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Kampf gegen Blutkrebs: Die Schatzkammer: Wo einst Gold lagerte, ruhen jetzt die Daten von Millionen Stammzellspendern

Meterdicke Tresortüren, speziell geschützte Server - wer das Labor der Deutschen Knochenmarkspenderdatei besucht, fühlt sich an einen James-Bond-Film erinnert. Hier helfen Experten, Spender für Blutkrebs-Kranke zu finden.

Von Anika Geisler

Zu Besuch im Labor der Deutschen Knochenmarkspenderdatei

Im Kühlraum sortiert eine Mitarbeiterin Kunststoffplatten mit vielen winzigen Löchern ein, in denen DNA-Proben der potenziellen Spender sind. Rund 19.000 Platten lagern hier, das entspricht mehr als sieben Millionen DNA-Proben.

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Das Herz der Maschinerie schlägt 20 Meter unter der Erdoberfläche - am wohl sichersten Ort von Dresden. Im 200 Quadratmeter großen Tresorraum der ehemaligen Bundesbankfiliale stehen 30 Server in einem containerartigen Raum. "Hier unten lagerte früher Geld und Gold", sagt Thomas Schäfer und zeigt auf die auberginefarbene Tresortür, Tonnen schwer und eineinhalb Meter dick. Sie könnte so auch in einem James-Bond-Film auftauchen. "Jetzt steht hier der wichtigste Teil unseres Labors, die Server. Darauf sind die Daten der sieben Millionen möglichen Spender, deren DNA wir analysiert haben."

Bis zu 7000 Briefe mit Probenstäbchen möglicher Spender kommen täglich im Labor an. Die Einsender haben mit den Stäbchen an der Wangeninnenseite entlanggerieben. Aus den Schleimhautzellen werden bestimmte Gewebemerkmale bestimmt: Sie sind ausschlaggebend, um für einen Leukämie-Kranken einen Spender zu ermitteln.

Bis zu 7000 Briefe mit Probenstäbchen möglicher Spender kommen täglich im Labor an. Die Einsender haben mit den Stäbchen an der Wangeninnenseite entlanggerieben. Aus den Schleimhautzellen werden bestimmte Gewebemerkmale bestimmt: Sie sind ausschlaggebend, um für einen Leukämie-Kranken einen Spender zu ermitteln.

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Schäfer ist einer der Geschäftsführer des Labors, des DKMS Life Science Lab. DKMS steht für die Deutsche Knochenmarkspenderdatei, eine 1991 gegründete gemeinnützige Einrichtung, die sich vor allem der Unterstützung von Stammzellspenden im Kampf gegen Blutkrebs verschrieben hat. Weltweit erkranken jedes Jahr 900.000 Menschen an Leukämie. Meist ist eine Stammzellspende oder eine Knochenmarkspende einzige Behandlungsmöglichkeit. Nur 30 Prozent der Erkrankten finden einen passenden Spender innerhalb der Familie.

Die DKMS hilft bei der Suche nach einem nicht verwandten passenden Spender. Dafür werden Teile der DNA von Menschen analysiert, die sich als mögliche Spender registrieren lassen, und spezielle Gewebemerkmale des Immunsystems bestimmt: das "HLA-Profil". Bei guter Übereinstimmung dieser Profile kommt es zwischen dem Körper des Empfängers und den transplantierten Zellen des Spenders nicht zu einer Abstoßung. Die DKMS betreibt die größte Datenbank in Deutschland, es gibt noch 25 andere kleinere Datenbanken. Bislang hat die Organisation mehr als 70.000 Stammzellspenden ermöglicht. Ein zentrales Register in Ulm und eines in den USA speichern, was man über hilfsbereite mögliche Spender weiß, um sie weltweit vermitteln zu können.

Damit Spender und Empfänger zusammenfinden, müssen jedoch zunächst in einem aufwendigen Laborprozess bestimmte Daten gewonnen werden, spezielle Gewebemerkmale des Spenders. Und das geht so: Wer bereit ist, sich registrieren zu lassen, bekommt von der DKMS ein Set mit Probenstäbchen, das aussieht wie ein Wattestäbchen, zugeschickt. Dieses reibt man einige Zeit am Inneren der Wange entlang, sodass Schleimhautzellen haften bleiben, und schickt es dann ein - ins Dresdener Speziallabor. Das analysiert Teile der DNA aus den Zellen und errechnet Gewebemerkmale des Immunsystems, das HLA-Profil.

Anfang des Jahres zog das komplette Labor mit 150 Mitarbeitern innerhalb Dresdens um, weil die alten Räume zu klein geworden waren. Und dieses Vorhaben war mit einem normalen Firmenumzug überhaupt nicht zu vergleichen. Die Aufgabe, mit der Thomas Schäfer betraut war, sprengte alles, was der 39-Jährige bisher erlebt hatte.

Eineinhalb Jahre hatte er mit Kollegen nach dem richtigen Standort gesucht, ehe er schließlich eineinhalb Jahre die Abläufe von Umbau und Umzug bis ins Kleinste planen konnte. Das ehemalige Bundesbankgebäude, das nahe der Frauenkirche und direkt neben dem Polizeipräsidium liegt, erfüllt nun alle Anforderungen: mehr Platz, hohe Räume, extrem tragfähige Böden, für die teils sehr schweren und bis zu 500.000 Euro teuren Laborgeräte, eine starke Stromversorgung und eine zuverlässige, leistungsfähige Internetverbindung, um riesige Datenmengen zu verschicken. "Wackeliges Internet können wir uns nicht leisten", sagt Schäfer. Jetzt seien sie an der Hauptleitung der Stadt dran, "direkt am wichtigsten Glasfaserkabel. Das HLA-Profil zu erstellen ist sehr rechenintensiv, und wir sind auf einen reibungslosen Datenaustausch angewiesen."

Das Großprojekt Umzug war ein logistischer Kraftakt. Schäfer musste mit unterschiedlichsten Firmen zusammenarbeiten: mit Laborausstattern, Architekten, IT-Planern, Baufirmen, Spezialisten für das Sicherheitskonzept oder für Lüftungsanlagen, mit Brandschutzprüfern, Elektrotechnikern oder Fußbodenlegern. Um rechtzeitig Handwerker und Experten aufzutreiben, schrieb Schäfer Briefe: "Normalerweise helfen wir anderen, jetzt brauchen wir Ihre Hilfe ..." Es klappte.

Nun erinnert der neue Serverraum an einen Hochsicherheitsbereich: rote Warnlampen über der Tür, eine besondere Klimaanlage, die die Raumtemperatur kühl hält, damit die Geräte nicht überhitzen, ein "Sauerstoffreduktions-System", das den Anteil in der Luft auf 14 Prozent herunterfährt - sodass kaum ein Brand ausbrechen kann. Ein Partikelsensor überprüft zudem permanent die Luft und löst den Alarm aus, sobald etwas schwelt oder kokelt: "Der ist so fein justiert, der schlägt sogar an, wenn ein Mitarbeiter vorher eine Zigarette draußen geraucht hat und dann in den Raum tritt", erklärt Schäfer. "Wenn die Server kaputtgehen würden, wären wir monatelang außer Gefecht gesetzt. Sie speichern nicht nur die HLA-Profile der Spender, sondern über sie werden auch die gesamten Laborprozesse gesteuert."

Die Server befinden sich in einem Tresorraum, wo früher Geld und Gold lagerten: 20 Meter unter der Erdoberfläche, hinter einer lilafarbenen, tonnenschweren Tür

Die Server befinden sich in einem Tresorraum, wo früher Geld und Gold lagerten: 20 Meter unter der Erdoberfläche, hinter einer lilafarbenen, tonnenschweren Tür

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Das Labor - das sind zahlreiche Räume im Erdgeschoss mit rund 800 technischen Geräten: Die Mitarbeiter sortieren und codieren hier jeden Tag etwa 5000 bis 7000 Briefe mit eingeschickten Probenstäbchen aus Deutschland, aber auch aus Polen, Großbritannien, den USA, Chile und Indien, Länder, in denen die DKMS Standorte aufgebaut hat. Danach werden DNA-Abschnitte analysiert und das HLA-Profil bestimmt. Pipettiergeräte, Roboterarme und Analysemaschinen surren und summen. Es sind mehrere aufwendige Schritte und Prozeduren, bis das DNA-Material gewonnen ist und alle wesentlichen Daten auf dem Server liegen. Jeden Tag werden allein 1300 Gummihandschuhe und 28.000 Pipettierspitzen verbraucht. "Wir verarbeiten jährlich 1,2 bis 1,5 Millionen Probeneingänge und sind damit das leistungsfähigste Typisierungslabor weltweit", sagt Schäfer.

Bei aller Hochtechnologie und den vielen automatisierten Abläufen erleben die Mitarbeiter auch ab und zu Überraschungen: Geoffrey Behrens, Biochemiker und Spezialist für Labortechnik, erzählt eine Anekdote: "Bei einem Einsender konnten wir das Zellmaterial aus dem Probenstäbchen nicht richtig analysieren." Warum nur? "Der Mann wurde noch einmal angeschrieben und um eine weitere Probe gebeten. Wieder zu wenig. Dann kam schließlich heraus. Er hatte das Stäbchen nicht innen an der Wangenschleimhaut entlang gerieben, sondern außen auf der Haut an der Wange."

Ein Archiv mit Tausenden Schubladen

Schließlich, wenn die Zellen aufgebrochen und die DNA herausgelöst ist, wenn die Gewebemerkmale bestimmt und registriert sind, ist doch auch wieder Handarbeit wichtig: Im zweiten riesigen Tresorraum des Gebäudes zieht eine Mitarbeiterin eine dicke, gefütterte Arbeitshose und einen Anorak, Handschuhe und Mütze an. Dann betritt sie den containerartigen Kühlraum, acht Meter lang und viereinhalb Meter breit, minus 20 Grad. Hier lagert wie in einem Archiv die DNA jedes einzelnen registrierten Spenders. In eine silberfarbene Wand aus Tausenden flachen Schubladen sortiert sie mit Barcodes versehene Kunststoffplatten mit winzigen Löchern ein, in denen sich die DNA befindet. Das Archiv dient als Sicherheit - für die Zukunft. Falls Nachfragen kommen, falls etwas nochmals getestet werden muss. Oder falls es neue wissenschaftliche Erkenntnisse zum Abgleich von Spender und Empfänger gibt, die man an bestimmten Proben umsetzen will.

Das ausgeklügelte System des ganzen Apparats hat sich bewährt: "In Europa ist die Wahrscheinlichkeit hoch, einen passenden Spender zu finden, wenn man an Blutkrebs erkrankt ist und eine Stammzellspende braucht", sagt Geoffrey Behrens. "In Deutschland liegt sie bei 90 Prozent." Binnen Minuten kann durch die gezielte Datenbankabfrage meist ein passender potenzieller Spender ermittelt werden. Dann wird dieser kontaktiert. Ist er noch immer bereit zu helfen? Weitere Untersuchungen folgen.

All der Aufwand, all die Arbeit dient letztlich immer wieder dem einen, schönen Moment: Die Spenderregister spucken einen Treffer aus. Ein krebskranker Mensch braucht dringend Hilfe, und ein anderer, gesunder Mensch, irgendwo auf der Welt, kann sie ihm gewähren.

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