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Das Glück ist ein Turnschuh: Frauen und Klimmzüge

Früher spielte sie Fußball, heute joggt sie: Unsere Bloggerin ist sportlich. Aber wenn es um Klimmzüge geht, hängt sie wie ein nasser Sack an der Stange. Warum fällt Frauen die Kraftübung so schwer?

Ich habe einen älteren Bruder. Und natürlich wollte ich als Kind alles, was er konnte und durfte. Als Mädchen in einer Zeit, in der Gleichberechtigung der Geschlechter noch nahezu unbekannt war, keine einfache Sache. Aber ich setzte mich durch. Ich spielte Fußball und wurde sogar vor anderen Jungs ins Team gewählt. Ich hatte kurze Haare. Und ich schlug mir ständig bei irgendwas das Knie blutig. Unendliche Male musste ich mir anhören: "An dir ist ein Junge verloren gegangen."

Aber eine Sache, da konnte ich mich noch so anstrengen, habe ich nie geschafft: Klimmzüge. Ging es darum auf dem Spielplatz, hing ich wie ein nasser Sack an der Stange. Nachdem ich wochenlang heimlich geübt hatte, schaffte ich es, mit größter Anstrengung, mich einmal über die Stange zu recken. Ganz anders die Jungen um mich herum. Mit spielerischer Leichtigkeit machten sie vier, fünf Klimmzüge hintereinander. Am Ende hörte ich dann immer: "Bist eben ein Mädchen".

Wenn es um Klimmzüge geht, scheint an diesem Satz etwas dran zu sein. So mussten die US-Marines Anfang des Jahres den Plan aufgeben, Klimmzüge für Frauen beim Fitness-Test zu fordern. Denn in den Boot-Camps schafften 55 Prozent aller Soldatinnen - trotz vorbereitenden Trainings - die geforderten drei Klimmzüge nicht. Und so ging es nicht nur den Marines. Auch wirklich fitte Frauen tun sich mit Klimmzügen sehr schwer. Ein Grund, warum in amerikanischen Schule 14-Jährige Jungen eine Medaille bekommen, die 10 sogenannte "Pull Ups" schaffen. Mädchen werden dagegen bereits nach zwei Klimmzügen ausgezeichnet.

Warum ist das eigentlich so? Einen Hinweis gibt eine Studie von der University of Dayton. Dafür trainierten 17 normalgewichtige Frauen, die zu Beginn keinen Klimmzug schaffte, drei Monate lang. Vor allem an der Stärkung des Bizeps und dem "Latissimus Dorsi", dem langen Rückenmuskel, wurde gearbeitet. Ebenso absolvierten sie ein Übungsprogramm zur Reduzierung des Körperfettes.

Am Ende des Trainingszyklus hatten die Frauen tatsächlich ihre Kraft im Oberkörper um 36 Prozent gesteigert und ihr Körperfett um 2 Prozent reduziert. Aber trotzdem schafften nur vier der 17 Frauen einen einzigen Klimmzug.

Dieses schlechte Abschneiden überraschte selbst den Studienleiter Professor Paul Vanderburgh. Er sagt: "Ich habe ehrlich erwartet, dass es am Ende jede Frau im Trainingsprogramm schafft." Aber die Studie zeigte deutlich, dass man für Klimmzüge offensichtlich mehr brauche als pure Oberkörper-Kraft. Frauen (und auch Männer) die Klimmzüge gut können, zeichnen sich demnach meist durch eine Kombination aus Kraft, wenig Körperfett und relativ kleiner Statur aus. Weil Frauen weniger Testosteron besitzen, bilden sie im Training weniger Muskeln als Männer. Außerdem können sie weniger Fett abbauen. Männer schaffen es auf etwa vier Prozent Körperfett. Für Frauen ist bereits bei zehn Prozent Schluss.

Aber auch Männer tun sich bei dieser besonderen Fitnessübung schwer. Speziell solche, die eher überdurchschnittlich groß sind oder lange Arme haben. Vergleicht man kleinere Sportler mit einem größeren, der exakt denselben Körperbau hat, aber 30 Prozent größer ist, ist der größere Athlet nur um 20 Prozent stärker. Obwohl er 30 Prozent mehr Gewicht zu tragen hat.

Vanderburgh kommt zu dem Schluss: "Umso länger die Arme, umso schwerer fallen Klimmzüge." Und fügt hinzu: "Aber das sagt nur wenig über die Fitness einer Person aus." Das gilt für Männer und Frauen gleichermaßen. Aber Frauen dürfen sich jetzt trotzdem bei den Marines bewerben. Statt "Pull Ups" müssen sich jetzt für mindestens 15 Sekunden ihr Kinn über die Reckstange halten können.

Das alles heißt aber nicht, dass Frauen keine Klimmzüge können. Acht ist derzeit der Rekord unter den weiblichen Marines. Der Weg dahin ist nur viel, viel schwerer als für Männern.

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