Freitag, den 30.05.2003 SARS in der Schule - eine deutsche Lehrerin berichtet aus China


Es gibt Städte in China, die haben fünf Millionen Einwohner, aber in Deutschland kennen nicht einmal Erdkunde-Lehrer ihren Namen. Ursula Nagy, eine Deutsche aus Berlin, arbeitet als Lehrerin in Ningbo. Sie berichtet über die Zustände an ihrer Schule.

Es gibt Städte in China, die haben fünf Millionen Einwohner, aber in Deutschland kennen nicht einmal Erdkunde-Lehrer ihren Namen. Ningbo, vier Fahrstunden südlich von Shanghai gelegen und Hauptstadt der Küstenprovinz Zhejiang, ist so eine. Ursula Nagy, eine Deutsche aus Berlin, hat es dorthin verschlagen. Sie arbeitet als Lehrerin und schickt folgenden Bericht:

In den Universitäten von Ningbo haben die Studierenden allmählich genug von SARS. Seit einem Monat dürfen sie das Campusgelände nicht mehr verlassen. Eine Studentin ist trotzdem über die Maifeiertage ausgerissen, um ihre Eltern zu besuchen. Beim heimlichen Überklettern des Zaunes wurde sie vom Wachpersonal geschnappt und sofort von der Universität verwiesen. In Sachen SARS lässt in der Stadt, die übersetzt "Ruhiges Meer mit sanften Wellen" heißt, keiner mit sich spaßen.

Eine Professorin freut sich über die freie Zeit

Damit die Langeweile an den Schulen und Universitäten nicht zu groß wird, organisieren einige Institute Sportwettkämpfe. Dieses Wochenende findet ein Angelwettbewerb statt. Sport im Freien ist erwünscht, alle größeren Veranstaltungen in geschlossenen Räumen wurden abgesagt. Eine Professorin gewinnt der SARS-Krise viel Positives ab: "Für mich sind jetzt Ferien angebrochen. Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich Zeit für mich selbst, spiele Klavier und höre Platten."

Auch ich bin Lehrerin hier in Ningbo, obwohl ich eigentlich Frankreich-Wissenschaften studiert habe. Seit acht Monaten lebe ich in der Hafenstadt - der Liebe wegen. Mein Freund, ein Franzose, arbeitet hier als Ingenieur in einer Fabrik für Mobiltelefone. Eines Morgens Ende April waren die Eingangspforten meiner Schule verschlossen. "Zutritt nur für das Personal und die Schüler der Mittelschule" informiert ein Schild. Von diesem Tag an gehen die Uhren der Schule anders.

Auf einmal scheint SARS ganz nahe. Erste Gerüchte sind zu hören, dass die gefährliche Lungenkrankheit auch Ningbo erreicht hätte.

Mundschutz und Fieberthermometer auf jedem Schreibtisch

Irgendwie ist SARS allgegenwärtig, obwohl keiner SARS hat. Vorsicht ist jetzt oberstes Gebot. Strenge Ein- und Ausgangskontrolle der Schüler und Lehrer, Desinfektion des Gebäudes und keine Ausflüge mehr in "gefährdete Gebiete", wie Peking oder Kanton, ohne anschließende Hausquarantäne. Plötzlich liegen Mundschutz und Fieberthermometer auf jedem Schreibtisch. Im Eingang stapeln sich Reissäcke zur Versorgung des Schulpersonals. Für alle Fälle.

Ich und meine französische Kollegin schütteln nur mit dem Kopf. Auf einmal Panikmache, wo in den vergangenen Wochen noch alles sicher und unter Kontrolle gewesen sein soll. Die chinesische Regierung hatte nach monatelangem Schweigen erst Mitte April das Ausmaß der SARS-Epidemie enthüllt. Die Zahlen waren weit höher, als es sich die Menschen in Ningbo vorgestellt hatten. Nach erster Panik und Angst kehrt nach kurzer Zeit wieder Ruhe ein. Schließlich gibt es in der Stadt nach offiziellen Angaben keinen SARS-Fall. Dennoch haben einige Krankenhäuser spezielle Stationen für den Notfall eingerichtet.

Die Chinesen bekommen nun Nachhilfestunden in Sachen Hygiene

Es ist leerer in den Straßen. Taxifahrer und Händler klagen über mangelnde Kundschaft und einige Bars und Restaurants haben geschlossen. Die traditionellen chinesischen Ärzte und Kräuterapotheken hingegen haben viel zu tun. Viele Chinesen schwören auf bewährte Heilkräuter und grünen Tee zur Vorbeugung.

Eine Person mit Mundschutz ist ein eher seltener Anblick. In dem deutschen Supermarkt "Metro" fordert ein Eingangsschild zum Maskentragen auf, aber im Geschäft selbst trägt sie allenfalls das Personal. Die Chinesen bekommen nun auch Nachhilfestunden in Sachen Hygiene. In öffentlichen Toiletten gibt es auf einmal Seife. Plakate hängen aus, die dazu auffordern, ausgiebig Hände zu waschen und zuhause sorgfältig zu putzen. Einige fühlen sich auch sicherer, wenn sie Essig in ihrer eigenen Wohnung verdunsten (Lesen Sie dazu die Tagebucheinträge vom 28. April: "Warum SARS gut für meine Gesundheit ist" und vom 9. Mai: "Die Kunst an SARS zu sterben ohne SARS zu haben").

Über die vom Staat verkürzten Maiferien haben die meisten Chinesen auf Ausflüge verzichtet und sich lieber zu Hause ausgeruht (Lesen Sie dazu den Tagebucheintrag vom 2. Mai: "Einsam in Peking"). Vorschrift ist Vorschrift. Man möchte lieber nichts riskieren. Meine chinesischen Kollegen raten mir, möglichst wenig vor die Haustür zu gehen, Busse und Menschenansammlungen zu meiden und Ningbo nicht zu verlassen. Bewegung an der frischen Luft sei aber gesund. Leider birgt letzteres auch einige Risiken, denn der chinesische Volkssport des Spuckens wurde hier leider noch nicht verboten.

Schon ein Hüsteln genügt, um im Bus einen freien Platz zu bekommen

Zur Schule, einem Virenhort wie man ihn schwerlich besser finden kann, müssen trotzdem alle Lehrer kommen. Allerdings gibt es bisher weltweit unter Kindern kaum SARS-Fälle. (Lesen Sie den Tagebucheintrag von Matthias Schepp vom 13. Mai: "SARS, mein Sohn und eine Stadt voller Bankräuber"). Jeden Morgen wird Fieber gemessen. Wer Anzeichen einer Krankheit hat, muss - oder darf - zuhause bleiben. Gestern riet eine chinesische Lehrerin einer leicht erkälteten Kollegin, doch einfach nach Hause zu gehen. Wenn die Temperatur nicht hoch genug sei, solle sie vor dem Fiebermessen heißes Wasser trinken.

Einige Ausländer haben schnell ihre Koffer gepackt und Ningbo für eine Weile verlassen. Die meisten halten die Stellung. Für sie ist der Alltag komplizierter geworden. Vielleicht doch lieber Einkaufen in den großen Supermärkten als auf den gut besuchten Obst- und Gemüsemärkten? Ist es wirklich sinnvoll, den Mundschutz zu tragen, wenn man einen Bus nehmen muss oder einkauft? Ist es gefährlich, in Restaurants und Kneipen zu gehen?

Die in den Zeiten von SARS ins häusliche Exil geflüchtete Internet-Gemeinde, übt sich in schwarzem Humor. Sie listen die Vorteile von SARS auf: Die Kriminalität etwa sei zurückgegangen, weil die meisten Bösewichte zu Hause bleiben. Die Staatsindustrie konnte ihre Lager unverkäuflicher Arzneimittel und Mundschutzbinden mit Gewinn abbauen. Und die Mitmenschen seien seit SARS viel höflicher. Schon ein Hüsteln genügt, um im Bus einen freien Platz zu bekommen.

Ursula Nagy


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