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Gefährliche Abnehmpillen: Vergiftet statt schlank

Vorsicht vor Abnehmpillen aus dem Internet. Laut einer neuen Studie enthalten die angeblich rein pflanzlichen Schlankmacher mitunter verbotene Substanzen - ein Cocktail, der tödlich sein kann.

Von Lea Wolz

Pflanzliche Mittel nehmen Verbraucher häufig ohne Bedenken ein - gefahrlos sind diese allerdings nicht

Pflanzliche Mittel nehmen Verbraucher häufig ohne Bedenken ein - gefahrlos sind diese allerdings nicht

Natürlich ist gut und ungefährlich? Natürlich kann auch tödlich sein. Denn in der Natur kommen viele Gifte vor, die für Menschen schädlich sind. Kartoffeln enthalten den Giftstoff Solanin, der Übelkeit, Durchfall und Schweißausbrüche hervorrufen kann und sich verstärkt bildet, wenn die Erdäpfel nicht kühl und dunkel gelagert werden. Grüne Bohnen können sogar tödlich sein - wenn sie roh gegessen werden. Denn einer ihrer Bestandteile ist Phasin - ein Eiweiß, das die roten Blutkörperchen miteinander verkleben lässt und zu Blutungen im Magen und Darm führen kann. Erst beim Kochen wird Phasin zerstört. Grüner Knollenblätterpilz, Tollkirsche und Fingerhut, auch diese drei sind sehr natürlich - und sehr giftig.

"Einige der stärksten Giftstoffe, die wir kennen, stammen aus der Natur", sagt Ursel Wahrburg, Ernährungswissenschaftlerin an der Fachhochschule Münster. Was natürlich ist, muss daher noch lange nicht gesund und harmlos sein. "Auch hier kommt es auf die Dosis an."

Doch noch immer unterliegen viele Verbraucher diesem Trugschluss, wie eine neue Studie im "British Journal of Clinical Pharmacology" zeigt. Toxikologen von der Uni Hongkong berichten darin von 66 Patienten, die sich mit angeblich rein pflanzlichen Abnehmmittel vergiftet haben. Acht davon erkrankten schwer, für eine Person endete der Wunsch, mit den Pillen mühelos abzunehmen, sogar tödlich.

"Die Vorstellung, dass ein Mittel pflanzlich ist, gefällt vielen, da sie dann denken, dass es auch sicher ist", sagt Studienautorin Magdalene Tang vom Princess Margaret Hospital in Hongkong. "Doch dabei gibt es zwei Probleme: Erstens ist nicht alles, was natürlich ist, auch harmlos. Und zweitens enthalten manche Abnehmmittel auch potenziell schädliche Stoffe."

Lebensbedrohliche Wechselwirkungen

Dass natürliche Mittel nicht an sich ungefährlich sind, mussten auch die Patienten feststellen, die Tang und ihre Kollegen zwischen 2004 und 2009 untersuchten. Sie klagten unter anderem über Herzrasen, Schwindel, Schlaflosigkeit und Zittern. In einem Fall versagte die Leber. Die Wissenschaftler untersuchten daraufhin die angeblich rein pflanzlichen Abnehmpillen, welche die Erkrankten über das Internet aus China, von Freunden oder in Kräuterläden bezogen hatten. In den 81 Abnehmmitteln fanden sie zwölf verbotene Substanzen, darunter den Appetitzügler Sibutramin, und Stoffe, die den Hormonhaushalt durcheinander bringen können. Sibutramin kann Herz-Kreislauf-Probleme verursachen und ist EU-weit seit Anfang dieses Jahres zur Behandlung von ernährungsbedingtem Übergewicht nicht mehr zugelassen. Vereinzelt waren in den Schlankheitsmitteln bis zu sechs dieser Inhaltsstoffe kombiniert. Dies könne zu lebensbedrohlichen Wechselwirkungen führen, warnen die Wissenschaftler.

Obgleich sich die Studie auf Hongkong bezieht, ist das Problem auch in Deutschland bekannt. Zwischen 2005 und Mitte 2008 meldeten sich bei den Giftinformationszentren in Freiburg und Göttingen 15 Frauen und zwei Männer, die sich mit chinesischen Schlankheitskapseln vergiftet hatten. Auch diese enthielten Sibutramin - in fast der doppelten Tagesmaximaldosis des ehemals in Deutschland zugelassenen Arzneimittels, wie im Deutschen Ärzteblatt zu lesen ist. Experten der beiden Giftzentralen gehen allerdings davon aus, dass die Dunkelziffer weitaus höher liegt. Patienten würden solche 'pflanzlichen' Mittel oft gar nicht als Arzneien einschätzen - und ihren Ärzten daher verschweigen, dass sie diese schlucken.

Über das Internet können solche Mittel leicht bezogen werden. "Vor allem Schlankheits- und Potenzpillen werden als diätische Lebens- oder Nahrungsergänzungsmittel angeboten und als natürlich angepriesen", sagt Axel Thiele, Experte für Arzneimittelsicherheit am Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM). "Dabei handelt es sich im Prinzip um Arzneimittel, denn sie enthalten hochwirksame chemische Bestandteile." Doch auf den Produkten aus dem Internet fehlen häufig Angaben zu den Inhaltsstoffen, Dosierungsempfehlungen und Hinweise auf Wechselwirkungen. "Abnehmpillen aus dem Internet zu bestellen, ist riskant. Verbraucher haben keine Kontrolle darüber, was darin enthalten ist", warnt auch Ernährungsexpertin Wahrburg.

Ärger mit dem Zoll

Für den Verbraucher gibt es neben der Gefahr, die solche Pillen für die Gesundheit darstellen können, noch ein anderes Risiko. Die Einfuhr von Arzneimitteln ist in Deutschland streng geregelt. So dürfen zum einen nur in Deutschland zugelassene Arzneimittel importiert werden. Darüber hinaus darf die Einfuhr nur aus bestimmten EU-Staaten und anderen Vertragsstaaten des Europäischen Wirtschaftsraums erfolgen, die vergleichbare Sicherheitsstandards haben. Für verschreibungspflichtige Arzneimittel wird dabei natürlich ein Rezept gebraucht. In Deutschland nicht zugelassene Arzneimittel können lediglich in geringen Mengen über eine Apotheke bestellt werden - wenn ein Arzt sie verschrieben hat.

Wer sich Schlankheitskapseln aus China bestellt, die zwar als Nahrungsergänzungsmittel deklariert sind, aber tatsächlich Sibutramin enthalten und deshalb als bedenkliches Arzneimittel eingestuft werden, kann da schnell Probleme bekommen. "Der Bezug solcher Schlankheitsmittel über das Internet ist nicht erlaubt", sagt ein Sprecher des Zollfahndungsamtes Frankfurt am Main. Solche Sendungen aus Fernost werden vom Zoll beschlagnahmt, es droht ein Strafverfahren und ein Bußgeld.

BfArM-Experte Thiele rät daher generell dazu, Gesundheitspräparate im Internet nur bei zertifizierten Apotheken mit Prüfsiegel zu bestellen. "Für den Kunden ist es ansonsten nur schwer ersichtlich, ob es sich um einen seriösen Anbieter handelt oder nicht", sagt er. Der Handel mit Schlankheitsmitteln, die verbotene Substanzen enthalten, sei durch das Internet zu einer globalen Epidemie geworden, schreiben Tang und Kollegen. Sie glauben, dass weniger Menschen zu solchen Pillen greifen würden, wenn sie mehr über die Risiken wüssten.

Viele Abnehmmittel helfen gar nicht

Ohnehin ist der Erfolg von Abnehmpillen begrenzt, höchstens bis zu vier Kilo lassen sich mit ihnen abspecken. Die meisten der freiverkäuflichen Pillen und Pülverchen versprechen viel, helfen aber gleich gar nichts, wie eine Untersuchung von Öko-Test im Januar dieses Jahres ergab.

"Man kann vor allen diesen Präparaten nur warnen", sagt Wahrburg, die den stern.de-Ratgeber Ernährung betreut. "Sie sind meistens nicht billig, haben Nebenwirkungen, aber entweder gar keinen oder langfristig kaum einen Nutzen." Wer dauerhaft abnehmen will, kommt daher um Sport und eine Umstellung der Ernährung nicht rum. "Auf absehbare Zeit wird man die Wunderpille nicht finden."

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