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Gefährlicher Darmkeim: Ehec-Infektion breitet sich rasch aus

Der Ehec-Darmkeim verbreitet sich schnell: Eine Frau aus Diepholz ist an den Folgen gestorben, zwei weitere möglicherweise auch. In Frankfurt infizierten sich 19 Menschen in einer Kantine.

Die Ausbreitung des gefährlichen Durchfallkeims Ehec hat mindestens ein Todesopfer gefordert. Eine an dem Erreger erkrankte 83-jährige Frau ist im Kreis Diepholz gestorben. Das Gesundheitsministerium in Hannover teilte am Dienstag mit, die Seniorin sei seit Mitte Mai wegen eines blutigen Durchfalls stationär behandelt worden. Der Labornachweis habe eine Ehec-Infektion ergeben.

In einer Bremer Klinik starb in der Nacht zum Dienstag eine junge Frau ebenfalls mit Verdacht auf den gefährlichen Durchfall-Erreger. Die Patientin habe Symptome der Ehec-Infektion gehabt, allerdings sei der Erreger im Labor noch nicht nachgewiesen worden, teilte die Gesundheitsbehörde mit. Im Kreis Stormarn (Schleswig-Holstein) starb eine 80 Jahre alte Frau, die sich mit dem Ehec-Keim infiziert hatte. Ob dieser auch die Todesursache war, steht noch nicht fest. Das zuständige Gesundheitsamt untersucht zurzeit die genauen Umstände.

Unterdessen nehmen die Ehec-Verdachtsfälle im Norden weiter explosionsartig zu, während der Süden bisher lediglich vereinzelt betroffen ist. Allein in Schleswig-Holstein hat sich ihre Zahl seit Montag auf mehr als 200 Fälle verdoppelt. Damit gibt es deutschlandweit derzeit mehr als 460 bestätigte und Verdachtsfälle.

Frankfurter Fälle aßen alle in der selben Kantine

Bei ihrer Suche nach der Quelle für die Infektionen kommt die Frankfurter Gesundheitsbehörde voran. Alle 19 bisher in der Stadt Erkrankten haben in denselben Kantine einer Frankfurter Unternehmensberatung gegessen, sagte Oswald Bellinger vom Gesundheitsamt am Dienstag. Zwei Kantinen der Beratung PWC waren bereits am Montag vorsorglich geschlossen worden.

Schuld sei wahrscheinlich eine belastete Lieferung an die Kantine: "Wir gehen davon aus, dass die Infektionsquelle in Norddeutschland liegt", sagte Bellinger. Derzeit werteten Experten die Lieferscheine der beiden betroffenen Kantinen aus. "Wir gehen immer noch davon aus, dass die Übertragung durch Rohkost stattgefunden hat." Sicherheitshalber würden auch die Küchenmitarbeiter untersucht, Ergebnisse von Proben seien bis Ende der Woche zu erwarten, wie Bellinger auch dem Radiosender FFH sagte. So lange blieben die Kantinen geschlossen.

Insgesamt müssen nach Angaben des Gesundheitsministeriums von Dienstagmorgen 26 Menschen in Hessen wegen einer Infektion mit Ehec im Krankenhaus behandelt werden. Sie leiden unter dem sogenannten hämolytisch-urämischen Syndrom (HUS), das von dem Darmbakterium verursacht wird.

Das Robert-Koch-Institut teilte mit, dass es momentan 80 Patienten gibt, die an der schweren Verlaufsform, dem hämolytisch-urämischen Syndrom (HUS) erkrankt seien. Dabei kann es zu Nierenversagen oder Blutarmut kommen. Normalerweise würden innerhalb eines Jahres 50 bis 60 HUS-Fälle auftreten. RKI-Präsident Reinhard Burger warnte: "Wir müssen auch klar sagen, dass wir mit Todesfällen rechnen müssen."

Hamburg meldete bislang etwa 100 nachgewiesene Fälle, Nordrhein-Westfalen 24. In Bayern bestätigte das Landesgesundheitsamt 2 Ehec-Erkrankungen. In Niedersachsen und Bremen wurden fast 100 Fälle gemeldet, allerdings noch nicht alle bestätigt. Das Saarland registrierte bislang 3 Ehec-Patienten, Mecklenburg-Vorpommern geht von 15 teils noch unbestätigten Erkrankungen aus. Baden-Württemberg meldete den ersten Fall.

Nach Angaben der ärztlichen Leiterin des Hamburger Großlabors Medilys, Susanne Huggett, dauert der Befund rund 36 Stunden. "Deshalb gibt es gegenwärtig viele Verdachtsfälle aber noch kein verlässliches Bild der tatsächlichen Gesamtlage." Untersuchungen von Proben hätten ergeben, dass es sich um einen teils antibiotikaresistenten Bakterienstamm handele. Solche Ehec-Stämme seien bislang unbekannt.

Ungewaschenes Gemüse im Verdacht

Der Auslöser für die Seuche blieb zunächst unklar. Im Verdacht steht ungewaschenes Gemüse. Die Angaben der Betroffenen lassen dem Hamburger Institut für Hygiene und Umwelt zufolge vermuten, dass die Produkte wie Rohmilch, Frischkäse und Rindfleisch ausscheiden. Der Erreger kann auch durch das Gülle-Düngen von Obst und Gemüse in den Nahrungskreislauf gelangt sein. Dem Robert Koch-Institut (RKI) zufolge ist die Infektionsquelle möglicherweise noch aktiv.

Betroffen sind überwiegend erwachsene Frauen. "Das legt nahe, dass vor allem Frauen Zugang zur Infektionsquelle haben", sagte der Präsident des niedersächsischen Landesgesundheitsamtes, Matthias Pulz. "Das Lebensmittel muss sich irgendwo im Handel befinden."

Antibiotika sind gefährlich bei Ehec

Ehec-Erreger sind Stämme der Escherichia coli-Bakterien. Sie leben vor allem im Darm von Wiederkäuern und können über unerhitzte Lebensmittel übertragen werden. Auch eine Übertragung über Menschen ist bei mangelnder Hygiene möglich. Die Keime treten in Deutschland immer wieder auf. Das RKI hat seit 2001 bundesweit jährlich zwischen 800 und 1200 Erkrankungen registriert - oft mit leichterem Verlauf.

Von einer Behandlung mit Antibiotika vor allem im späteren Krankheitsstadium raten Mediziner ab. Durch das Abtöten des Keims könnten verstärkt Giftstoffe freigesetzt und die Krankheit damit verschlimmert werden.

fw/be/DPA/AFP / DPA

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