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Fasten, Entschlacken, Entfetten: Zäsur für ein gesünderes Leben

Es fühlt sich gut an, dem Körper ab und zu eine Auszeit zu gönnen - sagen Menschen, die es ausprobiert haben: Man verliert ein paar Pfunde, ist fitter, hat mehr Energie. Doch viele Schulmediziner bezweifeln den Nutzen von Entschlackungs- und Fastenkuren. Was stimmt denn nun?

Unser Körper verbringt Tag für Tag wahre Wunderwerke. Körnerfrühstück mit Obst und Nüssen, Schweinshaxe mit Rosenkohl, Kuchen, Kekse, Krustenbrötchen kann er in Teilchen zerlegen, die nur noch unter einem Rasterelektronenmikroskop zu erkennen sind. Zahllose Auf-, Um- und Abbauprozesse sind daran beteiligt, davon allein 500 in der Leber. Vier Milliarden Drüsen in der Magenwand sondern Sekrete für die Zersetzung der zerkauten Nahrungsbrocken ab, der Dünndarm mit seiner Oberfläche von gut 100 Quadratmetern holt Nährstoffe heraus und leitet sie ins Blut. Und was am Verspeisten schädlich oder gar giftig ist, filtern die Nieren heraus, 180 Liter Flüssigkeit durchfließen sie am Tag. Über 50.000 Proteine verfügen wir, Eiweißbausteine, die Hormone, Antikörper, Rezeptormoleküle oder Enzyme produzieren, 2000 davon sind am Stoffwechsel unseres Verdauungsapparats beteiligt. Das Ziel dieses Kraftwerks: die etwa 100 Billionen Zellen, aus denen unser Körper besteht, möglichst effizient und rückstandsfrei mit Energie zu versorgen.

Aber was passiert, wenn wir ihm zu viel zumuten? Zu viel Fett, zu viel Zucker, Eiweiß, Alkohol? Welche dieser fein abgestimmten Prozesse geraten aus dem Takt, welches Verhältnis von Stoffen aus der Balance? Fühlen wir uns deswegen manchmal über Wochen wie erschlagen, leiden unter Verstopfung, sind unkonzentriert, anfällig für Krankheiten, sind deswegen Haut und Haare schlaff? Gerade jetzt, nach all den Zimtsternen und Marzipankugeln in den Jahresendwochen, nach Gänsekeule, Rinderbraten und Rotwein, Käsefondue und reichlich Sekt horchen wir in uns und fragen, was dieses Zuviel wohl angerichtet haben mag. Und was wir dem Körper Gutes tun, wie wir ihn entlasten und sein diffiziles System der Energiegewinnung befördern können.

Gifte und Schlacken - schuld an unserem Unwohlsein?

Man kann wirklich viel versprechende Sachen darüber lesen. Der Grund für unser Unwohlsein, so steht es hunderttausendfach in Büchern, Zeitschriften und im Internet, sind Verdauungsrückstände, Gifte und Schlacken, die beim Stoffwechsel entstanden sind, sich im Körper abgelagert haben und uns nun Lebenskraft nehmen. Die empfohlenen Therapien dagegen sind kaum zu zählen: Eine Ernährung mit Vital-Food, die den so genannten Säure-Base-Haushalt des Körpers wieder in die Balance bringt. Eine Kolonhydrotherapie, bei der einem der Dickdarm mit warmem Wasser ausgespült wird, um eine "Rückvergiftung" des Körpers durch Abfälle des Stoffwechsels im Darm zu beenden.

Oder "Ölsaugen", wie in einer großen Frauenzeitschrift zu lesen ist: "Einen Esslöffel gutes Pflanzenöl in den Mund nehmen, kauen und durch die Zähne saugen. Nach zehn Minuten ausspucken. Nichts davon herunterschlucken! Das Öl enthält jetzt Krankheitserreger und Schadstoffe, die aus dem Organismus gezogen wurden." Oder die "Detox-Diät", erfunden von der schottischen Ärztin Paula Baillie-Hamilton und angepriesen als "das sensationelle Entgiftungsprogramm". Chemikalien und Umweltgifte, so meint die Schottin, vergiften unseren Körper nicht nur, sondern stören auch die Gewichtsregulierung und führen so zu Übergewicht. Ihr Rezept: eine 28-Tage-Diät, mit der die Giftstoffe ausgeleitet und die natürliche Gewichtsregulierung wieder in Kraft gesetzt wird.

Eine These aus dem "Reich der Märchen", urteilt der Münchner Ernährungsmediziner Hans Hauner. Und damit stecken wir auch schon mitten im Schlamassel: Auf der einen Seite finden ganze Regalmeter von Büchern übers Entgiften und Entschlacken ihre Käufer, sind zahlreiche Kurkliniken, die Heilfasten oder ähnliche Anwendungen anbieten, gut ausgelastet, Tees, Kräuter und Körnermischungen, die Entlastung versprechen, werden massenhaft gekauft. Unübersehbar, wie sehr der Wunsch nach Reinigung viele Menschen bewegt. Dagegen steht die Expertise vieler Schulmediziner, die dem Glauben an die heilende Kraft des Fastens, Entschlackens und Entgiftens vehement widersprechen. "Schlacken gibt es nicht", sagt Susanne Klaus, Professorin für den Energiestoffwechsel am Deutschen Institut für Ernährungsforschung (DIfE) in Potsdam-Rehbrücke. "Natürlich entstehen Stoffwechselendprodukte, aber die werden normalerweise ausgeschieden. Bei Kuren wird nichts abgeleitet, was sonst nicht auch abgeleitet würde."

Die Theorie vom entglittenen Säure-Base-Haushalt halten viele Wissenschaftler für äußerst fragwürdig, über die Kolontherapie, die bei Verstopfung, Darmkrämpfen, Rheuma helfen soll, schreibt die Stiftung Warentest in ihrem Buch "Die Andere Medizin": "Der therapeutische Nutzen ist bei keinem Anwendungsgebiet durch aussagekräftige Untersuchungen belegt."

Also alles Unsinn?

Wie in so vielen Bereichen der Heilkunde geht ein Riss durch die Ärzteschaft (auch viele derer, die für diese Kuren eintreten, sind ja Ärzte): Hier die Vertreter der so genannten evidenzbasierten Medizin, die nur das als Therapie akzeptiert, was sich in Studien, die strengen Anforderungen genügen, als wirksam erwiesen hat; dort die Ärzte, deren Methoden vor allem auf Erfahrung gründen oder auf Annahmen, die noch nicht bewiesen sind (und vielleicht nie bewiesen werden), die aber auf gute Erfolge bei ihren Patienten verweisen. Die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen.

Schauen wir unser Verdauungssystem genauer an. Es macht im gesunden Körper in der Tat einen exzellenten Job. Zentrale Entgiftungsstation ist die Leber. Sie baut Blutalkohol, Medikamentenreste oder andere Schadstoffe und Stoffwechselprodukte ab, macht Krankheitserreger und Gifte unschädlich.

Und doch ist ihre Kapazität nicht unbegrenzt: Ein Übermaß an Fett, Alkohol oder Medikamenten kann ihre Leistungskraft beeinträchtigen oder gar dauerhaft schädigen. Auch manche Fremdstoffe überfordern das Organ. Selbst eine intakte Leber kann manche gefährliche Umweltgifte wie Dioxin oder Quecksilber nicht abbauen. Stattdessen werden sie im Körper gespeichert. So sammeln sich die Dioxine in hohem Maße im Fettgewebe an. Je fettlöslicher solche Substanzen sind, desto eher können sie sich dort konzentrieren. Was die Stoffe dort konkret bewirken, haben Wissenschaftler allerdings noch nicht endgültig klären können - und ebenso wenig, wie man sie dauerhaft wieder loswird.

Auch die Niere filtert nicht grenzenlos. Vor allem übergewichtige Menschen, die besonders viel Eiweiß essen, riskieren, ihren Organismus mit Harnstoff, Harnsäure und Schwefel zu überlasten - vor allem, wenn sie nicht genug trinken. Weil die Nieren mit der Entsorgung dieser ohnehin schon schwer auszuscheidenden Substanzen nicht nachkommen, kreisen sie länger im Blut als nötig. Solche schwefelhaltigen Abbauprodukte des Eiweißstoffwechsels könne man aber wohlwollend "Schlacken" nennen, konzediert die Münchner Ernährungswissenschaftlerin Hannelore Daniel. Sie belasten den Stoffwechsel und können möglicherweise die Entstehung von Osteoporose fördern.

Die Universitäten Essen und Heidelberg beschäftigen sich derzeit mit den Effekten von "Advanced Glycation Endproducts" - bei denen Zucker- und Eiweißmoleküle miteinander reagieren und nicht mehr abbaubare Verbindungen bilden. Ein solcher Stoff ist beispielsweise Acrylamid. Die an der Studie beteiligten Wissenschaftler wollen klären, ob diese möglicherweise krebserzeugenden Schadstoffe beim Fasten ausgeschieden werden.

Fettzellen sind riskante Depots

Weitere mögliche "Giftquellen" drohen im Darm und in den Fettzellen. Entleert sich der Darm nur schleppend, lagern die mit Schadstoffen behafteten Verdauungsprodukte zu lange im Körper - das greift die empfindliche Darmschleimhaut an und kann möglicherweise Krebs begünstigen. Bei stark Übergewichtigen entwickeln sich die Fettzellen zu riskanten Depots. In den Energiespeichern wird eine Reihe von Hormonen hergestellt - wachsen die fetten Polster im Übermaß, kommt der Hormonhaushalt aus dem Gleichgewicht, mit zum Teil gewichtigen gesundheitlichen Folgen.

Das Fazit ist relativ eindeutig und schlicht: Wir können unserem Stoffwechsel tatsächlich schaden - die einzige langfristig wirkungsvolle Maßnahme dagegen ist Entfettung und gesunde Ernährung: "Iss ausgewogen und maßvoll und treibe Sport", ist deshalb das Mantra der Ernährungsmedizin. Das ist medizinisch korrekt. Und trotzdem unbefriedigend. Brennnesseltee zur Entschlackung, Löwenzahn zur Blutreinigung, Heilfasten für ein leichteres Leben - dahinter steht eine Sehnsucht, die mit Studienlagen kaum zu beantworten ist. Ein Kollege hat das in der Schweizer Zeitung "Weltwoche" überspitzt so formuliert: "In Wahrheit geht es wohl um viel mehr: um den tief verwurzelten Wunsch, Lasten abzuwerfen, sich zu erleichtern, sich zu reinigen. Schlacke nicht mehr länger als Abfallprodukt der Verdauung, sondern als Seelenmüll. Die Entschlackungskur als Beichte. Mit Reue über die falsche Lebensweise. Mit den Bußübungen Glaubersalz trinken und hungern. Mit dem guten Gefühl, danach wie neu geboren zu sein. Und natürlich mit dem Rückfall in alte Laster. Darum sind immer wieder neue Entschlackungsrituale erforderlich."

Da hat einer einen tiefen Blick in unsere Seele und ihre Schwächen getan. Es ist ja nicht das Verlangen nach dem puren medizinischen Nutzen, das uns treibt. Wären wir jene Asketen, als die uns mancher Schulmediziner gern sähe, hätten wir diese Sehnsucht nach Reinigung nicht. Und die Mediziner nicht das Problem, dass ihnen immer mehr Menschen von der Fahne gehen und sich bei Heilpraktikern, in Fastenkliniken und Ayurveda-Zentren besser aufgehoben fühlen. Weil hier der Mensch behandelt wird und nicht das Symptom - was ja, gerade wenn es nicht um einen konkreten Befund, sondern um ein diffuses Gefühl von Beladenheit geht, viel angemessener sein kann.

Eine Heilmethode könne auch dann helfen, wenn ihre Grundlagen nicht wissenschaftlich erhärtet oder sogar falsch seien, sagt Edzard Ernst, Professor für Komplementärmedizin an der Universität Exeter und renommiertester Experte für Naturheilverfahren und alternative Medizin. Eindeutige Belege für die Wirkweise gängiger Kuren wie Heilfasten, F.-X.-Mayr-Kur oder Ayurveda gibt es nicht, und doch sind die Erfahrungen positiv.

Mehr Energie und Lebensfreude

Menschen, die sich solchen Kuren unterzogen haben, fühlen sich körperlich entlastet, sind schlanker und fitter geworden, berichten von mehr Energie und Lebensfreude. Weniger Fett, weniger Eiweiß, weniger Zucker, mal ein paar Wochen keinen Alkohol. Kräutertee statt Kaffee, Gemüsesuppe statt Cordon bleu - welch ein gutes Gefühl, wenn der Hosenbund von Tag zu Tag weniger drückt, die Verdauung flutscht und die Augen den Gilb verlieren. Dass man es schaffen kann, aus den täglichen Gewohnheiten auszuscheren, und sei es nur für ein paar Tage - das tut dem Körper gut und befreit den Geist. Schon diese Erfahrung beflügelt.

Entschlackung als Disziplinübung und als Zäsur, dem können selbst strenge Kritiker etwas abgewinnen. "Eine Fastenkur kann auch für gesunde Menschen als Einstieg in eine Ernährungsumstellung sinnvoll sein", sagt die Stoffwechselexpertin Susanne Klaus. "Das ist ein psychologischer Effekt: Ich setze eine Zäsur, weil ich es aus dem allgemeinen Alltagstrott heraus nicht schaffe. In seriösen Heilfastenkliniken wird dazu ein ganzes Programm angeboten, zum Beispiel mit Bewegung, Wandern oder psychologischer Betreuung. Da kann man dann zwei Wochen aus dem Alltag aussetzen und sich auf sich selbst besinnen."

In der Abteilung Naturheilverfahren und integrative Medizin der Kliniken Essen-Mitte durchlaufen Patienten diese Prozedur unter ärztlicher Aufsicht. "Fasten kann eine Änderung des Lebensstils herbeiführen und beflügeln. Bei Übergewicht kann das Fasten wie eine Art Reset-Taste wirken", beobachtet Andreas Michalsen, leitender Oberarzt der Abteilung. Mit Interesse verfolgt er auch die wissenschaftliche Diskussion um das so genannte Dinner-Cancelling. Das Konzept: Man lässt bis zu dreimal pro Woche das Abendessen ausfallen, hält besser sein Gewicht und regt zugleich die Produktion eines Hormons an, das die Anfälligkeit für altersbedingte Krankheiten senken könnte. So gaben an der John-Hopkins-Universität in Baltimore Tierversuche Hinweise darauf, dass bei verringerter Kalorienzufuhr das Nervensystem widerstandsfähiger gegen Alzheimer und Parkison werden könnte.

Aber wie lange hält die positive Wirkung solcher Maßnahmen an? Der Essener Mediziner weiß zu gut, wie groß die Versuchung ist, wieder in das alte Essverhalten zurückzufallen. Deshalb ermutigt er seine Patienten, sich jedes Jahr erneut einer Fastenkur zu unterziehen. "Das Qualitätssiegel aller seriösen Kliniken ist der lebensreformerische Gedanke, das Thema Achtsamkeit, die Frage eines bewussteren Lebens." Hier trifft sich das Fasten mit fernöstlichen Lehren wie dem 3000 Jahre alten Ayurveda. Zwar vermissen westliche Schulmediziner die wissenschaftliche Basis (es ist eben eine in Jahrtausenden gewachsene Heilkunde), loben aber trotzdem die Qualität der Ernährung sowie die Anregungen zur Auseinandersetzung mit dem eigenen Körper.

Ob die jährliche große Fastenkur, ayurvedische Ölung oder regelmäßige Obsttage - wer sich aufmachen will, seinem Körper eine Auszeit vom Ernährungsstress zu gönnen, findet eine Reihe sinnvoller Verfahren vor, die mit einfachen Mitteln Wohlbefinden und Gesundheit bieten. Das kann ab und zu ein bisschen Entlastung vom Alltagstrott und zwei Pfund weniger auf der Waage sein. Oder der erste Schritt, mit einem Leben zu brechen, das als ungesund erkannt wurde. Welche Rolle spielt die wissenschaftliche Studienlage, wenn das gelingt?

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