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Blutgerinnsel "Ich sehe aktuell keinen Grund zur Sorge": So beurteilen Experten die Berichte über Astrazeneca

AstraZeneca-Impfstoff
AstraZeneca-Impfstoff gegen das Coronavirus
© Miguel Medina / AFP
Dänemark pausiert die Impfungen mit dem AstraZeneca-Vakzin – eine Vorsichtsmaßnahme, nachdem es vereinzelt Berichte über Blutgerinnsel nach der Impfung gab. Experten betonen: Belege für einen kausalen Zusammenhang gibt es bisher nicht. 

Blutgerinnsel betreffen nicht nur alte Menschen mit Vorerkrankungen, auch junge Menschen, allen voran Frauen, können Thrombosen entwickeln: Lösen sich Teile eines Gerinnsel von der Gefäßwand, können sie mit dem Blutstrom weiterwandern und sich in Organen festsetzen. In der Lunge beispielsweise kann der Thrombus lebenswichtige Gefäße verschließen und zu Atemnot führen. Sogenannte Thromboembolien sind in der Bevölkerung relativ häufig: Sie treten in Deutschland zwischen 1 bis 3-mal pro 1000 Personen und Jahr auf. 

Auch nach Impfungen mit dem Corona-Impfstoff von AstraZeneca gab es vereinzelt Berichte über Blutgerinnsel. In Dänemark starb eine Person. Die dortigen Behörden setzen die Impfungen nun für zunächst 14 Tage aus, um zu prüfen, ob ein kausaler Zusammenhang zwischen den Impfungen und den Meldungen bestehen könnte. Auch Norwegen, Island und Thailand folgten der Entscheidung Dänemarks.

Das Paul-Ehrlich-Institut in Deutschland – die oberste Bundesbehörde für Impfstoffe – sieht derzeit keinen Anlass für einen solchen Schritt. In einer vorläufigen Bewertung heißt es, es gebe bislang "keine Hinweise, dass der Todesfall in Dänemark mit der Corona-Impfung mit dem Covid-19-Impfstoff von AstraZeneca in kausaler Verbindung steht". Auch die Europäische Arzneimittelbehörde EMA teilte mit, dass der Impfstoff weiterhin verabreicht werden könne, während die Untersuchungen liefen. 

"Die Anzahl der thromboembolischen Ereignisse bei geimpften Personen ist nicht höher als die Anzahl in der Allgemeinbevölkerung", heißt es in der EMA-Mitteilung. "Bis zum 10. März 2021 wurden im Europäischen Wirtschaftsraum 30 Fälle von thromboembolischen Ereignissen bei fast fünf Millionen Personen gemeldet, die mit dem Covid-19-Impfstoff von AstraZeneca geimpft wurden." Die EMA verwies auch darauf, dass Blutgerinnsel nicht als Nebenwirkung des Impfstoffs gelistet sind.

Wie beurteilen weitere Experten das Vorgehen Dänemarks und die Meldungen über Blutgerinnsel? Ein Überblick.

Leif-Erik-Sander, Leiter der Forschungsgruppe Infektionsimmunologie und Impfstoffforschung, Charité Berlin

"Die ergriffenen Maßnahmen sind selbstverständlich als Vorsichtsmaßnahmen zu verstehen. Allerdings zeigte sich bislang auch nach Gabe von vielen Millionen Impfdosen des AstraZeneca-Impfstoffs zum Beispiel in Großbritannien keine Häufung von thrombotischen Ereignissen unter den Geimpften. Daher ist ein kausaler Zusammenhang zwischen Impfung und Thrombosen eher nicht zu erwarten. Es ist wichtig und richtig, dass allen Ereignissen sehr sorgfältig nachgegangen wird. Das geschieht ja auch durch die zuständigen Behörden. Ich sehe aber aktuell keinen Grund zur Sorge."

Karl Lauterbach, Epidemiologe und SPD-Bundestagsabgeordneter

"Thrombosen sind eine häufige Folge von Covid. Davor genau schützt der AstraZeneca-Impfstoff. Ich bleibe dabei: der AstraZeneca-Impfstoff ist sicher, und seine Wirksamkeit hat man am Anfang sogar stark unterschätzt. Ich würde ihn jederzeit nehmen."

Clemens Wendtner, Chefarzt der Infektiologie und Tropenmedizin an der München Klinik Schwabing

"In Deutschland gibt es jährlich 100.000 Todesfälle aufgrund von thromboembolischen Ereignissen, diese stellen derzeit die dritthäufigste Todesursache dar. Auch die Erkrankung Covid-19 geht mit einem starken Risiko für Thrombosen einher: In einer aktuellen US-amerikanischen Auswertung basierend auf 3334 Patienten traten thromboembolische Ereignisse bei insgesamt 533 Patienten, entsprechend 16 Prozent, auf. Insofern ist die berichtete Zahl der thromboembolischen Ereignisse nach AZD1222-Impfung in keinem Fall höher als die Anzahl der Thromboembolien, die statistisch zufällig in der exponierten Bevölkerung auch ohne Impfung vorkommen würden. Auch wäre das Risiko, an einer Covid-19 assoziierten Thrombose Schaden zu nehmen, um ein Vielfaches höher. Insgesamt kann man mit derzeitigem Kenntnisstand davon ausgehen, dass es mit hoher Wahrscheinlichkeit keinen ursächlichen Zusammenhang zwischen Impfung und den wenigen thromboembolischen Ereignissen gibt – statt von einer Kausalität ist eher von einer Koinzidenz auszugehen, also mehr Zufall als Ursache.

Trotzdem: Bereits jetzt ist ein Schaden gesetzt – nicht durch den Impfstoff selbst, sondern durch eine Aussetzung der Impfkampagne in einigen europäischen Ländern wie Dänemark und Norwegen. Nachdem AZD1222 erst im Nachrückverfahren in Deutschland für ältere Patienten über 65 Jahre durch die STIKO empfohlen wurde und die nahezu 100-prozentige Schutzwirkung vor schweren Erkrankungsverläufen inklusive der ‚Variants of Concern‘ nur latent kommuniziert wurde, ist bedauerlicherweise eine weitere vermeintlich negative Nachricht in der Welt, die dem Image des Impfstoffes und der Impfkampagne insgesamt schadet."

Schnelltest

Anthony Harnden, Stellvertretender Vorsitzender des "Joint Committee on Vaccination and Immunisation" (UK)

"Die Impfsicherheit ist von entscheidender Bedeutung. In Großbritannien wurden mehr als 11 Millionen Dosen des Oxford-AstraZeneca-Impfstoffs verabreicht, und es gab keine übermäßigen Berichte über Blutgerinnsel bei denjenigen, die den Impfstoff erhielten, verglichen mit der erwarteten Rate in der Bevölkerung."

Peter English, Public-Health-Experte und eh. Herausgeber des "Vaccines in Practice"-Magazine

"Es ist nicht ungewöhnlich, dass die Einführung eines neuen Impfstoffs durch Berichte über solche unerwünschten Ereignisse unterbrochen wird. Das ist ein Zeichen dafür, dass die Systeme zur Überwachung von Nebenwirkungen funktionieren – aber für gewöhnlich kein Zeichen dafür, dass die Nebenwirkungen durch Impfungen verursacht werden."

Stephen Evans, Professor für Pharmakoepidemiologie an der London School of Hygiene & Tropical Medicine

"Das Problem bei spontanen Berichten über vermutete Nebenwirkungen eines Impfstoffs ist die enorme Schwierigkeit, einen kausalen Effekt von einem Zufall zu unterscheiden. Dies gilt insbesondere dann, wenn wir wissen, dass die Covid-19-Krankheit sehr stark mit der Blutgerinnung verbunden ist und es Hunderte, wenn nicht viele Tausend Todesfälle gab, die durch die Blutgerinnung infolge der Covid-19-Krankheit verursacht wurden. Das erste, was zu tun ist, ist absolut sicher zu sein, dass die Gerinnsel keine andere Ursache hatten, einschließlich Covid-19."

Phil Bryan, Experte für Pharmakovigilanz bei MHRA (medizinische Zulassungs- und Aufsichtsbehörde für Arzneimittel in Großbritannien)

"Blutgerinnsel können natürlicherweise auftreten und sind keine Seltenheit. Die Anzahl der bisher berichteten Blutgerinnsel-Fälle ist nicht größer als die Anzahl der Fälle, die natürlicherweise unter den geimpften Personen aufgetreten wäre. Die Sicherheit der Bevölkerung wird immer an erster Stelle stehen. Wir werden diese Angelegenheit weiterhin genau prüfen, aber die verfügbaren Belege bestätigen nicht, dass der Impfstoff die Ursache ist. Die Leute sollten sich nach wie vor impfen lassen, wenn sie dazu aufgefordert werden."

Quelle: Zitate lt. Science Media Center

Anm. d. Red.: Am Freitag gab die Europäische Arzneimittelbehörde EMA zudem bekannt, dass der AstraZeneca-Impfstoff schwere allergische Reaktionen auslösen kann. Das ist auch bei Impfungen gegen andere Krankheiten eine bekannte seltene Nebenwirkung. Ein Hinweis auf Überempfindlichkeitsreaktionen wird nun in die Liste der möglichen Nebenwirkungen aufgenommen. Zuvor gab es Berichte über 41 schwere Überempfindlichkeitsreaktionen unter fünf Millionen Impflingen in Großbritannien. Zumindest in einigen dieser Fälle scheint ein Zusammenhang zu der Impfung zu bestehen.

ikr

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