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Covid-Spätfolgen Eine US-Studie macht Long-Covid-Patienten Hoffnung – die Lösung könnte die Corona-Impfung sein

Schlapp und abgeschlagen: Jeder Zehnte leidet unter Corona-Spätfolgen
Jeder Zehnte leidet nach der Corona-Erkrankung weiter unter Symptomen.
© nimis69 / Getty Images
Einer von zehn Covid-19-Patienten leidet unter Spätfolgen, ist dauermüde oder kann sich nicht mehr konzentrieren. Manchen von ihnen geht es nach der Impfung besser. Ist der zusätzliche Immunboost eine Chance auf Heilung? Eine neue US-Studie macht Hoffnung.

Auch Wochen und Monate nach einer durchgemachten Corona-Infektion fühlen sich viele noch längst nicht fit. Sie kämpfen weiterhin mit Symptomen, die nicht abklingen wollen. Sind müde und abgeschlagen, kurzatmig, schlafen nicht richtig, klagen über Magen-Darm-Beschwerden, Depressionen oder sogenannten "Hirnnebel", Konzentrations- und Gedächtnisschwierigkeiten. Die Liste der Symptome ist lang. Wissenschaftler der Uni Köln und des King's College in London gehen davon aus, dass jeder zehnte Covid-19-Patient von Langzeit-Symptomen betroffen ist. Wie ihnen geholfen werden kann, ist noch weitgehend unklar. Hoffnung machen jetzt vermehrt Berichte von Patienten, deren Symptome sich linderten, nachdem sie geimpft wurden. Ist der zusätzliche Immunboost die Lösung?

Erste Hinweise, dass Impfungen die Symptome von Long-Covid-Patienten tatsächlich bessern könnten, fanden britische Forscher von der North Bristol NHS Trust. Sie wollten herausfinden, wie es 66 Menschen, die aufgrund ihrer Corona-Erkrankung im Krankenhaus behandelt werden mussten, drei und acht Monate nach der Entlassung geht und ob Unterschiede zwischen Geimpften und Ungeimpften festgestellt werden können. Untersucht wurde unter anderem, ob die Patienten weiterhin Symptome haben, ob die Erkrankung Auswirkungen auf die Lebensqualität hat und wie es um das seelische Wohlbefinden steht.

Bessere Immunantwort nach Impfung

Dafür wählten die Wissenschaftler ein Verhältnis von 2:1 – 44 Geimpfte, 22 Ungeimpfte. 82 Prozent der Teilnehmer waren demnach auch nach acht Monaten noch hochgradig symptomatisch für Long Covid und berichteten von mindestens einem Symptom, unter dem sie weiterhin litten. Meist waren das Müdigkeit und Kurzatmigkeit. Aber: Den Geimpften ging es besser als den Ungeimpften. Im Direktvergleich zeigte sich bei ihnen eine "leichte Verbesserung der Long-Covid-Symptome". Es kam seltener zu einer weiteren Verschlechterung der Beschwerden, stattdessen konnten Symptome häufiger behoben werden. Und das unabhängig davon, ob bei der Immunisierung das Biontech/Pfizer- oder Astrazeneca-Vakzin verimpft worden war. Negative Auswirkungen durch Impfungen konnten die Forscher im Gegenzug nicht erkennen. 

Eine mögliche Erklärung für die Beobachtungen aus Großbritannien könnte nun eine weitere Studie aus den USA liefern. Die Forscher untersuchten dafür 83 Mitarbeiter der Rutgers Universität in New Jersey, die sich im vergangenen Jahr mit dem Coronavirus infiziert hatten. Im Zuge der Studie prüften sie zum einen die Antikörper- und B-Gedächtniszell-Antworten auf die Infektion und verglichen außerdem die Immunantworten von Immunisierten und Ungeimpften.

Sind dysfunktionale B-Zellen schuld?

Bei 22 Teilnehmern überwachten sie über sieben Monate die Antikörperreaktion. Dabei fanden sie unter anderem heraus, dass sich bei den meisten Teilnehmern im Laufe der Zeit die Antikörper im Labor immer schwerer taten, Sars-CoV-2 zu neutralisieren, die Gedächtnisantwort hingegen blieb konstant. Sie stellten auch fest, dass Geimpfte, die bereits eine Corona-Infektion durchgemacht hatten, mit einer stärkeren Immunantwort aufwarten konnten. Bei diesen wurde eine höhere Anzahl Antikörper und B-Gedächtniszellen nachgewiesen. Zurückzuführen sei das wahrscheinlich auf die vorhergegangene, bereits überstandene Infektion.

Außerdem fanden die Wissenschaftler sogenannte doppelt negative B-Gedächtniszellen, eine Untergruppe von B-Gedächtniszellen, auch dysfunktionale B-Zellen genannt, in erhöhter Anzahl vor – selbst bei denjenigen, die nur relativ milde Symptome hatten. Und diese könnten die Ursache für Long Covid sein, glauben die Forscher. Dass diese Untergruppe der B-Gedächtniszellen Autoantikörper produzieren, ist nicht neu. Dabei handelt es sich um Antikörper, die sich gegen körpereigenes, gesundes Gewebe richten. Als Folge können sich unter anderem Autoimmunkrankheiten entwickeln.

Vorzeitige Immunerschöpfung

Die Forscher vermuten, dass das Vorkommen dieser doppelt negativen B-Zellen eine Erklärung für die Produktion von Autoantikörpern im Körper von Covid-19-Patienten sein und des Weiteren auch auf eine vorzeitige Immunerschöpfung hinweisen könnte. Denn laut Studie wurde außerdem eine Häufung von seneszenten B-Zellen festgestellt. Also solcher Zellen, die vorzeitig aufhören sich zu teilen. Eine solche Erschöpfung wurde im Zusammenhang mit Covid-19 bereits bei T-Gedächtniszellen beobachtet.

Die Impfung scheint diesem Mechanismus entgegen zu wirken. Nach der Immunisierung, verimpft wurden hier die Wirkstoffe von Moderna und Biontech, stellten die Wissenschaftler einen Rückgang von dysfunktionalen B-Zellen im Körper der Studienteilnehmer fest. Und genau das könnte, glauben die Forscher, das Nachlassen von Long-Covid-Symptomen auslösen. Stark runtergebrochen würde das bedeuten: Je weniger der doppelt negativen B-Zellen im Körper produziert werden, desto weniger Autoantikörper und Long-Covid-Symptome. 

Long-Covid-Patient berichtet halbes Jahr danach von Krankheitsfolgen

Aktuell gibt die Empfehlung der Ständigen Impfkommission (Stiko) vor, Menschen, die bereits mit Covid-19 infiziert waren, frühestens ein halbes Jahr danach zu impfen. Allerdings basiert diese Empfehlung auf der Annahme, dass diese Menschen Antikörper gegen das Virus entwickelt haben, welche diese zumindest in den ersten Monaten vor einer Re-Infektion schützen. Die Prioritätenliste wurde in Zeiten von Impfstoffknappheit aufgestellt, damit zuerst diejenigen geimpft werden, die am gefährdetsten sind, schwer an Covid-19 zu erkranken.

Dass eine Impfung möglicherweise gegen Long-Covid-Symptome hilft, spielte bei der Einschätzung keine Rolle. Ohnehin ist das auch jetzt noch nicht belegt. Sowohl die britische als auch die US-Studie sind bislang nur als Preprint erschienen und noch nicht von unabhängigen Experten bewertet worden. Zudem handelt es sich jeweils um kleine Studien mit nur einer geringen Anzahl an Probanden. Ob sich die Beobachtungen auch in breiter angelegten Studien erhärten, bleibt abzuwarten.

Virologe Christian Drosten hatte in dem Podcast "Coronavirus-Update" allerdings schon Anfang März gesagt, dass er sich gut vorstellen könne, dass an den berichteten Positiv-Effekten bei Long-Covid-Patienten nach der Impfung etwas dran sei. Anhaltende Symptome nach einer Corona-Infektion seien möglicherweise auf "Virusrestbestände" im Körper zurückzuführen. Diese ließen sich, sagte er, vielleicht durch einen solchen Immunboost, wie er durch Impfungen ausgelöst wird, ausmerzen.

tpo

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