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Wie schafft es ein Mensch, möglichst alt zu werden und dabei gesund zu bleiben? Zum Teil ist es eine Sache der Gene. Wichtiger aber ist die Lebensführung. Die Alternsforschung hat ihre Hausaufgabe gemacht: Sie kann die Anleitung liefern.

Amélie Mauresmo, so könnte man glauben, steht in der Blüte ihres Lebens. Die 25-jährige Tennisspielerin aus Frankreich wirkt topfit und hat den Höhepunkt ihrer Leistungsfähigkeit erreicht. Erst vor wenigen Wochen hatte sie durch ihren Sieg in einem atemberaubenden Match den ersten Platz in der Weltrangliste der Tennis-Damen errungen. Doch der Schein trügt. Denn im Körper der dunkelhaarigen Sportschönheit hat vor kurzer Zeit ein zerstörerischer Prozess eingesetzt, der zum unaufhaltsamen Verfall ihrer Haut, zum Schrumpfen der Muskeln, zu Schäden in den Blutgefäßen und irgendwann auch zum Schwinden ihrer geistigen Kräfte führen wird.

Mit 20 geht's abwärts

Es ist keine schwere Krankheit, die Amélie Mauresmo befallen hat, sondern das biologische Schicksal, das uns alle unausweichlich ereilt: das Altwerden. Tatsächlich setzen die ersten Prozesse des Abbaus schon ab etwa 20 Jahren ein. Die Haut beginnt an Elastizität zu verlieren, das Anpassungsvermögen der Augen lässt nach, und die Knochendichte nimmt ab. Einige Jahre später fangen Muskeln, Leber und Nieren an, sich langsam zurückzubilden, in den Arterien tauchen erste Schäden auf. Ab 40 nimmt das Ohr schrille Töne immer schlechter wahr, die Hormonproduktion sinkt, die Leistungsfähigkeit des Gehirns nimmt ab. Das Einzige, was manchmal noch wächst, ist Knorpel - einige Männer bekommen auf ihre alten Tage mitunter stattliche Knollennasen und Ohrmuscheln.

Der Anfang vom Ende? Noch vor hundert Jahren traf das zu: Durchschnittlich 45 Jahre wurden die Menschen alt. Mit den ersten bleibenden Falten und dem ersten Knarren in den Knochen ging es dann relativ schnell bergab. Heute hat sich die Lebenserwartung nahezu verdoppelt: Mädchen, die im Jahr 2000 geboren wurden, können damit rechnen, 81 Jahre zu leben, bei Jungen desselben Jahrgangs schließt sich die Pforte nach etwa 75 Jahren.

Eine Frage des Stils

Erstmals in der Geschichte der Menschheit öffnet sich damit für jeden Einzelnen die Chance, eine wertvolle neue Phase des Lebens hinzuzugewinnen. Dieser Abschnitt kann länger dauern als Jugend und Aufbauzeit. Und sie kann entspannter und befriedigender sein. Viele große Kämpfe sind bereits gefochten, wichtige Weichen gestellt. Noch 30 pralle Jahre kann die Zukunft bringen - wenn Körper und Geist die Frische behalten, sie zu genießen. Eines steht für die meisten Alternsforscher inzwischen fest: Wie lange ein Mensch von körperlichen und geistigen Gebrechen verschont bleibt, ist weniger eine Frage der Gene als des Lebensstils.

Zwar deuten mehrere Studien darauf hin, dass die eigene Abstammung eine Rolle spielt. So haben Brüder von Hundertjährigen statistisch gesehen eine 17fach höhere Chance, ebenfalls einmal ihren hundertsten Geburtstag feiern zu können, als Männer, die keinen solchen Methusalem in ihrer Familie haben. Bei Frauen ist dieser Zusammenhang etwas schwächer ausgeprägt. Mit einem Geschwister, das die Hundert erreicht hat, steigen ihre Aussichten auf ein ebenso langes Leben um das 8,5fache. Welchen Anteil die Gene daran haben, war unklar, bis schwedische Forscher die Frage 1998 mit einem wissenschaftlichen Kunstgriff angingen. Sie untersuchten die einzige Gruppe von Menschen, die ein identisches Erbgut haben, aber nicht den gleichen Lebensstil: eineiige Zwillinge, die nach der Geburt getrennt und von unterschiedlichen Eltern aufgezogen wurden. Wäre die Veranlagung ausschlaggebend, so müssten solche Zwillinge in ungefähr demselben Alter sterben. Das aber, so stellten die Wissenschaftler fest, ist nicht der Fall. Höchstens 20 bis 30 Prozent der Faktoren, die unsere Lebensdauer bestimmen, macht das Erbgut aus. Ausschlaggebend ist vielmehr, wie wir mit unserem Körper umgehen.

"Mercedes-Benz-Gene"

Bradley Willcox, Gerontologe am Pacific Health Research Institute in Honolulu, brachte es kürzlich in einem Zeitungsinterview so auf den Punkt: "Sie können Mercedes-Benz-Gene haben, aber wenn Sie nie das Öl wechseln, werden Sie nicht so lange durchhalten wie ein Ford Escort, den Sie gut pflegen."

Neuerdings verstehen Forscher auch immer besser, woraus eine optimale "Wartung" des menschlichen Körpers besteht. Zwar kursieren in der Wissenschaft mehr als 300 unterschiedliche Theorien darüber, wie und warum der menschliche Organismus altert. Doch mittlerweile fügen sich immer mehr Teile des Puzzles zusammen.

Oxidativen Stress vermeiden

Einer der entscheidenden Faktoren für ein langes, gesundes Leben, so zeichnet sich immer deutlicher ab, ist die Vermeidung von oxidativem Stress. Bereits vor mehreren Jahren hatten Forscher entdeckt, dass beim Stoffwechsel lebendender Zellen nicht nur Sauerstoff verbraucht wird. Vor allem in den Kraftwerken der Zellen, den Mitochondrien, entstehen bei den normalen Auf- und Abbauprozessen stets - quasi als Abfallprodukt - auch so genannte freie Radikale und Oxidantien. Dabei handelt es sich um stark reaktionsfähige Teilchen, die benachbarte Moleküle wie Enzyme oder Eiweiße in der Zellmembran angreifen und erheblich schädigen können.

Zwar ist die Produktion freier Radikale im menschlichen Körper ein normaler Vorgang. Unser Organismus verfügt daher auch über Schutzsysteme, mit denen die Zellen aggressive Sauerstoffverbindungen unschädlich machen oder entstandene Schäden reparieren können. Kommt es jedoch zu einer übermäßigen Produktion von freien Radikalen oder einem Mangel an Schutzsubstanzen, so genannten Antioxidantien, entsteht oxidativer Stress.

Zugemüllte Zellen

Zum einen wirken sich die Attacken der Oxidantien auf das Erbmaterial DNA aus: Sie rufen Mutationen hervor, Veränderungen in einzelnen Genen also, die zur Bildung defekter Proteine und Enzyme und damit zu Fehlern in lebenswichtigen Zellfunktionen führen können. Zum anderen bleiben auch intakte Proteine nicht verschont. Werden sie oxidiert, verlieren sie ihre Funktion, verklumpen und lagern sich beispielsweise in Form so genannter fluoreszierender Alterspigmente in den Zellen ab. Insbesondere Herz-, Hirn- und Immunzellen, vermuten Forscher, werden durch den mit steigendem Alter zunehmenden "Proteinmüll" immer mehr beeinträchtigt.

In jüngerer Zeit haben Wissenschaftler einen überraschenden weiteren Effekt von oxidativem Stress entdeckt: Er beeinflusst die Verkürzung der so genannten Telomere. Dabei handelt es sich um die Endstücke jener Erbgutfäden, auf denen die Gene wie auf einer Perlenkette aufgereiht sind - den Chromosomen. Diese Endstücke enthalten keine Erbinformation, sondern dienen als "Schutzkappen" für die Chromosomen. Darüber hinaus, so vermuten viele Zellforscher, stellen die Telomere eine Art biologischer Uhr dar. Der Grund: Bei jeder Teilung verlieren die Zellen ein Stück der Telomere. Nach dieser Theorie sind sie der limitierende Faktor für die maximale Lebensspanne menschlicher Zellen.

Leben ohne Limit?

"Ob dieses Limit auch für den Organismus als Ganzes gilt, ist aber fraglich", meint der Mediziner und Biochemiker Tilman Grune von der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. "Denn streng genommen dürften Zellen wie Nerven- und Muskelzellen, die sich nicht mehr teilen, nach dieser Theorie auch nicht weiter altern. Wir wissen jedoch heute, dass sie ebenfalls Alterungsprozessen unterliegen." Umgekehrt, so Grune, können sich selbst Hautzellen sehr alter Personen noch teilen - obwohl der Alterungsprozess des gesamten Organismus nahezu abgeschlossen ist. Das oft genannte Maximum von 120 oder 125 Jahren für ein Menschenleben hält der Forscher für reine Spekulation. "Diese Zahl wird nur deshalb immer wieder genannt, weil bislang keiner älter geworden ist. Ob es noch länger geht, kann bis heute niemand wissen."

Wie wir es jedoch schaffen können, unsere Lebensspanne so fit und gesund wie möglich auszuschöpfen - das wissen Forscher. Die Anleitung liefert eine der bedeutendsten Studien zum Thema, die Okinawa Centenarian Study, deren neueste Ergebnisse kürzlich im US-Magazin "Time" referiert wurden. Seit 1976 untersuchen Wissenschaftler der Nationalen Gesundheitsinstitute der USA (NIH) und des japanischen Gesundheitsministeriums, welche Faktoren die Bewohner der japanischen Insel Okinawa vitaler und zäher machen als den Rest der Menschheit. Nirgendwo sonst auf der Welt leben so viele Hundertjährige wie auf dem Eiland im Pazifik. Fast 600 seiner 1,3 Millionen Bewohner haben bereits ihr zweites Lebensjahrhundert erreicht. Und viele von ihnen sind nach wie vor rüstig und sehen etliche Jahrzehnte jünger aus, als sie sind.

"Hara hachi bu"

Inzwischen verstehen Forscher auch, warum: Aufgrund jahrhundertealter Traditionen leben insbesondere die älteren Einwohner Okinawas noch heute nach Regeln, die Zellforscher, Gerontologen, Genetiker und Psychologen inzwischen übereinstimmend als beste Rezepte gegen Vergreisung und Verwirrung ausgemacht haben: Viele der Senioren halten sich mit regelmäßiger Bewegung sowohl körperlich als auch geistig fit. So berichtet "Time" etwa über Seiryu Toguchi aus Motobu, der trotz seiner 103 Jahre noch immer jeden Morgen vor dem Frühstück eine Runde Stretching-Übungen absolviert. Zudem sei die Ernährung der Einwohner Okinawas vorbildlich: Ihr Essen ist fett- und salzarm sowie reich an Früchten und Gemüsen, deren hoher Gehalt an Ballaststoffen und antioxidativen Substanzen vor Krebs, Herzkrankheiten und Schlaganfall schützen soll. Entscheidend ist aber nicht nur, was die Menschen von Okinawa essen, sondern auch, wie viel. Die meisten von ihnen folgen nämlich einer alten japanischen Ernährungsweisheit namens "hara hachi bu", was wörtlich übersetzt so viel bedeutet wie "acht Teile von zehn voll". In der Praxis heißt das: Statt sich bei jeder Mahlzeit den Bauch voll zu schlagen, essen sie nur bis zu dem Punkt, an dem sie zu etwa 80 Prozent satt sind. Auf diese Weise nehmen sie nicht mehr als 1800 Kalorien zu sich - rund ein Viertel weniger als etwa ein männlicher Amerikaner im Durchschnitt verschlingt.

In der Tat ist konsequentes Maßhalten beim Essen eines der wirksamsten Rezepte für ein langes Leben. Das entdeckten Forscher bereits in den 30er Jahren. Gibt man beispielsweise Nagern dauerhaft nur 60 bis 75 Prozent der normalen Futtermenge zu fressen, so erhöht sich die Lebenserwartung der Tiere um 30 bis 50 Prozent. Inzwischen hat sich gezeigt, dass derselbe Trick auch bei Fruchtfliegen, Würmern, Affen und anderen Labortieren funktioniert. Kein Wunder - durch strikte Diät sinkt die Stoffwechselrate und damit auch die Bildung von freien Radikalen und Oxidantien. Die antioxidativen Schutzsysteme werden stabilisiert. Und nicht zuletzt bilden sich weniger verklumpte Proteine, die sich als Müll in der Zelle ablagern würden.

Die einzig bekannte Methode

So genussfeindlich es klingen mag: "Die Reduktion der Kalorien ist bis heute die einzige speziesübergreifende Methode, um die Lebensspanne eines Organismus zu verlängern", sagt Tilman Grune. Den Spaß am Leben lassen sich die Oldies auf der japanischen Insel dadurch nicht nehmen. Wie die Okinawa Centenarian Study zeigt, sind dort viele der 90- und Hundertjährigen mit ihrem Dasein ausgesprochen zufrieden - ganz im Gegensatz zu vielen Älteren in westlichen Gesellschaften, wo ein beträchtlicher Teil an Altersdepressionen leidet und die Selbstmordrate deutlich höher liegt. Auch Demenzen wie die Alzheimer-Krankheit oder andere Formen von geistiger Verwirrung treten unter den Alten auf Okinawa deutlich seltener auf als unter ihren Altersgenossen in Europa oder den USA. Vermutlich, so eine der vielen Hypothesen, liegt auch das an der Ernährung. Sie enthält viel Vitamin E, das nach Ansicht mancher Wissenschaftler das Gehirn vor Schäden schützt.

Noch wichtiger ist möglicherweise etwas anderes: das Gefühl, von seinen Mitmenschen geachtet und gebraucht zu werden. Bis heute haben die Menschen auf Okinawa einen ausgeprägten Gemeinschaftssinn und sorgen dafür, dass jedes Mitglied - vom jüngsten bis zum ältesten - mit Respekt und gleicher Wertschätzung behandelt wird. Ältere Frauen beispielsweise gelten als heilige Hüter der Familienbande zu den Vorfahren und sind dafür zuständig, die Familienaltäre zu pflegen und die Feste zu Ehren der Verstorbenen vorzubereiten. Ein starkes soziales Netzwerk, bestehend aus einer großen Familie und vielen guten Freunden, mit denen man Freud und Leid teilen kann - dieses Rezept scheinen nicht nur die Hundertjährigen auf Okinawa zu kennen, sondern auch andere Überlebenskünstler der Gattung Homo sapiens. In fast allen Regionen, in denen die Menschen besondern lange leben, Sardinien, Neuschottland oder in manchen ländlichen Gegenden der USA etwa, haben sich solche Oasen der Gemeinschaft erhalten.

Viele Kinder, langes leben

Verona Johnston zum Beispiel, die "Time" ihre Tricks für ein langes, gesundes Leben anvertraute. Die Mutter von vier Kindern, die 13 Enkel und 23 Urenkel hat, ist vergangenen August 114 Jahre alt geworden und damit der älteste Mensch der USA. Seit sie 98 ist, wohnt sie bei ihrer Tochter Julie, 81, und deren Mann Bruce, 83, in Worthington, Ohio. Keine Frage, Veronas Leben ist ruhiger geworden. Als ihre Augen nicht mehr mitmachten, hat sie mit 110 das Bridge-Spielen aufgegeben. Und seit sie einen Stock zum Gehen braucht, fährt sie nicht mehr allein zu Verwandten nach San Diego, wie sie es noch im Alter von hundert tat. Doch solange sie ihre Hörbucher verstehen kann und die Namen all ihrer Enkel und Urenkel zusammenbekommt, kann es nach ihrem Geschmack ruhig noch ein paar Jahre weitergehen. "Man kann so alt werden, dass man das Leben nicht mehr genießen kann", meint die 114-Jährige. In das Alter aber, fügt sie hinzu, "bin ich nie gekommen".

Cornelia Stolze print

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