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Studie aus den USA: Die weiße Unterschicht stirbt jung

Ungebildet und weißhäutig werden Amerikaner immer öfter nur etwa 50 Jahren alt, wie eine neue Studie zeigt. Schwarze und Latinos sind von diesem Phänomen nicht betroffen. Die Ursachen klingen nach Frust: Alkohol, Drogen, Suizid.

Übermäßiger Alkoholkonsum ist eine der Ursachen für die steigende Todesrate der Amerikaner mittleren Alters. Normalerweise haben US-Bürger ähnlich wie Deutsche eine Lebenserwartung von 78,4 Jahren.

Übermäßiger Alkoholkonsum ist eine der Ursachen für die steigende Todesrate der Amerikaner mittleren Alters. Normalerweise haben US-Bürger ähnlich wie Deutsche eine Lebenserwartung von 78,4 Jahren.

Mit 50 Jahren steht man gewöhnlich mitten im Leben. In Deutschland erwarten die meisten Menschen zu diesem Zeitpunkt noch 20 bis 30 Jahre, Tendenz steigend. Dasselbe gilt theoretisch auch für die USA, doch es gibt Ausnahmen. Das zeigt eine Metastudie, die in den "Proceedings" der amerikanischen Nationalen Akademie der Wissenschaften veröffentlicht wurde: Die Todesrate der 45- bis 54-Jährigen sank seit 1990 nicht, wie man es durch den medizinischen Fortschritt erwarten würde. Im Gegenteil, sie stieg sogar leicht an.

Ausschlaggebend für das Risiko, so früh zu sterben, sei vor allem der Bildungsstand, schreiben die  Gesundheitsökonomen Anne Case und Angus Deaton von der Princeton University. Denn unter Menschen, die gar keinen Schulabschluss haben oder nur eine Highschool besuchten, stieg die Todesrate im mittleren Alter seit 1990 um 22 Prozent an. Todesursachen seien Drogen- und Alkoholvergiftung, Suizid sowie Lebererkrankungen gewesen. Innerhalb von 23 Jahren vervierfachte sich die Zahl der Toten durch Alkohol und Drogen, die Zahl der Selbstmorde in dieser Gruppe verdoppelte sich fast.

Bei Amerikanern mittleren Alters, die zumindest zeitweise ein College besucht hatten, kann man diesen Trend nicht erkennen: Hier blieb die Todesrate nach 1998 unverändert, während sich die Zahlen bei jenen mit Hochschulabschluss sogar etwas verringerten.

"Epidemie der Hoffnungslosigkeit"

Dass der Gesundheitszustand bei Weißen ohne höhere Bildung problematisch ist, sieht man laut den Forschern auch an Faktoren, die nicht direkt zum Tod führen. Zum Beispiel klagen mehr Menschen dieser Gruppe über körperliche oder psychische Probleme und die Fälle von Arbeitsunfähigkeit stiegen an. Außerdem sei Fettleibigkeit weit verbreitet.

Drogen- und Alkoholmissbrauch seien oft Folgen sozialer und ökonomischer Probleme, sagt der Medizinsoziologe Siegfried Geyer von der Medizinischen Hochschule Hannover. Deshalb sei etwa nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion in vielen osteuropäischen Ländern die Lebenserwartung stark gesunken. Aus diesem Grund mahnen auch die amerikanischen Forscher, nicht nur die medizinische Versorgung, sondern auch die tieferen sozialen und ökonomischen Probleme anzugehen. "Wenn das, was hier passiert, eine Epidemie der Hoffnungslosigkeit ist, dann sehen wir eine weitere schreckliche Folge von langsamem Wachstum und von wachsender Ungleichheit", bilanziert Deaton.

Entwicklung in Deutschland ist (noch) stabil

Auch in Deutschland wird viel über die ungleiche Verteilung zwischen Arm und Reich diskutiert. Zwar ist diese Schere in den USA noch größer als in der Bundesrepublik, dennoch stellt sich die Frage, ob ein solcher Trend auch auf Deutschland übertragbar ist. Die Sterberate im Alter zwischen 45 und 54 Jahren sank seit 1990 um circa zwei Prozent. Die Lage sei stabil, sagt Geyer, doch er warnt: "Wenn in Deutschland die gleichen Entwicklungen in dem gleichen Ausmaß eintreten wie in den USA, kann ein Sinken der Lebenserwartung durchaus vorkommen." Allerdings steht das nicht fest: Umgekehrt sei es auch denkbar, dass eventuell sinkende Einkommen und Renten durch einen gesünderen Lebensstil aufgewogen werden könnten. An der Erforschung solcher Entwicklungen seien sie "gerade dran".

vs / DPA
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