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Erfolgreiche Protestwelle im Netz Wie eine Mutter den Hebammen hilft


Dumpinglöhne und explodierende Haftpflichtkosten: Hebammen haben es schwer in Deutschland. Im Netz bündelt eine Mutter die Wut - mit Erfolg. Nun verspricht die Politik Hilfe.
Von Lea Wolz

Nitya Runte ist gerne Hebamme. Noch immer, sagt die 49-Jährige, mache sie ihren Beruf aus Leidenschaft. "Es ist einfach ein riesiges Geschenk, Schwangere persönlich betreuen zu können und dabei zu sein, wenn ein neues Leben beginnt." Die Kölnerin bietet als Freiberuflerin außerklinische Geburtshilfe an, begleitet Schwangere also durch die gesamte Schwangerschaft, Geburt und Stillzeit. Das allerdings machen immer weniger Hebammen in Deutschland - denn sie können es sich schlichtweg nicht mehr leisten.

Eine Situation, die Anke Bastrop, Schriftstellerin aus Schwerin und Mutter von zwei Kindern, untragbar findet. Sie hat daher am Tag der Bundestagswahl eine Online-Kampagne gestartet, in der sie auf die Probleme der Hebammen hinweist - und die Politiker zum Handeln auffordert. Denn die prekäre Situation der Geburtshelferinnen ist bekannt, doch passiert ist bis jetzt nicht viel.

Etwa 21.000 Hebammen gibt es hierzulande, rund zwei Drittel davon arbeiten freiberuflich. Von ihnen geben immer mehr das Kerngeschäft ihrer Arbeit auf: die Betreuung bei der Geburt. "Zähneknirschend und heulend", berichtet Runte, würden viele ihrer Kolleginnen ihre Tätigkeit auf die Vor- und Nachsorge verlagern. Nur noch etwa 3000 Freiberuflerinnen bieten so wie die Kölner Hebamme Geburtshilfe an. Das Problem: Die Haftpflichtprämien steigen seit Jahren, die Löhne hingegen stagnieren. "Uns steht das Wasser bis zum Hals", sagt Runte. Die Kosten für die Pflichtversicherung haben nach Angaben des Deutschen Hebammenverbands (DHV) seit 2008 jede vierte Hebamme gezwungen, die Geburtshilfe aufzugeben.

In den vergangenen zehn Jahren hätten sich die Prämien verzehnfacht, kritisiert der DHV, der größten Berufsverband der Hebammen in Deutschland. Auch im kommenden Jahr wird es einen weiteren Anstieg geben - um 20 Prozent. Eine freiberufliche Hebamme müsse dann im Jahr mehr als 5000 Euro für die Versicherung bezahlen, rechnet der Verband vor. Zum Vergleich: 1998 waren es noch knapp 400 Euro.

Eine immense finanzielle Bürde, bei gleichzeitig geringer Entlohnung: 8,50 Euro betrage der Stundenlohn im Durchschnitt. Allein um ihre Versicherungsprämie 2014 bezahlen zu können, müsse eine Hebamme etwa 18 Geburten in einer Klinik betreuen, rechnet der DHV vor. Eine große Auswahl haben Hebammen bei ihrer Versicherung auch nicht. Nur noch wenige Versicherer bieten überhaupt diese Leistung an. Der Markt ist klein, Wettbewerb: Fehlanzeige.

Greift die Haftpflicht, kann es teuer werden

Doch warum steigen die Prämien überhaupt? "Die Zwischenfälle bei Geburten haben zwar nicht zugenommen, aber in den Einzelfällen muss mehr gezahlt werden", sagt Maren Borgerding vom DHV. Geht bei einer Geburt etwas schief, kann die Schadenssumme schnell in exorbitante Höhen steigen: Schmerzensgeld, Gerichtskosten und Regressforderungen der Krankenkassen, die für Behandlungen aufkommen - das alles kann sich auf mehrere Millionen summieren. Gestiegen sei zudem die Bereitschaft der Eltern zu klagen, sagt Borgerding. Für viele Freiberufler ist die Geburtshilfe daher schlichtweg finanziell zu riskant - und das hat Folgen.

"Das Recht jeder Frau auf die Hilfe einer Hebamme bei der Geburt und die freie Wahl des Geburtsortes existieren vielerorts nur noch auf dem Papier", kritisiert Runte. Eine flächendeckende Versorgung sei schon lange nicht mehr möglich. Zum Nachteil der werdenden Mütter: Geburtshäuser schließen, kleinere Krankenhäuser machen ihre Geburtshilfe-Abteilung dicht, und Hebammen, die auch eine Hausgeburt begleiten, sind schwer zu finden. "Und das nicht nur auf dem Land, sondern mittlerweile auch in einer Großstadt wie Köln", sagt die Hebamme. So kann es passieren, dass Schwangere zig Kilometer fahren müssen, um doch noch die Unterstützung einer Geburtshelferin zu bekommen. Mitunter ist das dann gar nicht mehr möglich. Runte ist daher davon überzeugt: "Der Staat muss sich einschalten, das geht die gesamte Gesellschaft etwas an."

Der Hebammenverband fordert etwa einen staatlich finanzierten Haftungsfond, der die Hebammen entlastet und dazu beiträgt, dass sich der Versicherungsmarkt wieder reguliert. "Zudem müssen die Regressforderungen der Krankenkasse gedeckelt und die Einnahmen zweckgebunden werden", sagt Borgerding vom DHV. "Ansonsten fährt das Hebammenwesen in Deutschland vor die Wand."

Das will Anke Bastrop verhindern. "Hebammen arbeiten fast schon im Bereich des Ehrenamtes", sagt sie. "Wenn Frauen nicht von Beginn der Schwangerschaft bis zum Ende der Stillzeit mit Hebammenhilfe versorgt werden können und es keine Wahlfreiheit für die Geburt gibt, wird ein brutaler Angriff auf Intimsphäre, Würde und Freiheit von Menschen Normalität."

Bastrop trommelt daher mit ihrer Online-Kampagne für die Anliegen der Hebammen. "Mit dieser Petition wollen wir für das Recht der Frau auf Wahlfreiheit und eine hebammengeführte Geburtshilfe einstehen", schreibt sie. "Wir fordern daher die neuen Regierungsparteien auf, jetzt zu handeln und die Stabilisierung des Hebammenwesens in den neuen Koalitionsvertrag aufzunehmen." 95.000 Menschen hatten die Petition bis zum Beginn dieser Woche bereits unterzeichnet.

Richtig Fahrt aufgenommen hat die Aktion allerdings in den vergangenen Tagen - als sich herausstellte, dass das Thema in den Koalitionsverhandlungen keine Rolle spielte. Obwohl das im Wahlkampf noch ganz anders klang: Angela Merkel (CDU) ließ sich im Rahmen des Bürgerdialogs von Nitya Runte die Sorgen und Nöte der Hebammen schildern und versprach, sich persönlich darum zu kümmern. Auch ihr Herausforderer Peer Steinbrück (SPD) betonte in der Wahlarena deutlich, dass das Problem erkannt sei. Und Karl Lauterbach, SPD-Verhandlungsführer für Gesundheit, machte den Frauen und Hebammen Anfang November Hoffnung: Als Anke Bastrop und andere Unterstützerinnen ihm die ersten 80.000 Unterschriften der Aktion überreichten, versprach er, das Thema im Koalitionsvertrag zu verankern und eine Lösung für den drohenden Zerfall des Hebammenwesens zu finden.

Kleine Lobby, große Kraft im Netz

Doch die Lobby der Hebammen ist klein und längst nicht so stark wie die der Ärzteschaft. Gehör verschafften sie sich aber mit einer Wutaktion in den sozialen Medien. Anke Bastrop postete ein Bild von Jens Spahn, dem Verhandlungsführer der Union für den Bereich Gesundheit. Darunter stand: "Mir doch egal! Wahlfreiheit in Gefahr. Der Hebammenberuf stirbt aus. Im Koalitionsvertrag steht dazu: NICHTS. 95.000 Menschen sagen: Danke für Nichts, Herr Spahn."

Das Foto verbreitete sich rasch, die Petition fand innerhalb weniger Tage Zehntausende weitere Unterzeichner. Auch Spahn blieb die Protestaktion in den sozialen Medien nicht verborgen. Am Mittwoch reagierte er und postete auf Facebook: "Die Sicherstellung einer flächendeckenden Versorgung mit Geburtshilfe ist uns wichtig. Wir werden daher die Situation der Geburtshilfe und Hebammen im Speziellen beobachten und für eine angemessene Vergütung sorgen. Ist so, bleibt so und kommt auch in den Koalitionsvertrag." Und schob im Ton etwas oberlehrerhaft nach: "Damit sich hier mal wieder alle beruhigen…"

"Jetzt habe wir die offizielle Zusage, dass die Hebammen im Koalitionsvertrag stehen", sagt Anke Bastrop. "Das ist ein Grund zur Freude." Es sei ein gutes Zeichen, dass die mittlerweile 120.000 Unterzeichner der Petition ernst genommen wurden. Die Petition will sie noch online lassen, bis der Koalitionsvertrag beschlossen ist.

Ohne diese Aktion, davon ist auch die Kölner Hebamme Nitya Runte überzeugt, wäre das Thema in den Verhandlungen untergegangen. "Eine solche Unterstützung, initiiert von einer Mutter, ist eine tolle Sache", sagt sie. Das Spahn allerdings von "beobachten" spricht, bereitet ihr Bauchschmerzen. "Beobachten", sagt sie, müsse man das nicht mehr. "Wir wollen endlich Taten sehen."


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