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Klimakrise und Frauen Hirschhausen trifft Umweltaktivistin Katharine Wilkinson: "Retten Frauen die Welt?"

Eckart von Hirschhausen trifft Katharine Wilkinson
Beim Termin mit Katharine Wilkinson (2. v. r.) in Düsseldorf traf Eckart von Hirschhausen zufällig auch die "Fridays for Future"-Aktivistinnen Luisa Neu­bauer (l.) und Maira Kellers. Er bat sie mit aufs Foto, denn für ihn sind alle drei Frauen wichtige Kräfte im Kampf gegen den Klimawandel.
© Dominik Butzmann / stern
Die Autorin Katharine Wilkinson fordert mehr Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern – so will sie sogar den Klimawandel stoppen. Mit Eckart von Hirschhausen sprach sie darüber, wie das klappen kann.
Von Eckart von Hirschhausen

Frau Wilkinson, ich habe schon mit vielen Experten über den Klimawandel gesprochen, viele waren Männer. Wir sprachen über Hitze, den Umgang mit Krisen … Sie sagen, es gibt eine spirituelle Dimension des Klima­wandels, die oft nicht erwähnt wird. Was meinen Sie damit?

Das ist aber gleich zu Beginn unserer Unterhaltung eine schwierige Frage (lacht). Der Klimawandel konfrontiert uns mit wirklich grundsätzlichen Fragen. Für mich von zentraler Bedeutung ist: Was heißt es, heute und in dieser Zeit ein Mensch zu sein? Auf einem sich dramatisch verändernden Planeten?

Warum ist diese Frage so wichtig für Sie?

Jeder und jede von uns ist ein Knotenpunkt im Netzwerk des Lebens. Die Weisheit des Lebens lehrt uns, dass wir kleine Teile in diesem Netz sind. Ich stelle mir deswegen seit Längerem die sehr persönliche Frage: Welcher Teil möchte ich sein?

Katharine Wilkinson
Frauen zu Anführerinnen machen
Die US-Amerikanerin Katharine Wilkinson wurde 2019 vom US-Magazin "Time" zu den "15 Frauen, die den Kampf gegen den Klimawandel anführen" gezählt. Vor zwei Jahren war die Autorin und Klima­aktivistin durch einen TED-Talk weltweit berühmt geworden, in dem sie über die wichtige Rolle von Frauen beim Klima­wandel sprach. Ihre Bücher "Drawdown" und "Between God & Green" schafften es in die Bestseller-Liste der "New York Times". Für das Projekt "Drawdown", das Lösungen im Kampf gegen die Erderwärmung entwickelt, war sie als Chefredakteurin und Autorin tätig. Gerade hat sie mit ihrer Kollegin Ayana Elizabeth Johnson das "All We Can Save Project" gestartet. Ihr Ziel ist es, Frauen als Anführerinnen im Kampf gegen den Klimawandel zu stärken.
© Dominik Butzmann / stern

Und haben Sie eine Antwort gefunden?

Ich habe viel darüber nachgedacht, wie ich den Lauf der Welt durch mein Handeln beeinflussen kann. Und so vielleicht dafür sorgen kann, dass sich die Gesellschaft in die richtige Richtung bewegt. Mit meinen Interviews, meinem Schreiben, meinen Auftritten versuche ich, Einfluss zu nehmen. Ich will auf jeden Fall an dieser wichtigen Evolution und Transformation teilhaben. Ich hoffe, dass wir gerade die Geburt eines besseren Daseins erleben, das uns dabei hilft, das Leben wieder in Balance zu bringen.

Um die Gesellschaft rasch und radikal umzugestalten, braucht es jeden Verstand. Jedes bisschen Herz. Jedes Paar Hände. Und jedes Paar Hirnhälften. Sie wurden berühmt mit einem Vortrag, in dem Sie die These vertraten, vor allem Frauen seien für die Rettung der Erde von zentraler Bedeutung. Wie kommen Sie darauf?

Es gibt derzeit zwei miteinander verbundene Phänomene auf dieser Welt. Den Anstieg der Temperaturen, also den Klimawandel. Und den Aufstieg von Frauen und Mädchen. Viele übersehen, dass es zwischen diesen beiden Faktoren eine wichtige Verbindung gibt. Ich sehe die Gleichberechtigung der Geschlechter als eine zentrale Antwort auf die globalen Herausforderungen, vor der wir stehen.

Wie sind Frauen und Klima miteinander ver­bunden?

Die Klimakrise ist nicht geschlechtsneutral. Sie ist ein zerstörerischer Vervielfacher. Wegen der bereits bestehenden Ungleichheiten trifft sie Frauen, Mädchen und Menschen, die sich keinem Geschlecht zuordnen, besonders hart. Sie sind am verletzlichsten. Das gilt besonders für schwarze Frauen und Mädchen im globalen Süden, der noch sehr ländlich oder ursprünglich ist

Haben Sie dafür ein Beispiel?

Da gibt es viele. Frauen haben ein höheres ­Risiko, ihr Zuhause zu verlieren. Sie sind gefährdeter, bei Naturkatastrophen verletzt oder ­sogar getötet zu werden. Dürren zum Beispiel können dazu führen, dass junge Mädchen verheiratet werden, um die hungernden Familien zu entlasten. Und es mehren sich Beweise, dass es eine Beziehung zwischen dem Klimawandel und geschlechtsspezifischer Gewalt wie sexuellem Missbrauch, häuslicher Gewalt und Zwangsprostitution gibt.

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Was kann man dagegen tun?

Wir müssen daran arbeiten, dass Frauen gleichberechtigt werden – in allen sozialen Bereichen, der Politik und der wirtschaftlichen Lage. Wir brauchen Strategien, um widerstands- und anpassungsfähig zu werden gegen den Klimawandel, und zwar für alle unterschiedlichen ­Lebensrealitäten. Und natürlich müssen wir eine mutige Klimapolitik haben.

Frauen und Mädchen sind aber nicht nur Opfer des Klimawandels. Ein großer Teil der Klima­bewegung weltweit wird gerade von ihnen ­getragen und vorangetrieben.

Genau. Und ich hasse es, wenn es dafür keine Wertschätzung gibt. Rund um die Welt kämpfen Frauen und Mädchen für Klimagerechtigkeit. Sie forschen, sie entwickeln Lösungen, ­führen Kampagnen an und machen noch ­vieles mehr. Wir erleben eine feministische Renaissance, die auch langsam beginnt, Früchte zu tragen.

Was meinen Sie damit konkret?

Für mich ist die Klimakrise auch ein Versagen der Regierungen. Die Wissenschaft sagt uns klar, dass wir unsere Gesellschaft noch in dieser Dekade radikal umbauen müssen. Wir brauchen ein grundsätzliches Umdenken, das aber derzeit bei denen an der Macht nicht ­statt­findet.

Welche Art Regierung stellen Sie sich vor?

Die Führung, die wir brauchen, muss empathisch verwurzelt sein. Sie muss kreativ und bereit zur Zusammenarbeit sein. Das sind eher weibliche und vor allem feministische Charakterzüge, die jetzt gefordert sind.

Frauen retten die Welt?

Ja, wahrscheinlich (lacht). Aber ich möchte auch betonen, dass eine solche Führung für alle ­Geschlechter offenstehen sollte. Nur derzeit ­haben wir ein riesiges Ungleichgewicht, und das müssen wir dringend überwinden.

Katharine Wilkinson und Eckart von Hirschhausen
Katharine Wilkinson und Eckart von Hirschhausen trafen sich noch vor Beginn der Pandemie. Deswegen konnten sie sich ohne Masken unterhalten.
© Dominik Butzmann / stern

Woran machen Sie das fest?

Frauen haben in der Klimabewegung eine starke Stimme. Aber zu oft wird ihnen der Platz am Tisch der Mächtigen verweigert. So zum Beispiel bei Verhandlungen der Vereinten Nationen, in Regierungen und in Unternehmen. Es gibt kein Gleichgewicht der Geschlechter auf den höchsten Regierungsebenen. Wir werden oft ignoriert oder zum Schweigen gebracht. Wir werden übergangen, wenn es um konkrete Pläne geht. Laut unseren Analysen werden derzeit nur 0,2 Prozent aller philanthropischen Fördergelder weltweit an Frauen und Umweltthemen ausgezahlt. Das sind gerade einmal 110 Millionen Dollar. Nur zum Vergleich: Das hat vor knapp drei Jahren ein Mann für ein einziges Bild des amerikanischen Malers Jean-Michel Basquiat bei einer Auktion ausgegeben. Wir müssen schnell sicherstellen, dass Frauen einbezogen werden. Dass sie Zugang zu Ressourcen bekommen – und nicht zuletzt, dass sie endlich respektiert werden.

Die Klimakrise bedroht viele Leben. Halten Sie die bisher getroffenen Maßnahmen für auch nur annähernd angemessen?

Nein. 7,7 Milliarden Menschen und 1,8 Millionen bekannte Arten leben gemeinsam auf diesem Planeten. Wir müssen entschlossener agieren und alle Mittel, die zur Verfügung stehen, einsetzen. Wir müssen mit unseren Herzen, unseren Händen und unserem Willen arbeiten.

Das klingt nicht nach einer schnellen Lösung.

Natürlich sehnen wir uns alle nach dem einen Wundermittel, das alle Probleme behebt. Das wird es dieses Mal aber nicht geben. Wir müssen mehr als eine Art gemeinsames Ökosystem funktionieren und gemeinsam hart an einer Lösung arbeiten. Und Kraft aus unserer Diversität ziehen. Als Erzieher, Lehrer, Farmer, Künstler oder Aktivisten. Es ist egal, welche Rolle wir haben, Hauptsache, wir bringen uns ein.

Wenn ich Ihnen so zuhöre: Für Sie ist es kein ­Zufall, dass die "Fridays for Future"-Bewegung hauptsächlich von Frauen geführt wird?

Überhaupt nicht. Diese junge Klimagruppe sollte uns alle daran erinnern, dass es absolut wichtig ist, dass wir nicht nur Bewohner der Erde sind, sondern auch gute Vorfahren für die Generationen nach uns. Und vor allem nicht nur für unsere unmittelbare Familie, sondern die gesamte Gesellschaft. Wir sollten uns mehr als Teil eines Kontinuums verstehen. Unsere Arbeit zum Schutz des Klimas ist eine Brücke, die wir in eine lebenswertere Zukunft bauen. Natürlich profitieren auch die Menschen heute von den Veränderungen, die wir beginnen, aber es muss auch um die nächste Generation und ­deren Kinder und Enkel gehen.

Katharine Wilkinson und Eckart von Hirschhausen
Wilkinson war gerade erst aus den USA ­angereist und auf die kühlen Temperaturen in Deutschland nicht vorbereitet. Eckart half ihr mit seiner Jacke aus.
© Dominik Butzmann / stern

Wir haben viel über Frauen geredet. Wir Männer hauen immer noch am liebsten das Steak auf den Grill und lassen uns dann für die Leistung loben. Ist natürlich nicht so super für die Umwelt …

Ja, das ist keine so gute Sache. Etwa ein Viertel der Emissionen weltweit resultiert aus der Abholzung der Wälder und der Landwirtschaft. Viehzucht hat viel damit zu tun. Deswegen bin ich schon seit vielen Jahren Vegetarierin.

Vielleicht machen wir Männer das auch, weil es einfacher ist, Fleisch zu braten, als vegetarisch zu kochen?

(Lacht.) Da könnte etwas dran sein. Ich bin allerdings eine große Anhängerin von Eintöpfen und Chili. Alles in einen Topf werfen und kochen. Ist ganz einfach. Nur die Vorbereitung ist ein bisschen aufwendiger, weil man so viel schnipseln und schneiden muss.

Jenseits von Verzicht auf Fleisch: Was können Männer besser machen?

Erst mal: Macht abgeben. Lasst uns endlich an den Tisch. Gebt das Mikrofon weiter, teilt Ressourcen. Hört gut zu. Folgt, wenn kluge Frauen an die Macht streben. Die feministische Klima-­Renaissance ist eine gute Sache. Ihr werdet ­damit viel mehr Spaß haben (lacht). Wer noch tiefer in das Thema einsteigen möchte, sollte mein Buch "All We Can Save" lesen.

Hat mein Geschlecht in Ihren Augen jetzt ausgedient?

Die Menschheit hat funktioniert, weil wir über Jahrtausende in Gemeinschaften eng zusammengearbeitet haben. So waren wir am effektivsten. Heute haben wir jedoch ein Ungleichgewicht. Das müssen wir besser ausbalancieren. Für uns Frauen ist es wichtig, dass wir uns jetzt durchsetzen. Leider ist uns das Patriarchat so vertraut, dass wir die Dominanz der Männer häufig gar nicht bemerken. Es braucht unser ­aller Einsatz, um nicht den Abgrund hinunterzustürzen.

Sie klingen trotz allem optimistisch. Was macht Ihnen Hoffnung?

Wir haben in der Vergangenheit viel zu oft gehört, worauf wir verzichten müssen, wenn wir das Klima retten wollen. Es ging immer um drakonische Maßnahmen und Strafen. Ich finde aber, wir sollten optimistischer denken und kommunizieren. Es gibt doch eigentlich nichts Bedeutungsvolleres, als ein guter Vorfahr oder eine gute Vorfahrin zu sein. Das sollte unsere Aufgabe im Leben sein. Darauf sollten wir uns konzentrieren.

Dieser Artikel stammt aus der aktuellen Ausgabe von "Hirschhausens stern Gesund Leben". Das Heft gibt es ab sofort am Kiosk oder hier zu kaufen. Sie wollen mehr von Eckart von Hirschhausen lesen und dabei die Hälfte sparen? Zum Angebot geht es hier. 


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