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H7N9: Neues Vogelgrippe-Virus gibt Forschern Rätsel auf

Fünf Menschen sind in China an H7N9 gestorben. Offenbar hat sich das Vogelgrippe-Virus an den Menschen angepasst. Was Sie über den Erreger wissen müssen und wie groß das Risiko einer Epidemie ist.

Chinas Gesundheitsbehörden sind alarmiert: Die Zahl der Menschen, die sich mit dem Vogelgrippe-Virus H7N9 infiziert haben, steigt. Krankenhäuser in einigen großen Städten wurden in erhöhte Alarmbereitschaft versetzt. Da der Erreger zum ersten Mal bei Menschen nachgewiesen wurde, beobachtet auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) das Geschehen genau. Doch hat H7N9 das Potenzial, eine Epidemie oder gar eine Pandemie auszulösen? Und was ist bis jetzt über das Virus bekannt? Antworten auf die wichtigsten Fragen.

Wie viele Menschen haben sich mit H7N9 infiziert?

Die ersten Fälle einer Infektion mit dem neuen Vogelgrippe-Virus H7N9 meldete das chinesische Gesundheitsministerium am vergangenen Sonntag aus der Millionenmetropole Shanghai. Beim Menschen war der Erreger zuvor nicht aufgetreten. Seit dem Bekanntwerden der ersten Fälle steigen die Zahlen leicht an. 14 Infektionen sind bekannt, davon sechs in Shanghai, sieben in den Nachbarprovinzen Zhejiang und Jiangsu sowie eine in der Provinz Anhui, wie die Staatsmedien berichten. Fünf Menschen starben bis jetzt an dem Virus.

Welche Symptome treten nach einer Infektion auf?

Die Infizierten zeigten die Symptome einer schweren Lungenentzündung. Sie litten unter Fieber und Husten sowie Atemnot.

Was ist bis jetzt über das Virus bekannt?

"H7N9 ist ein bekanntes Vogelgrippe-Virus", sagt Thomas Löscher, Leiter der Abteilung für Infektions- und Tropenmedizin am Uniklinikum München, stern.de. "Bis jetzt ist es allerdings kaum in Erscheinung getreten." Beim Menschen wurde es noch nie nachgewiesen, normalerweise befällt die Gruppe der H7-Viren Vögel. Influenza A-Viren, zu denen auch H7N9 zählt, erhalten ihre Namen nach den Eiweißen der Virushülle: Hämagglutinin (H) und Neuraminidase (N), von denen es jeweils verschiedene Strukturen gibt. Diese entscheiden auch darüber, wie gut die Viren an menschliche Zellen andocken können.

Die Variante des H7N9-Virus, die jetzt in China auftritt, untersuchen Wissenschaftler nun genauer. Die ersten Ergebnisse der Genanalyse deuten darauf hin, dass sich das Virus so verändert hat, dass es an die Zellen von Säugetieren anbinden kann. Wie gut es im Menschen überlebt, hängt aber auch damit zusammen, ob es mit der Körpertemperatur zurechtkommt. Denn diese ist niedriger als die im Körper von Hühnern. Der neue Erreger scheint damit allerdings kein Problem zu haben, er wachse bei der menschlichen Körpertemperatur, schreibt die WHO.

"Dieses Vogelgrippe-Virus scheint zudem bei Geflügel niedrig pathogen zu sein", sagt Löscher. Infizierte Tiere erkranken nicht schwer. Das wäre bedenklich, denn das Virus wäre so nur schwer zu kontrollieren. Es könnte sich unbemerkt ausbreiten. "Würde sich das Virus bei Vögeln oder anderen Tieren etablieren, könnten regelmäßig Infektionen beim Menschen auftreten - mit der Gefahr, dass sich der Erreger besser an Menschen anpasst, sich unter ihnen verbreitet und eventuell eine Pandemie auslöst", heißt es in einem Artikel in "Nature".

Die ersten Daten zum aktuellen H7N9-Subtyp legen zudem nahe, dass sich der Erreger an menschliche Zellen tief in der Lunge bindet - und eher nicht in den oberen Atemwegen vorkommt. Das könnte die schweren Krankheitsverläufe erklären. Gleichzeitig würde es in das Bild eines Virus passen, das sich nicht leicht von Mensch zu Mensch überträgt.

Gab es bereits früher Infektionen von Menschen mit H7-Viren?

Ja. Der WHO zufolge wurden zwischen 1996 und 2012 Infektionen beim Menschen mit den Subtypen H7N2, H7N3 und H7N7 in den Niederlanden, Italien, Kanada, den USA, Mexiko und Großbritannien nachgewiesen. Die meisten davon traten im Zusammenhang mit Ausbrüchen bei Geflügel auf. Bisher haben die H7-Viren Bindehautentzündung und eine leichte Entzündung der Atemwege bei Menschen hervorgerufen. Lediglich ein Mensch in den Niederlanden sei an dem Erreger gestorben. Vor den jüngsten Fällen waren noch keine mit H7-Viren infizierte Menschen in China entdeckt worden.

Wie gefährlich ist die neue Variante des Vogelgrippe-Erregers?

Das lässt sich derzeit noch nicht sicher abschätzen. Zwar fanden Landwirtschaftsbehörden das Virus in Proben von Tauben auf einem Marktplatz in Shanghai, wie die amtliche Nachrichtenagentur Xinhua berichtete. Wie sich die Infizierten angesteckt haben, ist noch nicht bekannt. Mehrere der Erkrankten arbeiteten in der Tierzucht oder im Lebensmittelhandel, nach WHO-Angaben gibt es jedoch keine Verbindung zwischen den einzelnen Fällen. Beruhigend: Bislang gebe es keinen Hinweis darauf, dass der Erreger von Mensch zu Mensch übertragen worden sei, meldet die WHO. Um sich rasch zu verbreiten, wäre dies notwendig.

Der Virologe Malik Peiris von der Universität Hongkong sieht die Gesundheitsbehörden dennoch unter Zugzwang: Wenn die Übertragung durch Geflügel eindeutig nachgewiesen werde, könne der Kontakt zu Menschen entsprechend minimiert und der Virus im betroffenen Zuchtbetrieb abgetötet werden, sagte er. "Wenn wir das nicht tun, und zwar schnell, werden wir wahrscheinlich das Zeitfenster zur Auslöschung des Virus' verpassen."

Warum sind die Behörden so besorgt?

Ein Influenza-Virus, das von Tieren auf den Menschen überspringt, stellt potenziell eine Gefahr dar. Ob der aktuelle Erreger eine Epidemie oder gar eine Pandemie auslösen kann, lässt sich laut WHO zwar noch nicht sagen. Doch das Risiko sei, wenn sich das Virus nicht von Mensch zu Mensch verbreitet, eher gering.

Auch Mediziner Thomas Löscher vom Uniklinikum München sieht bis jetzt keine große Gefahr für eine Epidemie. "Wir müssen die Fälle aufmerksam beobachten. Doch welche Bedeutung sie haben, muss sich erst noch zeigen." Um sie als Anfang eines größeren Ausbruchs zu betrachten, sei es noch zu früh.

lea mit Agenturen

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