HOME

Elf Jahre im Wachkoma: Der lange Streit um Leben und Tod von Vincent Lambert hat eine Ende gefunden

Seit einem Motorradunfall 2008 liegt Vincent Lambert in einer Art Wachkoma. Seit Jahren streitet seine Familie vor Gericht: Soll er am Leben gehalten werden oder nicht? Nun wird eine endgültige Entscheidung umgesetzt.

Eine Mann Ende 30 liegt in einem Krankenhausbett. Sein Kopf mit braunem Haar ist in die Kamera gedreht

Seit 2008 liegt Vincent Lambert querschnittsgelähmt in einer Art Wachkoma (Archivbild vom Juni 2015)

AFP

Wird der Tod als Erlösung zu Vincent Lambert kommen oder als Schrecken? Diese Frage wird niemand mit Gewissheit beantworten können - am wenigsten er selbst. Denn Lambert, 42, hat bei einem Motorradunfall 2008 schwere Kopfverletzungen erlitten. Er liegt seither querschnittsgelähmt in einer Art Wachkoma, die Ärzte bezeichnen seinen Zustand als vegetativ. Sie attestieren ihrem Patienten minimales Bewusstsein.

Lamberts Augen reagieren reflexartig auf Lärm, bleiben aber meist ausdruckslos. Er kann nicht sprechen, aber er kann weinen. Sein Körper spürt Schmerzen. Ernährt wird er über einen Schlauch. Die Mediziner schließen laut einem "Spiegel"-Bericht aus, dass sich Lamberts Gesundheitszustand noch wesentlich verbessern wird. Würde er so weiterleben wollen?

Familie streitet über Leben und Tod

Darüber streiten auch die, die Lambert kennen und lieben. Seine Frau und sechs seiner acht Geschwister wollen seit Jahren, dass die künstliche Ernährung eingestellt wird. Seine Eltern und seine anderen beiden Geschwister wollen, dass die Ärzte die Behandlung fortsetzen. Was hätte Lambert selbst gewollt? Weil er keine Patientenverfügung hatte, kann niemand diese Frage mit Sicherheit beantworten.

Aktive Sterbehilfe ist in Frankreich verboten. Seit 2005 ist es aber zumindest erlaubt, unheilbar Kranke "sterben zu lassen". Dürfen die Ärzte also Lambert sterben lassen? "Vincent gehen zu lassen", sagte Lamberts Frau Rachel 2013, "ist mein letzter Beweis der Liebe." Darüber streitet die Familie auch vor Gericht. 2014 hatte der Conseil d'État entschieden, dass Vincent sterben darf. Doch seine Eltern erkennen das Urteil des obersten Verwaltungsgerichts von Frankreich nicht an. Sie argumentieren, die Entscheidung verletze Lamberts Recht auf Leben, und die künstliche Ernährung zu beenden, stelle Folter dar. Sie rufen daher den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) an. Der entscheidet im Juni 2015: Die künstliche Ernährung des damals  38-Jährigen darf eingestellt werden.

Eltern von Vincent Lambert kämpfen um sein Leben

Doch damit wollen die Eltern sich nicht abfinden - und schöpfen alle Rechtsmittel aus. Ihr juristischer Kampf dauert bis Ende April 2019. Dann lehnt der EGMR einen Einspruch der Eltern gegen die Abschaltung der lebenserhaltenden Geräte ab. Schon in der Woche zuvor hatte der Conseil d'État gegen die Eltern entschieden.

"Alle Rechtsmittel sind jetzt ausgeschöpft", sagte Donnerstag Madeleine Munier-Apaire, die Anwältin eines Neffen von Lambert, dem TV-Sender "France Info". Das Pariser Verwaltungsgericht wies am Mittwoch, den 15. Mai, eine dringende Beschwerde der Eltern gegen das Ende der künstlichen Ernährung ihres Sohnes zurück.

Finden alle ihren Frieden?

Der behandelnde Arzt hat der Familie seine am 9. April getroffene Entscheidung mitgeteilt, die Geräte in der Woche ab dem 20. Mai abzuschalten, heißt es in einem Schreiben der Anwälte der Familie. Die Mitteilung sei ohne weitere Erläuterungen erfolgt.

Ab Montag können also die Ärzte die künstliche Ernährung von Vincent Lambert einstellen. Normalerweise sterben Wachkoma-Patienten dann binnen weniger Tage. Bleibt zu hoffen, dass Vincent Lambert Ruhe findet - und seine Angehörigen ihren Frieden mit der Entscheidung machen.

Quellen: AFP, "France Info", JeSoutiensVincent, "Heute.at", "Spiegel Online", "Sciences et Avenir", Conseil d'État.

mit AFP

Wissenscommunity