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Dioxin-Skandal: Futtermittel-Probe lag einen Monat ungetestet im Labor

Womöglich hätte der Dioxin-Skandal deutlich früher erkannt oder gar verhindert werden können: Bereits Ende November wurde eine Probe des verseuchten Futtermittels gezogen - aber erst Ende Dezember untersucht. Schlamperei? Oder dem Mangel an Kontrolleuren geschuldet?

Hätte der Dioxin-Skandal womöglich viel früher aufgedeckt werden können? Diese Frage steht jetzt im Raum. Wie nun bekannt geworden ist, wurde das mit Dioxin verseuchte Futtermittel am 11. November hergestellt, am 25. November wurde eine Probe gezogen – aber erst am 27. Dezember untersucht. Bei der Analyse der Probe wurde ein Dioxingehalt von 36 Nanogramm festgestellt.

Laut den niedersächsischen Landesbehörden erhielten diese am 23. Dezember erstmals Kenntnis von möglichen Verunreinigungen in Futtermitteln – von Seiten des Herstellers Harles und Jentzsch, der die Belastung bei einer von ihm veranlassten Kontrolle feststellte. Die Lieferungen waren vom 12. November bis zum 23. Dezember an 25 Mischfuttermittelhersteller in vier Bundesländern ausgeliefert worden.

Daher können bis zu 3000 Tonnen Futterfett mit dem Dioxin belastet sein. Da dies mit einer Rate von zwei bis zehn Prozent in das Tierfutter für Legehennen, Mastgeflügel und Schweine eingemischt wird, könnten bis zu 150.000 Tonnen Futter von dem Skandal betroffen sein.

Es fehlen 1500 Kontrolleure

Der aktuelle Dioxin-Fall unterstreicht, dass in Deutschland ein Mangel an Kontrolleuren in der Lebensmittelbranche herrscht. "Uns fehlen bis zu 1500 Kontrolleure, um spürbaren Überwachungsdruck auf die Branche ausüben zu können", sagte der Vorsitzende des Bundesverbandes, Martin Müller, der "Neuen Osnabrücker Zeitung". Lebensmittelsicherheit in Deutschland sei daher eine Mogelpackung. Etwa jedes zweite Unternehmen in Deutschland werde innerhalb eines Jahres gar nicht überprüft, sagte Müller. Bundesweit seien derzeit 2500 Kontrolleure für 1,1 Millionen Betriebe zuständig, in manchen Regionen gebe es nur einen Mitarbeiter für 1200 Firmen.

Unterdessen hat der Deutsche Bauernverband (DBV) seine Forderung nach Entschädigungen bekräftigt. "Wer den Schaden verursacht hat, muss ihn auch bezahlen", sagte Generalsekretär Helmut Born dem Berliner "Tagesspiegel". "Wir werden gegenüber den Futtermittelbetrieben ganz sicher vorstellig werden", kündigte er an. Nach seiner Einschätzung kann die Sperrung eines Hofs dessen Besitzer "sehr schnell 10.000 oder 20.000 Euro Umsatz" kosten.

Harles und Jentzsch vor der Insolvenz?

Im Hause des Futtermittelherstellers Harles und Jentzsch liegen unterdessen offenbar die Nerven blank. Vertriebschef Klaus Voss sagte dem "Westfalen-Blatt": "Wir sind ziemlich deprimiert und können die Firma eigentlich dicht machen." Man wolle noch am Donnerstag über eine drohende Insolvenz entscheiden. Der Geschäftsführer Siegfried Sievert dementiert aber: "Es ist nicht so. Wir arbeiten weiter." Futtermittel würden zurzeit nicht verkauft, aber das Geschäft mit technischen Fettsäuren sichere die Existenz.

Die Verunreinigung von Futterfett mit Dioxin sei ein Einzelfall gewesen und von der Firma selbst gemeldet worden. Bei Razzien im Firmensitz in Uetersen und einem Tochterunternehmen im niedersächsischen Bösel hatten die Behörden am Mittwoch zahlreiche Unterlagen beschlagnahmt. In dem Betrieb in Bösel hat es nach Darstellung des Präsidenten des Niedersächsischen Landesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (Laves), Eberhard Haunhorst, eine "eher kriminelle Machenschaft" gegeben. Der Mischbetrieb, der die dioxinverseuchten Fette beigemischt und an weiterverarbeitende Betriebe geliefert haben soll, sei illegal betrieben und deshalb nicht kontrolliert worden, sagte Haunhorst dem NDR. In diesem Fall handele es sich eindeutig um ein kriminelles Vorgehen.

136.000 belastete Eier in die Niederlande geliefert

Nach Erkenntnissen der EU-Kommission sind möglicherweise 136.000 dioxinverseuchte Eier aus Deutschland in der niederländischen Nahrungsmittelindustrie verarbeitet worden. Sie seien nicht in den Handel gelangt, sagte der Sprecher von EU-Verbraucherkommissar John Dalli am späten Mittwochabend in Brüssel. Bisher sei nicht klar, in welchen Produkten die Eier verarbeitet wurden und ob sie tatsächlich mit Dioxin belastet waren. Die fragliche Charge Eier stammte von einer Firma aus Sachsen-Anhalt und wurde Anfang Dezember an ein Unternehmen im niederländischen Barneveld geliefert.

dho/DPA/Reuters / DPA / Reuters

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