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Einschätzung der Verbraucherzentralen: Private Krankenversicherung hat keine Überlebenschancen

Dass die Krankenversicherung im Monat 1095 Euro kostet, bleibt auch für Privatpatienten ein Extremfall. Trotzdem wird der Ruf nach Reformen lauter. Verbraucherschützer geben der Branche keine Zukunft.

Die Private Krankenversicherung (PKV) hat nach Meinung der Verbraucherzentralen angesichts teilweise dramatischer Beitragssteigerungen keine Überlebenschance. "Sie wird sich selbst abschaffen", sagte der Vorstand ihres Bundesverbands, Gerd Billen, am Donnerstag in Berlin. Die Branche wehrt sich.

"Es gibt eine eklatante Zahl von Fällen, wo es Beitragssteigerungen von bis zu 30 Prozent von einem Jahr aufs andere gegeben hat", sagte Billen. Er forderte Gesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) auf, den Tarifwirrwarr bei der PKV zügig systematisch zu untersuchen und kundenfreundliche Reformen auf den Weg zu bringen.

"Die Möglichkeit, innerhalb der PKV in günstigere Tarife zu wechseln, muss einfacher werden", verlangte Billen. Gegen übermäßig viele medizinische Untersuchungen bei Privatpatienten sei mehr Qualitätssicherung nötig. Der Verband forderte eine Pflicht zur Beitragsrückzahlung im Fall von Erhöhungen durch zu riskantes Wirtschaften. Bahr solle geschlossene Tarife unter die Lupe nehmen, in die keine jüngeren Kunden nachrücken könnten. Ältere trügen hier besondere Beitragsrisiken.

PKV erhebt Einspruch

PKV-Verbandsdirektor Volker Leienbach hielt dem Verband mangelnde Seriosität vor: "Mehrere unabhängige Branchen-Analysedienste haben aktuell einen Beitragsanstieg in der PKV von durchschnittlich nur rund 2 Prozent festgestellt." Das Analysehaus "Morgen & Morgen" zeige, dass es für 45 Prozent der Tarife kein Beitragsplus gibt. Jeder könne zudem in einen anderen Tarif seines Versicherers wechseln. Deutschland habe auch dank der PKV eine hervorragende Gesundheitsversorgung für alle, sagte Debeka-Chef Uwe Laue der "Rhein-Zeitung".

Von 144 Kunden-Beschwerden der vergangenen Monate hätten 65 die Central, 25 die Gothaer und 19 die DKV betroffen, erläuterte Michael Wortberg, der bei den Verbraucherzentralen eine Studie dazu gemacht hat. Insbesondere ältere PKV-Kunden seien wegen riskanter Tarifberechnungen zugunsten von Jungkunden vor Tarifsprüngen nicht geschützt. Eine 59-Jährige habe einen Monatsbeitrag von 1095 Euro bezahlt. Bei einer anderen Privatversicherten seien 76 Prozent der Rente für die Prämie draufgegangen.

Ihr Versicherungsexperte Lars Gatschke sagte, Provisionen für Makler seien in den vergangenen Jahren auf bis zu 14 Monatsbeiträge gestiegen - und zwar wegen der schwierigen Aufgabe, Versicherte in billige Einsteigertarife mit geringem Leistungsniveau zu locken. Nicht zuletzt diese Tarife hätten einige Versicherungen dann in finanzielle Schwierigkeiten gebracht. Die im Herbst beschlossene Obergrenze von maximal neun Provisionen reiche nicht aus, kritisierte Gatschke.

Beitragssteigerungen mit "irrwitzigem Ausmaß"

Für die längerfristige Perspektive unterstützte der Verbraucherschützer Billen Forderungen von AOK-Chef Jürgen Graalmann nach gleichen Bedingungen für gesetzliche und private Kassen. Graalmann hatte der DPA gesagt: "Wenn das heutige Geschäftsmodell der PKV gescheitert ist, darf es keine politischen Kompensationsgeschäfte geben."

SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles sagte: "Die Beitragssteigerungen in der PKV nehmen zum Teil ein irrwitziges Ausmaß an. Die PKV steht mittlerweile für preislich kein Vergnügen." Linke-Expertin Martina Bunge sagte: "Die PKV dagegen ist nicht reformierbar. Sie muss abgeschafft werden und mit ihr die Zwei-Klassen-Medizin."

DPA / DPA

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