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Foto von Intensivstation All diese Medikamente braucht ein beatmeter Covid-19-Patient – an einem einzelnen Tag

Twitter Medikation Coronavirus: Die tägliche Medikation eines beatmeten Covid-19-Patienten
Überblick über die tägliche Medikation eines beatmeten Covid-19-Patienten
© Twitter/Screenshot
Auf Twitter sorgt ein Bild für Aufsehen, das den täglichen Medikamentenbedarf eines beatmeten Covid-19-Patienten zeigen soll. Der stern sprach mit Intensivmediziner Stefan Kluge darüber, wie realistisch das Foto ist und welche Nebenwirkungen die einzelnen Präparate bergen. 

Zu sehen sind Dutzende Ampullen, Fläschchen und Infusionen: "Das ist sehr eindrücklich", schreibt der Berliner Virologe Christian Drosten auf Twitter zu einem Bild, das den täglichen Medikamentenbedarf eines beatmeten Covid-19-Patienten zeigt. Die Aufnahme und der dazugehörige Tweet stammen ursprünglich von David Frocester, der laut Medienberichten als Intensivmediziner am Gloucestershire Royal Hospital in Großbritannien arbeitet.

"Diese ganzen Medikamente braucht es, um einen Covid-Patienten für einen Tag auf der Intensivstation zu versorgen", schreibt Frocester. Er hält dagegen, dass es nur einen einzigen Impfstoff benötige, um all das zu verhindern. Den Post schließt er mit dem Aufruf, sich impfen zu lassen: "#getthejab". 

Mit dem Foto und der dazugehörigen Botschaft hat der Brite in Zeiten von hohen Infektionszahlen und schwächelnden Impfquoten offenbar einen Nerv getroffen. Der Tweet wurde bislang mehr als 37.000-mal gelikt und mit mehr als 14.000 Retweets bedacht. Doch ist die Auflistung stimmig und welche Mittel sind im Einzelnen zu sehen? Darüber hat der stern mit dem Intensivmediziner Professor Stefan Kluge gesprochen. 

Intensivmediziner über Corona-Medikation

Die Darstellung sei "realistisch", erklärte Kluge, Vorstandsmitglied der Divi und Direktor der Klinik für Intensivmedizin am Universitätsklinikum Hamburg (UKE), auf Anfrage. Das Foto zeige Medikamente, die bei einem beatmeten Covid-19-Patienten zum Einsatz kämen und biete einen Überblick über die tägliche Medikation.

Invasiv beatmete Patienten werden über einen Plastikschlauch in der Luftröhre mit Sauerstoff versorgt und liegen im künstlichen Koma. Benötigt würden im Wesentlichen Narkosemedikamente (Midazolam, rechts; Propofol, milchige Substanz links von der Mitte), Mittel zur künstlichen Ernährung und Flüssigkeitsversorgung (Beutel mit Protein, Glukose und Plasmalyt-Infusionslösung im Hintergrund) sowie Medikamente zur Stabilisierung des Kreislaufs (Noradrenalin, dritte und vierte mittelgroße Ampulle von links), so Kluge.

Zu sehen seien außerdem unter anderem Alfentanil, ein Schmerzmittel, das bei künstlichem Koma zum Einsatz komme, sowie Paracetamol. Hinzu kämen Dexamethason, ein Kortison, das bei beatmeten Covid-19-Patienten und solchen, die zusätzlichen Sauerstoff benötigen, die Sterblichkeit senke und Atracurium, ein Muskelrelaxans, das die künstliche Beatmung erleichtere. Im Vordergrund liegen zwei Spritzen mit Heparin, das Blutgerinnseln vorbeugen soll.

"Im Schnitt erhält ein beatmeter Covid-19-Intensivpatient 15 verschiedene Medikamente", so Kluge, der vor Kurzem an der Aktualisierung der S3-Leitlinie zur stationären Therapie von Patienten mit Covid-19 mitgewirkt hat. Die Darstellung zeige demnach die wesentlichen Mittel. 

Nebenwirkungen der Medikamente

Die Medikamente, die das Überleben der Patienten sichern sollen, bergen aber auch gewisse Risiken, betonte der Experte. Zu den bekannten Nebenwirkungen von Narkosemitteln würden etwa schwere Blutdruckschwankungen zählen. Das Mittel Midazolam könne bei älteren Patienten lange nachwirken und Verwirrtheitszustände (Delir) auslösen. Mittel zur Stabilisierung des Kreislaufs können laut Aussage des Experten Hautschäden oder Venenreizungen nach sich ziehen. Hinzu kämen Risiken der künstlichen Ernährung, darunter Infektionen.

Covid-19 aktuell: Neue Corona-Zahlen für Deutschland

Allein das Nebenwirkungsrisiko der Covid-19-Medikation übersteige das der Impfung "deutlich", so Kluge. Und dabei seien noch nicht einmal die zusätzlichen Risiken der künstlichen Beatmung und der Covid-19-Erkrankung bedacht. "Für uns Intensivmediziner ist es deswegen extrem unverständlich, dass sich so viele Menschen in Deutschland nicht impfen lassen."

Stiko empfiehlt Booster ab 70 Jahren 

Studien belegen, dass Corona-Impfungen das Risiko, schwer an Covid-19 zu erkranken, deutlich reduzieren. Eine Untersuchung des französischen Epi-Phare-Instituts mit Daten von rund 7,7 Millionen vollständig geimpften Personen ab 50 Jahren kam kürzlich zu dem Schluss, dass die Impfstoffe von Biontech/Pfizer, Moderna und Astrazeneca die Zahl zu erwartender schwerer Krankheitsverläufe in dieser Altersgruppe um mehr als 90 Prozent senken. Ältere und Vorerkrankte können den Impfschutz durch eine Booster-Impfung auffrischen. Die Ständige Impfkommission (Stiko) empfiehlt den "Booster" beispielsweise für Menschen ab 70 Jahren und Immungeschwächte.

Nach Angaben des Divi-Intensivregisters werden in Deutschland aktuell 2687 Covid-19-Patienten auf Intensivstationen behandelt (Stand: 9.11.) Seit einigen Wochen steigen die Zahlen stark an. Auch die bundesweite Sieben-Tages-Inzidenz bei den Neuinfektionen klettert weiter in die Höhe. Sie erreichte am Dienstag den zweiten Tag in Folge einen Höchstwert seit Beginn der Pandemie und lag nach Angaben des Robert Koch-Instituts (RKI) bei 213,7. 

Nach Ansicht von Expertinnen und Experten ist die aktuelle Impfquote in Deutschland mit 67,1 Prozent zu niedrig, um die hochansteckende Delta-Variante unter Kontrolle zu bringen und starke Belastungen der Intensivstationen zu verhindern. Das Robert Koch-Institut (RKI) hatte bereits vor Monaten vorgerechnet, dass dafür schätzungsweise 85 Prozent der 12- bis 59-Jährigen und 90 Prozent der Senioren ab 60 Jahren geimpft sein müssen.

Angesichts der aktuellen Zahlen wird derzeit wieder über verschiedene Maßnahmen zur Eindämmung des Virus diskutiert – die Vorschläge reichen von einer bundesweiten 2G-Regelung bis hin zu einer Wiedereinführung der kostenlosen Bürgertests. Einig sind sich Expertinnen und Experten in einem Punkt: Die Impfquote muss weiter steigen, da Ungeimpfte in den kommenden Wochen und Monaten ein hohes Risiko haben werden, sich mit dem Coronavirus zu infizieren. 


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