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DR. v. HIRSCHHAUSENS STERN GESUND LEBEN: "Schlafentzug ist Folter": Warum wir alle mehr Zeit im Bett verbringen sollten

Wer wenig schläft, wird als Held gefeiert. Dabei sind Schläfer keine Penner, sondern Vorreiter, sagt Eckart von Hirschhausen. Sein wichtigstes Alltagsaccessoire ist deshalb: eine Schlafbrille.

Von Eckart von Hirschhausen

Augen zu und durch: Eckart von Hirschhausen döst auch am Tag gern zwischen zwei Terminen

Augen zu und durch: Eckart von Hirschhausen döst auch am Tag gern zwischen zwei Terminen

Wer weiß, was wir für eine Regierung hätten, wenn die Koalitionäre sich in den Mammutsitzungen zwischendurch mal nicht die Argumente um die Ohren gehauen hätten – sondern sich kollektiv aufs Ohr! Stattdessen gibt es mitten in der Nacht Pressekonferenzen und übernächtigte Entscheidungen von staatstragender Bedeutung, wo jeder vernünftige Mensch sagen würde: Mensch – schlaft da nochmal eine Nacht drüber!

Nein – Schlafentzug wird als Heldentat gefeiert, und es gewinnt, wer nach 25 Stunden immer noch aufrecht sitzen kann. Von geradeaus denken kann nicht die Rede sein. Denn was die Chinesen schon lange wussten: Schlafentzug ist . Und unser Gehirn ist nach einer durchgemachten Nacht in der Lage so gute Entscheidungen zu treffen wie mit über einem Promille Alkohol im Blut. In einem Zustand, wo zurecht keiner mehr Auto fahren darf, soll man noch den Staat lenken dürfen?

Von Angela Merkel heißt es, sie könne Schlaf speichern wie ein Kamel Wasser. Wo und wie genau wird nicht beziffert. Schlafforscher kennen tatsächlich das Phänomen des "Schlaf-Bunkerns". Aber statt dass wir es genießen, ausgeruht zu sein, geben Menschen ständig mit ihren Schlafdefiziten an. Auch in anderen Berufsgruppen ist das ein absurdes Statussymbol geworden: "Du, ich habe gestern noch bis vier Uhr an der Präsentation für den Kunden gearbeitet." Und dann ist man so stolz auf die Powerpoint-Folien, und damit die eigenen Augenringe bei der Präsentation nicht so präsent sind, sondern die Diagramme und Pfeile im Mittelpunkt stehen, wird der Raum beim Kunden schön abgedunkelt. Und was machen alle bis auf den Übernächtigen, der vorne stehen muss? Alle anderen dösen mal schön vor sich hin. Das ist auch das Vernünftigste was man bei solchen Vorträgen machen kann! 

Statt Menschen für ihr Stehvermögen und ihre Durchhalteparolen zu feiern, sollten wir wiederentdecken, welche Kraft im Liegevermögen schlummert. Warum verschließen wir vor diesen offensichtlichen Tatsachen die Augen?

Warum ist die wache Zeit für uns so viel wichtiger als der ? Schlaf ist doch toll! Du kannst was träumen, musst aber nicht. Alle Welt schreit: Wach auf, verwirkliche deine Träume! Mal ehrlich: Ich liebe es zu träumen. Jedoch sind oft so absurde Sachen dabei, dass ich heilfroh bin, wenn sich das nicht alles verwirklicht.

Der Aufschwung beginnt im Bett! 

Wir Deutschen stehen früher auf als Finnen, Italiener und Spanier. Aber was haben wir davon? Die Finnen sind schlauer, die Italiener die besseren Währungshüter, und die Spanier vergolden sich ihre Siesta, weil wir ständig dorthin fahren - um endlich mal wieder auszuschlafen. Von Spanien lernen heißt: Liegen lernen! Deutsche: Der Aufschwung beginnt im Bett! Unser Idol Einstein schlief zehn Stunden - wie ein Stein. Wer länger liegt, kann besser überlegen. Schlafforscher nennen das die "entmüdende" Funktion des Schlafes. Sinngemäß könnte man auch von der "entblödenden" Funktion der Wissenschaft sprechen. Die Schlafwissenschaft sagt auch: Wir machen einen riesigen Fehler, immer länger wach sein zu wollen.

Unser ständiges Schlafdefizit macht nachweislich dumm, dick, depressiv und anfälliger für Infekte. Die Katze schläft 14 Stunden, eine Fliege 12, was gerade bei einer Eintagsfliege für klare Prioritäten spricht. Warum nur sind Menschen insgeheim stolz, wenn sie mit knapp vier Stunden Schlaf aus der letzten Nacht irgendwie durch den Tag dümpeln? Vielleicht, weil es für uns als Kind eine Strafe war, ins Bett gehen zu müssen. Und nur aus Trotz strafen wir uns heute als Erwachsene selbst, indem wir NICHT ins Bett gehen.

"Schlafen kann ich noch, wenn ich tot bin", sagen viele. Was für ein Quatsch. Der Schlaf ist der eigentliche Urzustand des Menschen. Die Forscher haben immer gerätselt, warum wir schlafen müssen - und bis heute keine gescheite Antwort gefunden. Kein Wunder, Thema verfehlt. Die Kernfrage ist: Wozu müssen wir überhaupt wach werden? Eigentlich dient der Wachzustand nur dazu, Energie zu sammeln, damit wir wieder in Ruhe schlafen können. Je schneller ein Tier Nahrung zusammenbringt, desto länger kann es schlafen. Nur wir Menschen bleiben weit darüber hinaus wach und halten das für schlau! Wir könnten 23,5 Stunden am Tag schlafen, heute, da wir in einer halben Stunde im Supermarkt genug Nahrung sammeln für ein ganzes Wochenende. Es gibt keinen Grund, sich über den Broterwerb hinaus ständig wach zu halten. Ok – Partnerwahl und Fortpflanzung mal außen vor. Aber da sind die Träume auch meistens besser als die Realität. Es heißt ja immer: Wer schläft, sündigt NICHT! Und wer vorher sündigt, schläft sogar noch besser. Und was ist mit der Tagesmüdigkeit?

Und jetzt verrate ich Ihnen mal mein Geheimnis, warum ich abends auf der Bühne in meinem Live-Programm "Endlich" wacher bin als mein Publikum. Ich schlafe vor bevor ich was vorführe. Anders würde ich das auch gar nicht durchhalten, wenn ich meinen würde, immer durchhalten zu müssen. Auf Tour sein ist anstrengend, jeden Tag eine neue Stadt, Interviews, Soundcheck, viel Unvorhergesehenes, und wenig gesunde Rituale. Aber es ist das, was mir am meisten Freude bereitet, und was ich so lange machen will und werde, wie es Zuschauer gibt, die auch das Live-Erlebnis zu schätzen wissen. Um einen Raum mit 2000 Menschen am Lachen, Nachdenken und Zuhören zu halten, muss ich hellwach sein. Um 20 Uhr. Deshalb habe ich die Fähigkeit kultiviert, vorher in so ziemlich allen Umgebungen ein Nickerchen abhalten zu können. Schön, wenn es ein Bett gibt. Eine Yogamatte habe ich immer im Requisiten-Case dabei. Unterwegs findet sich auch überall ein Stuhl. Und wenn man da die Unterschenkel drüberlegt, Jacke unter den Rücken und Pulli als Kopfkissen, geht das auch.

Öfter mal die Pausentaste drücken

Ein echter Fortschritt der Menschheit sind Kopfhörer, die Umgebungsgeräusche unterdrücken. Wenn einer im Zug neben einem mit schlechtem Empfang ein Telefonat am Handy führt, würde man am liebsten die Umgebungsgeräusche ganz unterdrücken, indem man mal kurz den Hals des akustischen Umweltverschmutzers zudrückt – ja, ich werde auch aggressiv, wenn mir jemand keine Ruhe lässt. Alles filtern die Kopfhörer nicht weg, aber es hilft. Manchmal mache ich sogar unter die Kopfhörer noch Watte in die Ohren. Und Schlafbrille – die ist ganz wichtig und ein festes Accessoire meiner Reisetasche.  

Ein Trick: Man darf nicht drüber nachdenken, wie das für Außenstehende aussieht. Da hilft eine gewisse ästhetische Unempfindlichkeit. Die Schlafbrille hilft auch den Umstehenden zu signalisieren, dass ich ja freiwillig auf dem Boden liege. Nicht dass einer pflichtgemäß anfängt, nach einem Puls zu suchen und auf meinem Brustkorb mit Reanimationsmaßnahmen startet.

Ich brauche auch nicht lange, so eine Viertelstunde oder 20 Minuten reichen. Einmal wegdösen, wieder zu sich kommen, und du bist erfrischt. Dann den Kaffee und dein Tag beginnt gefühlt nochmal von vorn. Herrlich! Kann ich wärmstens empfehlen. Die Siesta und den Kaffee danach. Schläfer sind keine Penner, sondern Vorreiter. Wir müssen nicht früher aufstehen, um die Welt zu retten, wir müssen länger liegen bleiben. Und zwischendurch mal die Pausentaste drücken. In diesem Sinne: Augen zu und durch!

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