Ernährung Wie viel Vitamine sind gesund?


Ohne sie können wir nicht leben - zum Glück hat die Natur die Vitamine lecker verpackt und sicher dosiert. Wer mehr braucht, als gesundes Essen bietet, und auf Extra-Portionen aus dem Drogeriemarkt setzt, sollte sich schlau machen. Denn mit Pillen und Pulvern kann man auch zu viel des Guten tun.
Von Nicole Heissmann

Die Nachricht klang alarmierend: Vor rund zwei Wochen verweigerte die dänische Nahrungsmittelaufsicht dem Corn-Flakes-Giganten Kellogg's die Zulassung für zwölf Sorten Frühstücksflocken und sechserlei Müsliriegel - weil das Unternehmen zu viele Vitamine beimischen wollte. "Mit diesen Vitamingehalten laufen die Verbraucher Gefahr, die sicheren Obergrenzen zu überschreiten", begründet Paolo Drostby von der Behörde die Entscheidung. Bei unseren nördlichen Nachbarn nehmen die Hälfte der Erwachsenen und drei von vier Kindern täglich Multivitamintabletten. Wenn dann auch noch eine Fülle von Lebensmitteln angereichert werde, fürchten Verbraucherschützer, könnte das zu viel des Guten werden.

Risiko Vitamine?

Eine Sorge, die im Fast-Food-Zeitalter erst einmal verwundert. Haben wir nicht alle gelernt, dass wir mit Pepsi und Pizza viel zu wenig von den unsichtbaren Gesundmachern bekommen? Dass wir als Gestresste besonders viel davon brauchen. Als Jugendliche und Sportler aber auch. Und als Alte sowieso. Wie groß ist heute die Gefahr, sich nicht gut genug mit Vitaminen zu versorgen - oder entschieden zu reichlich?

Nicht nur in Dänemark, auch in Deutschland werden zusätzlich zur normalen Nahrung längst Vitamine en masse geschluckt. Nach einer Untersuchung der Universität Hannover nehmen 40 Prozent der Frauen und 32 Prozent der Männer regelmäßig Pillen, Säfte und Pülverchen - vor allem, weil sie sich vor Krankheiten schützen wollen, weil sie hoffen, so eine möglicherweise unausgewogene Ernährung auszugleichen oder Müdigkeit und Erschöpfung entgegenzuwirken. In den 90er Jahren verzeichneten die Vitaminhersteller einen regelrechten Boom, aber auch nach der Jahrtausendwende ist die Zahl der verkauften Packungen noch gestiegen. Heute geben die Bundesbürger jährlich fast 1,2 Milliarden Euro für Vitamin- und Mineralstoffpräparate aus.

Hinzu kommt eine stetig wachsende Zahl von Lebensmitteln, die mit Gesundmachern aufgepeppt sind: Extra vitaminreiche Frühstücksflocken, ähnlich wie jene, die Kellogg's in Dänemark auf den Markt bringen wollte, stehen hierzulande längst in den Regalen. Und auch Müsli, Saft und Kekse, Trockensuppen und Tiefkühlgemüse sollen "einen wertvollen Beitrag für Ihre Ernährung" leisten, "das Immunsystem stärken" oder mehr "Genuss für Ihre Gesundheit" bieten. "Die Nahrungsmittelhersteller erobern zunehmend den Markt, der bislang von der Pharmaindustrie beherrscht wurde", sagt Melanie Esters vom Frankfurter Marktforschungsinstitut AC Nielsen. Das Unternehmen schätzt das Marktvolumen von so genanntem Functional Food in Deutschland für 2002 auf 25 Milliarden Euro - fast neun Prozent des gesamten Nahrungsmittelmarktes. Weltweit ist das Designer-Essen nach Expertenansicht inzwischen ein Billionen-Dollar-Geschäft.

Wie viel von alldem brauchen wir? Fest steht, dass wir ohne Vitamine nicht leben könnten. Das lässt schon der Name ahnen - der chemisch allerdings in die Irre führt. "Vita" heißt auf Lateinisch "Leben", "Amin" steht für eine Stickstoffverbindung. Als der polnische Arzt Casimir Funk 1912 die Vitamine auf diesen Namen taufte, glaubte er noch, allein die Stickstoffgruppe darin sei für deren Wirkung verantwortlich. Nachträglich wurden aber weitere Vitamine entdeckt, die gar keinen Stickstoff enthalten. Insgesamt 13 hat man bisher definiert, hinter einigen verbergen sich ganze Familien ähnlicher Stoffe.

Unser Körper stellt die meisten Vitamine nicht selbst her oder er produziert zu wenig davon. Deshalb sind wir auf Zufuhr von außen angewiesen. Schon winzige Mengen reichen - denn der Organismus nutzt sie weder als Baumaterial noch als Energiequelle. Sie werden gebraucht, um die Chemie des Körpers in Gang zu halten: Vitamine unterstützen die Verdauung, den Aufbau von Zellen und Organen, das Immunsystem: Vitamin B1 aus Schweinefleisch etwa hilft den Nervenzellen, aus Traubenzucker Energie zu gewinnen. Vitamin D aus fettem Fisch ermöglicht es den Knochen, reichlich Kalzium einzubauen - ein Schutz vor Osteoporose im Alter. Und das bekannte Vitamin C, die Ascorbinsäure, ist ein echtes Multitalent: Es trägt zum Aufbau von Bindegewebe bei, fördert die Eisenaufnahme im Darm, hilft, den Körper zu entgiften, und unterstützt die Abwehrzellen im Blut.

"Deutschland ist kein Vitaminmangelland"

, schreibt die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) in einer aktuellen Stellungnahme - wobei es gilt, "Mangel" und "Unterversorgung" auseinander zu halten. Bei echtem Vitaminmangel reagiert der Körper mit handfesten Krankheitssymptomen. Extremer Vitamin-C-Mangel quälte als Skorbut über Jahrhunderte die Seeleute: Zahnfleischbluten, große Blutergüsse und Wadenschmerzen waren die ersten Anzeichen, viele Matrosen raffte die Krankheit dahin. Auch die früher bei Kindern gefürchtete Knochenerweichung Rachitis ist eine Mangelerscheinung, verursacht durch zu wenig Vitamin D. Nachtblindheit kann eine Folge von Vitamin-A-Mangel sein. Solche Symptome sind in Industrieländern heute sehr selten.

Was Experten hierzulande tatsächlich beobachten, ist eine Unterversorgung mit einzelnen Vitaminen. Das bedeutet, dass jemand nicht die "empfohlene Zufuhr" oder den "Schätzwert für eine angemessene Zufuhr" erreicht. Um seinen Körper optimal zu versorgen, braucht der Mensch nach Ansicht von Fachleuten mehr. Ein Massenphänomen ist dies bei zwei Vitaminen: Der Durchschnittsdeutsche hat zu wenig Vitamin E, das die Hüllen der Körperzellen vor Zerstörung durch aggressive Sauerstoffradikale schützt und die Verklumpung von Blutplättchen hemmt. Außerdem sollte er mehr Folsäure zu sich nehmen - sie spielt eine Rolle bei der Bildung und Teilung von Zellen, verhindert bestimmte Arten von Blutarmut und beugt möglicherweise Herz-Kreislauf-Erkrankungen vor.

Überdies gibt es einige Bevölkerungsgruppen, die einen erhöhten Bedarf an bestimmten Vitaminen haben - und deshalb oft nicht genug bekommen:

- "Wer Obst und Gemüse meidet, nimmt in der Regel auch zu wenig Vitamin C auf", sagt Helmut Heseker, Professor für Ernährungswissenschaft an der Universität Paderborn. "Das betrifft vor allem Männer: Umfragen zufolge essen zehn bis 15 Prozent der Männer weniger als einmal pro Woche Obst und Gemüse."

- Für schwangere Frauen ist Folsäure besonders wichtig. Sie senkt das Risiko, ein schwer fehlgebildetes Baby zur Welt zu bringen, etwa ein Kind mit Neuralrohrdefekt, einer Unterentwicklung von Rückenmark oder Gehirn.

- Säuglinge brauchen von zwei Vitaminen Sonderrationen - und bekommen sie heute in der Regel von Ärzten oder über angereicherte Babynahrung. So träufelt man ihnen meist direkt nach der Geburt Tropfen mit Vitamin K ein - einem Stoff, der wichtig für die Blutgerinnung ist.

Weil sie in ihren ersten Monaten oft zu wenig an der Sonne sind, fehlt ihnen häufig Vitamin D. Denn dieses wichtige Knochenvitamin kann der Körper nur mit Hilfe von UV-Licht in der Haut bilden. Industrieller Säuglingsnahrung werden in Deutschland deshalb zehn Millionstel Gramm Vitamin D pro Liter zugesetzt. Zusätzlich bekommen die meisten Babys täglich Vitamin-D-Tabletten.

- Wie die Jüngsten sind auch viele Ältere mit Vitamin D unterversorgt.Denn die Produktion des Stoffs in der Haut nimmt im Alter ab. Außerdem leidet etwa jeder Dritte jenseits der 65 an einer chronischen Magenschleimhautentzündung - die dazu führt, dass die Vitamin-B12-Aufnahme gestört ist.

- Stresssituationen infolge von Verletzungen oder Operationen, aber auch extreme psychische Belastungen können den Bedarf an Vitamin C in die Höhe treiben - wobei Wissenschaftler zurzeit noch nicht exakt sagen können, wie groß die Extraportion Ascorbinsäure sein müsste, um die Betroffenen optimal zu versorgen.

- Starke Raucher nehmen weniger Vitamin C auf und setzen gleichzeitig mehr davon im Körper um. Daher wird für Raucher eine um die Hälfte höhere Vitamin-C-Zufuhr empfohlen als für Nichtraucher.

- Schon bei Freizeitsportlern steigt der Bedarf an antioxidativem Vitamin A, C und E: Bei Anstrengung verbraucht der Körper mehr Sauerstoff und bildet mehr freie Sauerstoffradikale, die die Membranen, Eiweiße und das Erbgut im Körper angreifen.

- Während einer Erkältung sinkt der Vitamin-C-Gehalt im Blut deutlich ab, der Kranke braucht Extraportionen.

Menschen, die keinen erhöhten Bedarf haben,

können ihren Körper durch ganz normales Essen mit allem Nötigen versorgen. Experten raten zu einem abwechslungsreichen Speiseplan mit einem hohen Anteil pflanzlicher Lebensmittel wie Vollkorn, frischem Obst und Gemüse. "Bei gesunder Mischkost braucht man eigentlich keine Zusatzpräparate", sagt Hans Konrad Biesalski, Professor für Ernährungswissenschaft an der Universität Hohenheim. Und auch mancher, der besonders viele Vitamine braucht, kann auf natürlichem Wege zufüttern: etwa, indem er als Raucher konsequent mehr Paprika und Zitrusfrüchte isst.

Gerade Hersteller von Vitaminpillen verweisen gern auf die schlechte Qualität frischer Lebensmittel. So seien die Böden, auf denen Brokkoli, Birnbaum und Co. wachsen, mittlerweile ausgelaugt, die Ernte enthalte nur noch einen Bruchteil der einstigen Vitaminfülle. Eine Befürchtung, für die es nach Ansicht von Verbraucherzentralen und DGE keine überzeugenden Hinweise gibt. Unter anderem, weil die Böden heute durch reichliches Düngen eher mehr Nährstoffe enthalten als früher. Höchstens bei Jod oder Fluorid sei der Gehalt gering.

Dagegen setzen Lagerung und Zubereitung dem Vitamingehalt tatsächlich zu: Denn spätestens wenn der Apfel vom Baum gepflückt und der Salat geerntet ist, tickt die biologische Uhr für die Vitamine: Hitze, Sauerstoff, Licht und Wasser sind ihre Feinde. So kann ein Apfel, der auf dem Obstteller im warmen Wohnzimmer liegt, nach vier Wochen seinen gesamten Schatz an Vitamin C eingebüßt haben. Und beim Garen von Gemüse kann die Hälfte der Folsäure verloren gehen. Wer von den Vitaminen möglichst viel profitieren will, sollte Obst und Gemüse daher kühl und dunkel lagern, schnell verarbeiten und möglichst kurz bissfest garen. Bei Karotten hilft außerdem kurzes Dünsten mit etwas Öl, um das fettlösliche Betacarotin besser aufzunehmen.

Haltbarer sind da natürlich eingekapselte Pillenvitamine.

Doch ob sie wirklich viel bringen, lässt sich längst nicht so sicher sagen wie bei Obst und Gemüse: Die Ergebnisse der zahlreichen Studien widersprechen einander häufig. So ist immer noch unklar, ob die Gesundheitsspender in isolierter Form anders wirken als in der natürlichen Nahrung. Denn dort kommen sie in Begleitung von Ballaststoffen und weiteren Substanzen vor, die sekundäre Pflanzenstoffe genannt werden.

Dass man die Wirkung von Vitaminpräparaten immer noch nicht wirklich einschätzen kann, zeigt das Beispiel der "Antioxidantien", bekannt als "ACE-Vitamine". Man hatte festgestellt, dass Menschen, die viel davon im Blut haben, seltener an Krebs oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen leiden. Gleichzeitig wusste man, dass an der Entstehung dieser Leiden aggressive Sauerstoffteilchen, die "freien Radikale", beteiligt sind. Sie entstehen etwa durch UV-Strahlen, Umweltgifte oder Rauchen und greifen als "Oxidantien" im Körper die Zellhüllen, Eiweiße und die Erbsubstanz an.

Weil die Vitamine A, C, E und das Betacarotin, eine Vorstufe von Vitamin A, als "Antioxidantien" die aggressiven Radikale unschädlich machen können, hielt man sie für die perfekte Gesundheitspolizei. "Antioxidantien galten seit den 80er Jahren als eine Art Lebensversicherung. Die These lautete: Aggressiver Sauerstoff und Radikale verursachen Krebs und Herzkrankheiten - Antioxidantien schützen die Zellen davor", fasst Helmut Heseker die vermeintliche Heilsformel zusammen.

Doch die Wissenschaftler erlebten eine herbe Enttäuschung: In den vergangenen zehn Jahren wurden in Europa und den USA mehr als zehn große Studien zur Wirkung antioxidativer Vitamine durchgeführt. Insgesamt 110 000 Männer und Frauen schluckten freiwillig und regelmäßig die Vitamine A, C und E, Betacarotin oder ganze Cocktails. Die Versuche liefen über drei bis zwölf Jahre und sollten endgültig den Beweis liefern, dass Antioxidantien vor Krebs und Herzerkrankungen schützen. Aber keine Untersuchung konnte eindeutige positive Ergebnisse vorweisen.

Trotz aller Skepsis raten Mediziner manchem Patienten zu Vitamin-Supplements.

"Es geht nicht darum, allen Menschen Vitaminpräparate zu empfehlen", sagt der Ernährungswissenschaftler Biesalski. "Aber wir müssen Risikogruppen definieren, die einen höheren Bedarf haben." So halten Experten Vitamin-B12-Ergänzungen bei Senioren für sinnvoll - meist werden sie in Form von Spritzen verabreicht, um den oft geschädigten Verdauungstrakt zu umgehen. Auch Vita-min D oder Multivitamine sollten ältere Menschen ruhig nehmen.

Für Schwangere ist es schwierig, ihren Folsäurebedarf ausschließlich mit Spinat und Tomaten zu decken. Frauen, die sich ein Baby wünschen, sollten schon vor Beginn der Schwangerschaft zu einem entsprechenden Präparat greifen. Viele beginnen aber erst einige Wochen später, Folsäure zu nehmen - obwohl sie gerade in der ersten Zeit der Embryonalentwicklung wichtig wäre. Erst vor kurzem empfahl deshalb eine Arbeitsgruppe aus Wissenschaftlern, Fachgesellschaften und Instituten für Deutschland, Österreich und die Schweiz eine gezielte Anreicherung von Mehl und Salz mit Folsäure, nach amerikanischem Vorbild: "In den USA und Kanada wird seit 1998 flächendeckend Mehl mit Folsäure angereichert. Studien zufolge ist dadurch die Zahl der Neuralrohrdefekte um etwa 30 Prozent gesunken", sagt Klaus Pietrzik, Professor an der Universität Bonn und Präsident der Gesellschaft für angewandte Vitaminforschung.

Auch wer Diät macht, kann von Vitaminpillen profitieren. Der Körper hat zwar beim Hungern in der Regel keinen erhöhten Bedarf, aber viele Abspeckspeisepläne enthalten eben auch nicht mehr die Normalportion an Nährstoffen: "Wenn Sie eine Diät machen und insgesamt wenig oder einseitig essen, kann ein Multivitaminpräparat sinnvoll sein. Man sollte aber keine extrem hoch dosierten Pillen schlucken, sondern sich an die normalen Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung halten", sagt Regina Brigelius-Flohé, Abteilungsleiterin am Deutschen Institut für Ernährungsforschung.

Während es kaum möglich ist, mit der normalen Nahrung zu viel von Ascor-binsäure und Co. zu futtern (höchstens durch extreme Mengen der Vitamin-A-Bombe Leber), kann es bei Pillen tatsächlich zu Überdosierungen kommen - erst recht in der Kombination mit angereichterten Lebensmitteln. So werden wasserlösliche Vitamine - in hohen Dosen eingenommen - zwar normalerweise vom Körper ungenutzt mit dem Urin ausgeschieden. Große Mengen Vitamin C, obwohl wasserlöslich, scheinen bei empfindlichen Menschen jedoch das Auftreten von Harnsteinen zu fördern. In Mega-Dosen ab etwa drei bis vier Gramm täglich kann Ascorbinsäure selbst bei Gesunden Durchfall und Magen-Darm-Beschwerden verursachen. Und auch andere wasserlösliche Vitamine können in großen Mengen unerwünschte Wirkungen haben: Vitamin B6 führte bei 50 bis 500 Milligramm am Tag langfristig zu schweren Nervenerkrankungen, die sich unter anderem durch ständiges Kribbeln in Armen und Beinen äußerten.

Noch problematischer sind die fettlöslichen Vitamine, vor allem A und D: Sie können vom Körper nicht einfach über die Nieren entsorgt werden. Eine Art Sparmaßnahme der Evolution, sagt der Ernährungswissenschaftler Helmut Heseker aus Paderborn: "Vitamin A und D waren immer knappe Vitamine in unserer Nahrung. Unser Körper hat nicht gelernt, mit einem Überschuss davon umzugehen - wir haben dafür im Lauf der Evolution keine guten Ausscheidungswege entwickelt." Speziell Vitamin A und D reichern sich daher vor allem in der Leber an und können in sehr hohen Dosen regelrechte Vergiftungserscheinungen verursachen: Kopfschmerzen, Erbrechen oder Haarausfall. Vitamin D in chronisch hohen Dosen kann zudem die Organe, vor allem die Nieren, verkalken lassen. Daher sind die Vitamine A und D in hoch dosierter Form rezeptpflichtig.

Risikoreich ist ungehemmtes Schlucken von Vitaminen vor allem für werdende Mütter, für Raucher, für Kinder und für Menschen mit bestimmten Erkrankungen. "Schwangere sollten besonders in den ersten Monaten ohne Rücksprache mit dem Arzt keine Vitamin-A-Präparate schlucken. Eine Ergänzung ist eigentlich nur nötig bei Gefahr einer Unterversorgung, etwa bei Veganerinnen", sagt Helmut Erbersdobler, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Ernährung. Vitamin A steht im Verdacht, in hohen Dosen das ungeborene Kind zu schädigen. Daher warnte das Bundesinstitut für gesundheitlichen Verbraucherschutz werdende Mütter schon vor Jahren vor dem Verzehr von Leber, gerade in den kritischen ersten Monaten der Schwangerschaft.

Für starke Raucher ist Betacarotin riskant: Es kann die Lungenkrebsrate erhöhen, statt sie - wie bei Nichtrauchern - zu senken. Daher warnen Gesundheitsexperten Raucher mittlerweile vor Betacarotin-Präparaten. Auch das Bundesinstitut für Risikobewertung empfiehlt Rauchern seit Jahren, auf Nahrungsergänzungsmittel mit Betacarotin zu verzichten.

Viel diskutiert wird, wie hoch bei Kindern der Vitaminbedarf ist: "Kinder sind insgesamt kleiner und empfindlicher, Präparate für Erwachsene sind für sie unter Umständen zu hoch dosiert", sagt Erbersdobler. Auch bestimmte Krankheiten oder die Medikamente dagegen können das Risiko durch hohe Vitamindosen steigern. So sollten Herzpatienten vorsichtig mit dem Blutgerinnungsvitamin K umgehen: Es wirkt den gerinnungshemmenden Medikamenten entgegen und kann dadurch das Risiko für eine Thrombose erhöhen. Wer chronisch krank ist und regelmäßig Arzneien nimmt, sollte mit seinem Arzt sprechen, ehe er Vitamine nimmt.

Für viele Vitamine gibt es nach wie vor keine "sicheren Höchstgrenzen". Bei einigen, wie Biotin oder Pantothensäure, kennt man zum Beispiel praktisch keine Symptome, die auf eine Überdosis schließen lassen. Dementsprechend gelten diese Vitamine zwar als relativ ungefährlich - es ist aber auch unmöglich, eine sichere Obergrenze zu definieren. Selbst im Fall von Vitamin C reichen die Daten bisher für einen exakten Grenzwert nicht aus. Im April kam die europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit lediglich zu dem Ergebnis, dass ein Gramm am Tag allein durch Nahrungsergänzungsmittel vermutlich unschädlich ist.

Auch Gesetze, die genau festlegen, wie hoch der Vitamingehalt von Pillen, Brausetabletten oder angereicherten Lebensmitteln liegen darf, existieren bislang nicht. Zwar ist in Deutschland gerade eine neue Verordnung in Kraft getreten, welche Vitamine ein Hersteller beimischen darf - doch Höchstmengen sucht man darin vergebens. Deshalb behilft man sich mit einem Provisorium. "Derzeit gilt die Faustregel: Ein Nahrungsergänzungsmittel soll pro Tag höchstens den dreifachen Tagesbedarf eines Vitamins liefern. Bei Vita-min A und D darf sogar nur die einfache Dosis zugesetzt werden. Wenn mehr drin ist, muss das Produkt als Arzneimittel zugelassen werden", sagt Rolf Großklaus, Leiter der Fachgruppe Ernährungsmedizin am Bundesinstitut für Risikobewertung.

Für den Verbraucher heißt das: abwarten und Äpfel essen. Wer einen erhöhten Vitaminbedarf hat und glaubt, dass er ihn mit mehr gesunder Kost nicht decken kann, sollte vor dem Griff zur Pille prüfen, ob ihm Vitamine gefährlich werden können - wie Rauchern und Schwangeren.

Wer dann trotz Supplement noch fürchtet, nicht genug zu bekommen, kann einen Ernährungsmediziner um Rat fragen. Gudrun Zürcher, Leiterin der Sektion Ernährungsmedizin und Diätetik an der Universitätsklinik Freiburg, untersucht in solchen Fällen den Körper und analysiert das Ernährungsverhalten des Patienten, lässt ihn etwa ein Ess-Tagebuch führen. "Danach kann ich darauf schließen, wo ein Mangel bestehen könnte, und gezielt weiter untersuchen", sagt Zürcher. Mittels spezieller Laboruntersuchungen von Blut und Urin bestimmt die Medizinerin dann gezielt den Vitaminbestand des Patienten. "Eine Blutuntersuchung alleine reicht allerdings nicht aus, man muss sich schon den ganzen Patienten ansehen", sagt Zürcher.

Von Tests, bei denen Ärzte für 1000 Euro die Konzentration sämtlicher Vitamine im Blut bestimmen und so den Gesundheitszustand beurteilen wollen, hält sie nichts: "Das ist unseriös." Es sei unsinnig, bei jedem im teuren Schrotschussverfahren alles untersuchen zu lassen. Für Menschen, die sich einseitig ernährten, eigne sich allerdings ein Gespräch mit einem Ernährungsmediziner und eventuell eine gezielte Blutuntersuchung.

Fragt man Experten, wie sie es selbst mit den Vitaminen halten, klingt gesunde Ernährung ganz einfach.

"Fünfmal Obst und Gemüse täglich", die alte Regel aus der Krebsprävention, gilt vielen auch privat als Credo. Für unsere Großeltern war eine solche "bunte" Kost noch ganz normal. "Ich bin immer wieder erstaunt, wie richtig die Ratschläge meiner Großmutter waren", sagt Regina Brigelius-Flohé vom Deutschen Institut für Ernährungsforschung. "Bei uns wurden Möhren mit Butter gegessen, im Winter gab es Kohl und Sauerkraut und übers Jahr viel Obst und Gemüse nach Saison und Salat."

Mitarbeit: Anika Geisler/ Silke Gronwald print

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