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HIV-Neuinfektionen: Tödliche Gelassenheit

Die Gesundheitsbehörden schlagen Alarm: Nach einem jahrelangen Rückgang steigt die Zahl der HIV-Neuinfektionen in Deutschland wieder an. Aids wird als kalkulierbares Risiko gesehen, obwohl es noch immer kein Gegenmittel gibt.

Gegenwärtig sind bundesweit rund 44.000 Menschen mit dem HI-Virus infiziert, davon rund 20 Prozent Frauen. Grund für die Zunahme sind offenbar die Fortschritte bei der Behandlung von Aids, die eine neue Sorglosigkeit in der Bundesrepublik ausgelöst haben, wie Experten aus Anlass des Welt-Aids-Tages am 1. Dezember erklären.

Viele Neuinfektionen in den Großstädten

Die Menge der verkauften Kondome geht in Deutschland zurück, gleichzeitig nimmt die Zahl der HIV-Neuinfektionen wieder zu. "Die Hinweise darauf, dass die HIV-Epidemie auch in Deutschland eine neue Dynamik erhalten könnte, mehren sich", meldete das Robert-Koch-Institut schon im Frühjahr. Sorge bereitet der Behörde vor allem eine starke Häufung der Neuinfektionen bei homosexuellen Männern in Großstädten wie etwa Berlin, Hamburg, München oder Köln.

In dieser Personengruppe registrierte das Institut nach Angaben seines Fachbereichsleiters Osamah Hamouda von 2002 auf 2003 eine Zunahme der HIV-Neuinfektionen um etwa 20 Prozent. Dieser Trend setzt sich dem Experten zufolge im laufenden Jahr fort und deckt sich mit der Entwicklung in anderen westeuropäischen Großstädten.

Neue Therapieerfolge erzeugen Gelassenheit

"Wir vermuten, dass die Bereitschaft für riskante Sexualpraktiken in den letzten Jahren gestiegen ist", erläutert Hamouda. Verantwortlich für das erhöhte Risikoverhalten seien vor allem die Fortschritte bei der Behandlung von Aids. "Inzwischen steht eine größere Anzahl von Behandlungsmöglichkeiten zur Verfügung als noch vor einigen Jahren", sagt Hamouda. "Viele Menschen betrachten Aids als kalkulierbares Risiko."

Dies bestätigt Professor Norbert Brockmeyer von der Ruhr-Universität in Bochum: "Die durch die neuen Therapien verursachte Verminderung der Infektionsgefährdung hat bei HIV-positiven Menschen und ihren Partnern zu einer Laisser-faire-Haltung geführt", klagt der Sprecher des Kompetenznetzes HIV/Aids. "Auf einmal sehen wir wieder eine Zunahme der Neuinfektionen."

Standardbehandlung in Deutschland ist seit einigen Jahren die so genannte Anti-Retrovirale Therapie (HAART). Dabei zielt die Kombination mehrerer Medikamente darauf ab, die Ausbreitung des Virus im Körper zu verhindern. "Das unterdrückt die Vermehrung des Erregers sehr deutlich", sagt Brockmeyer. "Oft fällt die Virusbelastung im Blut unter die Nachweisgrenze."

Lebenslange Therapie hat beträchtliche Nebenwirkungen

Zwar lässt sich die Vermehrung des Erregers mit dieser lebenslangen Therapie einigermaßen kontrollieren, allerdings bei vielen Patienten auf Kosten beträchtlicher Nebenwirkungen. Dazu zählen neben kurzfristigen Beschwerden wie Müdigkeit, Übelkeit oder psychischen Veränderungen vor allem langfristige Probleme wie etwa Stoffwechselstörungen im Zucker- oder Fetthaushalt.

Bei solchen Fettverteilungsstörungen wird Fettgewebe der Unterhaut abgebaut - erkennbar etwa an eingefallenen Wangen, während etwa am Nacken, Brust oder Baut verstärkt Fettpolster wachsen. Und auch wenn die Behandlung die Viruskonzentration im Blut senken kann: Virusfrei sind die Patienten nicht. "Wer infiziert ist, trägt das Virus lebenslang in sich", betont Hamouda.

Noch kein Impfschutz vorhanden

Auch ein Impfschutz ist bislang noch nicht gefunden. Brockmeyer vermutet, dass es noch 10 bis 20 Jahre dauern wird, bis ein zuverlässiger Impfstoff auf den Markt kommt. "Kondome sind derzeit das einzige, was sicher schützt", sagt er. Aber sinkende Verkaufszahlen belegen, dass der Gebrauch von Präservativen zurückgeht.

Zusätzliche Sorge bereiten Medizinern die Infektionen bei Neugeborenen. In diesem Jahr kamen nach Angaben des Robert-Koch-Instituts in Deutschland bislang 19 Kinder mit einer HIV-Infektion zur Welt. Dabei lässt sich die Übertragung des Erregers von der Mutter auf das ungeborene Kind mit der Anti-Retroviralen Therapie zuverlässig verhindern. Dazu muss die Infektion bei der Mutter jedoch bekannt sein. In der Schwangerschaftsvorsorge werde offenbar immer noch nicht allen Frauen ein HIV-Test angeboten, klagt das Institut.

Um das Ausmaß der Krankheit zu senken, fordert Brockmeyer eine verstärkte Aufklärung, vor allem von Jugendlichen. "Das ist die Generation, die die großen Präventionskampagnen überhaupt nicht mitbekommen hat", sagt der Mediziner. "Da muss etwas getan werden." An der Aufklärung zu sparen, ist nach seiner Ansicht finanziell kurzsichtig. "Die Prävention zahlt sich aus, denn die Therapie einer HIV-Infektion ist extrem teuer."

Walter Willems, AP

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