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Ehec-Verdacht in Magdeburg: Experten finden mutierten Keim auf Gurkenrest

Auf einem Gurkenstück aus einer Magdeburger Mülltonne haben Experten den Ehec-Erreger gefunden. Bei der Forschung nach dem HUS-Auslöser kamen Mediziner einen Schritt voran.

Auf einem Gurkenrest in einer Mülltonne in Magdeburg haben Experten die mutierte Form des Ehec-Keims nachgewiesen. Dies teilte ein Sprecher des Landesgesundheitsministeriums am Mittwoch mit. Die Mülltonne gehört einer Familie, die an Ehec erkrankt ist. Insgesamt gibt es in Sachsen-Anhalt 32 Ehec-Fälle.

Der Familienvater aus Magdeburg war leicht erkrankt, die Mutter wurde in einem Krankenhaus behandelt und ist inzwischen wieder entlassen. Die Tochter leidet derzeit noch unter der besonders schweren Verlaufsform (HUS), hieß es weiter. Nach DPA-Informationen sind die Eltern beide 50 Jahre alt, die Tochter erwachsen.

Wie das Bakterium in die Mülltonne geriet, blieb zunächst unklar. Die Gurkenreste lagen dort schon mindestens eineinhalb Wochen. Die weitere Suche nach den Ehec-Darmkeimen im Umfeld der Familie hatte kein Ergebnis gebracht. Es sei auch kein Bezug der Familie zu Norddeutschland bekannt. Die Ermittler untersuchten auch Supermärkte, in denen die Familie eingekauft hatte. Nirgendwo wiesen die Proben Auffälligkeiten auf. Es sei auch nicht ausgeschlossen, dass die Familie erkrankt sei und von ihr der Erreger dann auf die Gurke übertragen wurde, sagte Paech.

Mediziner finden HUS-Auslöser

Unterdessen haben Mediziner der Universitätskliniken Greifswald und Bonn Hinweise auf die Ursache schwerer Verläufe bei Ehec-Patienten mit dem hämolytisch-urämischen Syndrom (HUS) gefunden. Vieles deute darauf hin, dass neben dem Giftstoff Shigatoxin auch die Bildung von Autoantikörpern für schwere Schädigungen verantwortlich sei, sagte der Transfusionsmediziner Andreas Greinacher vom Universitätsklinikum Greifswald. Autoantikörper sind Antikörper, die sich nicht gegen fremde sondern gegen körpereigene Stoffe richten.

Die Autoantikörper verursachten einen Anstieg eines Gerinnungsfaktors, wodurch die Durchblutung wichtiger Gehirnregionen und der Nebennieren eingeschränkt sei. Sie werden nur von einigen Ehec-Patienten gebildet. Neurologische Auswirkungen wie Bewusstseinsstörungen und Epilepsien gehören zu den schwierigsten Ehec-Komplikationen. Inzwischen wurden erste schwer erkrankte Patienten mit einer speziellen Blutwäschetherapie behandelt, bei der die Autoantikörper aus dem Blut gefiltert werden. "Die ersten Entwicklungen bei den Blutwerten stimmen uns optimistisch", sagte Greinacher.

Warum bei bestimmten Ehec-Patienten das Autoimmunsystem fehlgeleitet sei, sei unklar. Nach Angaben Greinachers und seines Bonner Kollegen Bernd Pötzsch bilden sich die Autoantikörper erst im Verlauf der Erkrankung. "Die Autoantikörper entstehen frühestens fünf Tage nach der Ehec-Infektion. Damit erklärt sich, warum die Patienten die Durchfallerkrankung in der Regel bereits überstanden haben und erst danach die schweren neurologischen Symptome auftreten", sagte Greinacher.

Krisentreffen zur Ehec-Epidemie

Im ARD-"Morgenmagazin" erteilte Gesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) Forderungen nach einer neuen, zentralen Bundesbehörde im Kampf gegen Infektionskrankheiten erneut eine Absage: "Für mich ist nicht entscheidend, wer welche Behörden unter sich hat." Vielmehr müsse "auf Fachebene gut zusammengearbeitet werden". Bahr räumte allerdings Probleme bei der Kommunikation und Koordination zwischen den beteiligten Behörden und Institutionen ein. "Es wurde zu viel spekuliert. Das hat die Menschen verunsichert", sagte der Minister. Es müsse daher darüber geredet werden, wie die Koordination verbessert werden könne. Bayerns Gesundheitsminister Markus Söder (CSU) sprach sich auf dem Berliner Krisentreffen zur Ehec-Epidemie für stärkere Bundeskompetenzen aus. An der Sondersitzung nahm auch EU-Verbraucherkommissar John Dalli teil. Er lobte die Bemühungen der deutschen Behörden, forderte aber mehr Kooperation mit dem Ausland.

Bahr wies außerdem auf eine positive Entwicklung bei der Zahl der Ehec-Neuinfektionen hin. "Es ist eine Tatsache, dass die Neuinfektionszahlen zurückgehen", sagte Bahr. Indirekt führte er dies auch auf die vom Robert-Koch-Institut (RKI) herausgegebenen Warnungen vor dem Verzehr roher Tomaten, Gurken und Blattsalate zurück. Es sei dem RKI gelungen, die Infektionsquelle einzugrenzen, sagte der Minister. Den Bürgern empfahl er, sie "sollten sich an die Verzehrempfehlungen halten". Bisher habe es in Deutschland 25 Todesopfer durch den Darmkeim gegeben, sagte Bahr nach dem Krisentreffen in Berlin.

"Politik hechelt Ereignissen hinterher"

Vor dem Treffen der Gesundheits- und Verbraucherschutzminister waren die Forderungen nach einer zentralen Koordinierungsstelle im Ehec-Krisenmanagement immer lauter geworden. Der Direktor des Max-Planck-Instituts für Infektionsbiologie, Stefan Kaufmann, sprach sich in der Tageszeitung "Die Welt" dafür aus, einen Regierungskoordinator zum Schutz der Bevölkerung vor Infektionsgefahren und für das Krisenmanagement beim Auftreten gefährlicher Erreger zu berufen. Die Bundesregierung sollte einen Beauftragten für globale Gesundheit benennen, wie es ihn auch auch schon für Kultur, Medien und Integration gebe. Dieser Beauftragte müsste die Zusammenarbeit zwischen den einzelnen Ministerien optimieren, sagte der Seuchenbiologe.

Heftige Kritik übt der Max-Planck-Forscher am Auftreten der Behörden angesichts der Ehec-Infektionswelle in Deutschland. Derzeit meldeten sich Minister verschiedener Ressorts mit den Leitern ihrer nachgeordneten Behörden zu Wort und es entstehe der Eindruck, "als würde die Politik den Ereignissen hinterherhecheln". "Erst Gurken, dann Sprossen. Das verunsichert die Menschen unnötig", sagte Kaufmann. Angesichts der weiterhin erfolglosen Suche nach der Quelle der Ehec-Epidemie war zuletzt die Kritik am Krisenmanagement der Behörden in Bund und Ländern gewachsen. Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU) widersprach im Bundestag der Kritik am Ehec-Krisenmanagement und setzte hinzu: "Ich finde es fast schon unerträglich, wie alle möglichen selbsternannten Experten alle möglichen, wahnsinnigen Theorien in die Welt setzen - das verunsichert die Verbraucher mit Sicherheit am allermeisten."

mlr/DPA/AFP / DPA

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