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Fragen und Antworten zu Ehec: Muss Gemüse in den Müll?

Das Hamburger Hygiene-Institut hat Salatgurken aus Spanien als Träger der gefährlichen Ehec-Erreger identifiziert. Was bedeutet das für Verbraucher?

Von Lea Wolz

Noch wissen Wissenschaftler nicht endgültig, aus welchen Quellen der Darmkeim Ehec stammt, der sich zurzeit in Deutschland ausbreitet. Seit gestern rät das Robert-Koch-Institut (RKI) jedoch vom Verzehr von Tomaten, Gurken und Salat ab. Hinweise hatte eine Befragung von Erkrankten in Hamburg geliefert: Sie hatten diese Lebensmittel deutlich häufiger gegessen als gesunde Studienteilnehmer. Dass auch andere Lebensmittel noch als Infektionsquelle in Frage kommen, sei aber nicht auszuschließen betonte, das RKI.

Auch das Hamburger Hygiene-Institut hat mittlerweile eine Infektionsquelle ausgemacht: Gurken aus Spanien seien als Träger der gefährlichen Ehec-Erreger identifiziert worden, hieß es am Donnerstag auf einer Pressekonferenz. Doch was heißt das für Verbraucher? stern.de erklärt, ob Sie Ihre Gurken besser wegwerfen, ob Sie nur in Norddeutschland vorsichtig sein müssen und ob die Ehec-Seuche nun eingedämmt ist.

Geht es um Gemüse "in" oder "aus" Norddeutschland?

Hier gab es seit gestern einige Verwirrung. Das RKI warnte vor Tomaten, Gurken und Salat "in" Norddeutschland. Die Agenturen vermeldeten daraufhin allerdings, dass Verbraucher besser Gemüse "aus" Norddeutschland nicht verzehren sollten. Richtig ist: Das RKI rät Bürgern <k>in</k> Norddeutschland, besser auf diese drei Lebensmittel zu verzichten. Hintergrund ist, dass die meisten Infektionen mit dem Ehec-Erreger im Norden auftreten, sodass es laut RKI denkbar ist, dass die befallenen Lebensmittel vorrangig dort vertrieben werden. Dabei kann es sich ebenso um importiertes wie um heimisches Gemüse handeln. Auf Gurken, Tomaten und Salat selbst war der Keim bis gestern noch nicht nachgewiesen worden. Dies ist dem Hamburger Hygiene-Institut mittlerweile in einem Fall geglückt: Auf drei Salatgurken aus Spanien, darunter auch eine Biogurke, hat es die Ehec-Keime identifiziert. Die Gurken dieser Hersteller würden nun aus dem Handel entfernt. Auch eine weitere Gurke war Träger des Bakteriums - woher sie stammt, ist aber noch unklar.

Sollte ich Tomaten, Salat und Gurken nun besser wegwerfen?

"Das ist eine schwierige Entscheidung", sagt ein Sprecher des Bundesinstitutes für Risikobewertung (BfR). Wer sichergehen will, solle das Gemüse besser entsorgen. Ansonsten gelte es, die Lebensmittel gründlich zu waschen. "Allerdings bekommen sie damit nur einen Teil der Keime weg", räumt der BfR-Mitarbeiter ein. Da Ehec-Keime hoch infektiös sind und schon wenige ausreichen, um sich anzustecken, rät das BfR beim Waschen besonders gründlich vorzugehen. Wer seine Tomaten zu Soße verarbeitet und sie kocht, muss sich keine Gedanken machen: Durch Kochen, Braten und Pasteurisieren werden Ehec-Bakterien abgetötet. Die Lebensmittel sollten daher vor dem Verzehr - wenn möglich - mindestens zehn Minuten lang auf 70 Grad erhitzt werden. Auch Schälen senkt das Ansteckungsrisiko.

Muss ich nur in Norddeutschland vorsichtig sein?

Zwar raten die Behörden zu besonderer Vorsicht im Norden Deutschlands, da es dort vermehrt zu Ehec-Infektionen kommt. Zudem hat das RKI in erster Linie Patienten in Hamburg befragt - die Studie habe daher nur bedingt Aussagekraft für andere Orte. Da es jedoch auch schwere Verläufe der Ehec-Infektionen in anderen Teilen Deutschlands gibt, ist auch dort Vorsicht ratsam. Laut RKI könnten auch dort belastete Lebensmittel im Umlauf sein.

Muss ich meinen Kühlschrank desinfizieren, wenn belastetes Gemüse darin lagerte?

"Wer den Verdacht hat, dass er belastetes Gemüse im Kühlschrank gelagert hat, sollte die Flächen gründlich reinigen", sagt ein BfR-Sprecher. "Am besten mehrmals und mit heißem Wasser und Seife." Zu einem Desinfektionsmittel rät er nicht unbedingt. Kälte alleine tötet diese Bakterien allerdings nicht. Sie sind dagegen ebenso unempfindlich wie gegenüber einem sauren Milieu, Austrocknung und einer hohen Salzkonzentration, schreibt das BfR.

Kann ich die anderen Lebensmittel wieder unbedenklich verzehren?

Von Fleisch, Rohmilch oder Rohkäse - den üblichen Verdächtigen bei einer Ehec-Infektion - geht nach derzeitigem Wissen keine Gefahr aus. Auch Obst wie Äpfel oder Erdbeeren steht nicht in erster Linie im Verdacht, Keimträger zu sein. Ganz genau kann das aber noch keiner sagen. Daher gelten auch hier die üblichen Hygieneregeln: Mehrmaliges Waschen und - wenn möglich - Schälen senken die Ansteckungsgefahr. Fleisch sollte gut durchgebraten und nicht zusammen mit Gemüse gelagert werden. Wer Fleisch auf einem Brettchen schneidet, sollte die Küchenutensilien und die Fläche im Anschluss reinigen - und erst dann das Gemüse zurechtschnippeln. Für Fleisch und Gemüse gilt auch: Beides sollte getrennt gelagert werden. Selbstverständlich sollten auch Hände regelmäßig und gründlich gewaschen werden - vor allem nach dem Gang zur Toilette und nach Kontakt zu Tieren.

Sollten Kinder besser komplett auf Rohkost verzichten?

Die Verbraucherzentrale Hamburg rät, besser auf den Verzehr von Salat, Gurken und Tomaten zu verzichten - solange die Warnung des RKI besteht. Andere Gemüse wie Karotten oder Kohlrabi stünden bis jetzt allerdings nicht als Keimquelle im Verdacht. Wer sie gründlich reinigt und schält, kann seinen Kindern daher durchaus auch Vitamine anbieten.

Ist der Ehec-Ausbruch nun eingedämmt?

Nein. Zwar weiß man inzwischen mehr über den Erreger, der kursiert. Zudem gibt es erste Hinweise auf belastete Lebensmittel. "Doch das bedeutet noch lange nicht, dass der Ausbruch eingedämmt ist," heißt es aus dem Bundesinstitut für Risikobewertung. Dafür sind auch einfach noch zu viele Fragen offen: Wie sind die belasteten Lebensmittel in den Handel gelangt? Sind noch andere Produkte betroffen? Und wie kam der Erreger überhaupt auf die Lebensmittel?

Was versteckt sich hinter dem Kürzel Ehec?

Ehec-Keime (Enterohämorrhagische Escherichia coli) sind eine gefährliche Form des eigentlich nützlichen Darmbakteriums Escherichia coli. Infektionen damit treten weltweit auf. Auch in Deutschland kommt es immer wieder zu Erkrankungen. Dem Berliner Robert-Koch-Institut zufolge wurden seit Einführung der Meldepflicht im Jahr 2001 hierzulande jährlich zwischen 900 und 1200 Erkrankungen registriert. Deren Verlauf war in der Vergangenheit aber häufig leicht. Die Bakterien können aber auch das sogenannte hämolytisch-urämische Syndrom (HUS) auslösen. Dieses kann zu Blutarmut und Nierenversagen führen. Ehec-Erreger kommen natürlicherweise in den Därmen von Rindern, Schafen und Ziegen vor. Auch bei Rehen und Hirschen findet sich laut RKI der Keim. Vereinzelt sei auch nachgewiesen worden, dass andere landwirtschaftliche Nutztiere und Haustiere das Bakterium in sich tragen.

Wie kann man sich anstecken?

Menschen können sich mit dem Erreger infizieren, wenn sie mit den Tieren in Kontakt kommen. Die Infektionen können aber auch auf anderem Weg stattfinden - zum Beispiel durch den Verzehr kontaminierter Lebensmittel wie Rohmilch und -käse oder Rindfleisch. Auch ungewaschenes Gemüse und Obst kommt als Ursache in Frage. Die Weitergabe von Mensch zu Mensch ist dem Berliner Institut zufolge bei Ehec ebenfalls ein bedeutender Übertragungsweg, da der Erreger hochansteckend ist. Weniger als 100 Keime reichen aus, um eine Infektion auszulösen. Ausgeschieden werden die Bakterien über den Darm. Bei schlechter Hygiene können sie so über die Hände oder über Gegenstände verbreitet werden. Der Zeitraum von der Infektion bis zum Ausbruch der Krankheit dauert laut RKI durchschnittlich drei bis vier Tage. Infizierte können die Keime noch Tage bis Wochen ausscheiden. Auch Menschen, die sich infiziert haben und nicht erkranken, können den Keim verbreiten.

Welche Symptome treten auf?

Bei einer Infektion kommt es zu wässrigem oder blutigem Durchfall, Übelkeit, Bauchschmerzen, Erbrechen und selten auch zu Fieber. Vor allem Säuglinge, Kinder und Menschen mit einem geschwächten Immunsystem erkranken häufiger schwer. Bei fünf bis zehn Prozent der Erkrankten entwickelt sich als schwere Verlaufsform der Infektion ein hämolytisch-urämisches Syndrom, das zu Nierenschäden und Blutarmut führen kann.

Was ist so ungewöhnlich an dem jetzigen Ausbruch?

Behörden sind vor allem aus zwei Gründen besorgt: In kurzer Zeit kommt es momentan zu ungewöhnlich schweren Verläufen der Krankheit. Zudem erkranken diesmal deutlich mehr Erwachsene als Kinder. Laut RKI sind in Deutschland noch nie so viele HUS-Fälle in so kurzer Zeit wie in diesem Mai gemeldet worden. "Die Jahresmenge von sonst erreichen wir diesmal in wenigen Tagen bis Wochen", sagte die RKI-Sprecherin. Zum Vergleich: Im vergangenen Jahr erfasste das RKI 65 Fälle. Nur sechs der Erkrankten waren über 18 Jahre alt. Warum es vor allem Frauen trifft, ist für die Wissenschaftler noch ein Rätsel. Ein möglicher Grund: "Frauen bereiten häufiger Lebensmittel zu, und da könnten sie sich möglicherweise bei der Reinigung des Gemüses oder anderer Lebensmittel infizieren", sagte Gérard Krause, Leiter der Infektionsepidemiologie am RKI, der Deutschen Presseagentur. Normalerweise sind Ehec-Erreger für beide Geschlechter gleichermaßen gefährlich, die schweren Verläufe der Krankheit treten sonst eher bei Kindern, bei Älteren und Menschen mit einem geschwächten Abwehrsystem auf.

Wie wird die Erkrankung behandelt?

Eine Impfung gegen Ehec gibt es nicht, auch eine Behandlung mit Antibiotika ist nicht sinnvoll, da dies die Krankheit sogar noch verschlimmern kann. Werden die Bakterien durch das Antibiotikum zerstört, gelangen vermehrt Gifte in die Zellen. Der beste Schutz vor dem gefährlichen Erreger ist daher Hygiene. Behandelbar sind auch nur die Symptome. Erkrankte erhalten Kochsalzinfusionen, um den Salz- und Flüssigkeitsverlust auszugleichen. Wenn die Niere aussetzt, hilft nur die Dialyse, eine Blutwäsche.

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