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Offener Brief: "Verzweifelte Patienten und bürokratischer Blödsinn" - der Hilferuf einer Physiotherapeutin

Sie ärgert sich mit falsch ausgestellten Rezepten herum und muss Patienten nach Feierabend versorgen: Die Physiotherapeutin Modesta Kriebel erzählt aus ihrem Alltag - und warum sie sich nicht über fehlende Nachwuchskräfte wundert. 

Physiotherapeutin Modesta Kriebel

Physiotherapeutin Modesta Kriebel (40) liebt ihren Job - doch er bringt sie immer wieder an ihre Belastungsgrenze

Schmerzt der Rücken, sind sie zur Stelle: Physiotherapeuten kommt im Gesundheitswesen eine zentrale Rolle zu. Sie kümmern sich, wenn Patienten nach einem Bruch wieder laufen lernen müssen, lösen Verspannungen, behandeln schmerzende Muskeln. Oft gelingt es ihnen, Patienten zu einem schmerzärmeren Alltag zu verhelfen. Doch das System krankt: Schlechte Bezahlung und bürokratische Vorgaben führen dazu, dass sich die Prioritäten verlagern - weg vom Patienten, hin zum Schreibtisch.  

Unter dem Motto "Therapeuten am Limit" berichten zahlreiche Heilmittelerbringer aus ganz Deutschland über ihren Alltag - darunter auch Logopäden, Ergotherapeuten und Podologen. Die Protestaktion wurde von dem Physiotherapeuten Heiko Schneider initiiert: Er fuhr mit dem Fahrrad von Frankfurt am Main nach Berlin zum Gesundheitsministerium, um Briefe von Therapeuten aus ganz Deutschland zu überbringen.

Der stern darf exklusiv einen der Briefe veröffentlichen. Er stammt von Modesta Kriebel. Die 40-Jährige arbeitet in einer Praxis für Physiotherapie in Nöttingen, Baden-Württemberg.  

"Ich betreibe seit März 2012 eine kleine Praxis im ländlichen Raum in . Zu Beginn war das alles als Ein-Frau-Unternehmen gedacht, der Teil, der sich am Schreibtisch abspielt, sollte sich in Grenzen halten. Hat nicht geklappt.

Schon nach neun Monaten begann mir die Arbeit über den Kopf zu wachsen, zu viele Patienten, sehr hoher Anteil an neurologisch schwer Erkrankten, die zum Teil bis heute im Hausbesuch versorgt werden müssen.

Meine Suche nach Mitarbeitern verlief überraschend positiv. Auf dem Dorf kennt man sich, innerhalb von zwei Monaten konnte ich zwei gewinnen, durch meine Tätigkeit an der Schule für Physiotherapie fünf Monate später eine weitere. Seitdem haben wir die Stellen auf bis zu 32 Stunden pro Woche ausgebaut.

Doch damit endet der Positiv-Bericht. Seit sieben Monaten suche ich nun schon weitere Unterstützung am Nachmittag und am Abend, kein Erfolg. Patienten, die Termine nach 15 Uhr brauchen, können wir seit Oktober nicht mehr annehmen. Lymphdrainage und neue Hausbesuche können wir uns nicht mehr leisten, dafür muss viel zu viel Zeit aufgewendet werden, was wirtschaftlich absolut nicht mehr tragbar ist, wenn man seinen Mitarbeitern ein halbwegs anständiges Gehalt zahlen möchte, was ich tue. Seit wir keine neuen Lymphpatienten mehr annehmen, konnte ich die Löhne erhöhen. Traurig.

Eine Kollegin im Nachbarort ist in Rente gegangen - der Supergau

Gestern kam (am Tag nach meinem Urlaub, welch tolles Timing) mein Rentenbescheid. Ich darf mit unfassbaren 562,26 Euro rechnen. Und das auch nur, weil ich mittlerweile privat vorsorge. Das ist in der Preis dafür, wenn man nicht immer 100 Prozent gearbeitet hat. Danke dafür.

Der Supergau ist dann Ende März 2018 passiert. Eine Kollegin im Nachbardorf ist in den Ruhestand gegangen. Nun rufen fast täglich verzweifelte Patienten oder deren Angehörige an, die einen neuen Therapeuten suchen. Es sind überwiegend Hausbesuche (der Schwerpunkt der Kollegin, die gegangen ist), also Patienten, die wirklich hilfsbedürftig sind. Die nun niemanden finden, der sie weiterhin versorgt. Den gesetzlichen Versorgungsauftrag leider ungenügend erfüllt, liebe Krankenkassen. Setzen, 6.

Wir sind Teil einer 10.000-Seelen-Gemeinde mit fünf Physiotherapie- und einer Masseur-Praxis und kommen mit der Arbeit nicht mehr rum. Räumlich hätte ich noch Platz für eine/n weitere/n Kollegen/-in, aber es ist momentan niemand zu bekommen. Woher denn auch? Die Schüler googeln heute vor ihrem Schulabschluss nach den Verdienstmöglichkeiten. Spätestens, wenn sie den durchschnittlichen Lohn eines Logopäden, Physio- oder Ergotherapeuten mit 2300€ brutto herausgefunden haben, ist dieser Berufswunsch Geschichte. Davon kann kein Alleinverdiener eine Familie vernünftig versorgen.

Und dann ist da ja noch das Schulgeld. Welcher Berufsanfänger geht denn mit circa 18 000 Euro Schulden in den ersten Job? Jetzt müssen wir noch das bisschen Lohn in Zertifikate stecken, denn ohne diese kann man nur circa 52 Prozent der Patienten, die kommen, versorgen. Das ist ein absolutes Unding!

Solange man noch Schulgeld bezahlen muss und nicht zumindest die Zertifikate für Lymphdrainage und Manuelle Therapie in die Ausbildung inkludiert werden, wird sich nichts daran ändern, dass sich junge Leute einen anderen Beruf aussuchen. Das macht mich wütend, denn es ist ein sehr schöner, vielseitiger und erfüllender Beruf.

Nun kommen wir zu meinem Lieblingspunkt, dem bürokratischen Aufwand. Ich verbringe mittlerweile circa zwei Stunden am Tag mit Papier, kurz vor der Abrechnung deutlich länger. In der Zeit kann  ich keine Patienten behandeln. In der Zeit halte ich meinen Mitarbeiterinnen den Rücken frei, damit diese einfach nur das tun können, wofür wir eigentlich ausgebildet worden sind: den Patienten zu einem schmerzärmeren Leben zu verhelfen.

Ich verlege Termine, kassiere Rezeptgebühren für die Krankenkasse, quittiere und verbuche diese, kontrolliere Rezepte, rufe Patienten zurück, zum Teil fünf Mal, bis man mal jemanden erreicht, telefoniere mit Arztpraxen, bespreche Änderungen, die ich selber vornehmen darf, faxe falsch ausgestellte Rezepte, die ich nicht selber ändern darf, zur Änderung, warte auf diese Faxe, telefoniere erneut, weil nur zwei von drei nötigen Änderungen vorgenommen wurden oder der Arzt nicht unterschrieben hat oder weil der Stempel fehlt oder, oder, oder, ich könnte noch eine Weile weitermachen.

Für all das werde ich nicht bezahlt

Es gibt keinen Abrechnungsposten für "bürokratischen Blödsinn" oder "Fehler von anderen korrigieren", auch nicht für "Inkasso für die Krankenkasse" oder "Hilfe bei der Statistik" (Indikationsschlüssel werden von den Kassen beispielsweise dafür benutzt, um herauszufinden, wie viele "Wirbelsäulenbeschwerden mit kurzfristigem Behandlungsbedarf" behandelt wurden. Sind sie von der Arztpraxis falsch auf das Rezept geschrieben worden und bemerken wir dies nicht, werden wir nicht bezahlt.). Ist für die Behandlung auch wirklich wichtig, dass korrekte Codes verwendet werden. Patient kann wieder arbeiten gehen, Therapeut wird nicht bezahlt, so einfach geht das.

Meine eigenen Patienten behandle ich im Übrigen überwiegend dann, wenn meine Mitarbeiter Feierabend haben. Dann gehe ich gegen 20 Uhr nach Hause, oft nach einem 10- bis 12-Stunden-Tag.

Das klingt jetzt alles sehr negativ. Ist es auch. Mit der neuen Datenschutzverordnung haben wir schon wieder ein Monstrum vor der Nase, was uns noch mehr unbezahlte Arbeit bringen wird. Da fragt man sich dann schon regelmäßig, wann man seine Mitarbeiter ziehen lässt, die Zulassung abgibt und einfach nur noch Privat- und Selbstzahler behandelt. Oder sich doch mal wieder auf die Stellenanzeige in der Kinderklinik bewirbt. Die suchen zum nächstmöglichen Zeitpunkt. Wäre soviel stressfreier."

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Bearbeitet von: Ilona Kriesl

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