Wir bewirken gerade Wunder, aber wir können nicht mehr lange so weitermachen", zitierte der "Corriere" Antonio Pesenti, Koordinator für Intensivstationen im Krisenstab der Lombardei. Man habe die Zahl der Betten in den Intensivstationen in der besonders betroffenen Lombardei schon erhöht. Aber es bestehe die Gefahr, dass die Zahl der Patienten in Kürze die Kapazitäten der Krankenhäuser übersteige.

Coronavirus: Mediziner aus Italien – "Früher oder später werden wir alle dieses Virus haben"

Der Präsident der Region Abruzzen, Marco Marsilio, wandte sich am Mittwoch ebenfalls mit drastischen Worten an die Öffentlichkeit: Die Krankenzahlen in seiner Region östlich von Rom, die bisher noch nicht im Fokus stand, stiegen in diesen Tagen schnell. "Wir sind bei der Aufnahmefähigkeit der Hospitäler schon an der Grenze angelangt, einige Stationen mussten geschlossen oder verkleinert werden, weil sich Ärzte und Sanitäter angesteckt haben, sie waren stets an vorderster Front", schrieb er auf Facebook.

Quellen: "Corriere della Sera", Facebook-Posting, Nachrichtenagentur DPA

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