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Journalist Tom Nuttall In letzter Sekunde von London nach Berlin: "Bin sehr glücklich, dass ich es noch rechtzeitig geschafft habe"

Tom Nuttall leitet das Berliner Büro des Wirtschaftsmagazins "The Economist".
Tom Nuttall leitet das Berliner Büro des Wirtschaftsmagazins "The Economist".
© The Economist
Der in Berlin lebende Journalist Tom Nuttall flog am Freitag nach London, um dort Weihnachten zu verbringen. Dann verbreiteten sich die Nachrichten über eine neue mutierte Corona-Variante in Großbritannien – und 48 Stunden später saß Nuttall am Berliner Flughafen fest.

Am Freitag, den 18. Dezember, flog Tom Nuttall, Leiter des Hauptstadtbüros des Wirtschaftsmagazins "The Economist", von Berlin nach London, um Weihnachten bei seiner Familie zu verbringen. Zu diesem Zeitpunkt verdichteten sich bereits die Berichte über eine neue mutierte Corona-Variante in Großbritannien. Sonntagabend twitterte Nuttall dann, dass er zusammen mit anderen Passagieren im Transitbereich des Berliner Flughafens festgehalten wird. Was war passiert?

Herr Nuttall, Sie sind am Freitag nach London geflogen, am Sonntag waren Sie wieder in Berlin. Wie kam es dazu?

Ich bin am Freitag nach London geflogen und wollte ursprünglich erst am 1. Januar zurückkommen. Aber wie sich herausstellte war mein Timing sehr, sehr schlecht.

Warum das?

Ich kam genau zu dem Zeitpunkt ins Land, als die neue mutierte Corona-Variante zu einem immer größeren Thema wurde. Als die britische Regierung am Samstag einen Lockdown für London und und weite Teile des Südosten Englands verhängte, buchte ich meinen Rückflug auf den 26. Dezember um. So hätte ich wenigstens Weihnachten hier verbringen können und wäre danach direkt nach Hause geflogen. Aber als ich am Sonntag hörte, dass die Regierung in Deutschland einen Einreisestopp plant, wurde mir klar, dass ich schnell handeln muss, wenn ich nicht für den Rest des Jahres in London feststecken will. Also buchte ich direkt einen Flug für denselben Tag, um dem Einreisestopp zuvorzukommen.

Wie war die Situation in London am Flughafen?

Mein Flug ging um 19.40 Uhr und ich war extra früh am Flughafen Stansted. Ich war zuversichtlich, dass in London alles glatt laufen würde, aber ich hatte so ein Gefühl, dass es Probleme geben könnte, sobald ich in Berlin landen würde – und ich sollte Recht behalten.

Was passierte nach Ihrer Ankunft in Berlin?

Wir landeten recht früh, gegen 22.15 Uhr, und waren gerade in den Bus auf dem Rollfeld eingestiegen, als die Durchsage der Bundespolizei ertönte, dass wir in drei Gruppen eingeteilt würden: Deutsche Staatsbürger, die einfach passieren konnten, Leute, die einen negativen Corona-Test aus den letzten 72 Stunden vorweisen konnten, und dann der Rest von uns.

Die Polizisten führten uns in einen kleinen Raum, wo die Pässe kontrolliert werden sollten und dort standen wir erstmal eine ganze Weile und warteten, ohne dass etwas passierte. Es war sehr deutlich zu erkennen, dass auch die Polizei keine Ahnung hatte, wie weiter vorgegangen werden sollte. Die Beamten konnten auch auf mehrfache Nachfrage keinerlei Informationen geben. 

Nachdem mein Pass geprüft wurde, sagte der Kontrolleur mir und auch anderen, dass wir nicht nach Deutschland einreisen können. Er gab mir ein Formular, auf dem ich dazu mein Einverständnis geben sollte, was ich verweigerte, weil ich hier ja schließlich einen legalen Aufenthaltsstatus habe. Wir wurden dann alle zu einem anderen Bus gebracht und mussten dort erneut sehr lange warten.

Wie war die Stimmung unter den Passagieren?

Zu diesem Zeitpunkt war die Stimmung gereizt und angespannt. Die Leute waren erschöpft vom langen Warten – teilweise in der Kälte – und verärgert darüber, dass niemand richtig Auskunft geben konnte. Ein Mann hatte Sorge, dass er seinen Anschlussflug verpassen würde. Eine Mutter war mit zwei kleinen Kindern unterwegs, die müde waren und jammerten, dass ihnen kalt ist. Wir alles wussten nicht wie es weiter gehen würde.

Wie ging es dann weiter?

Ein Polizeibeamter verkündete, dass wir ins Hauptterminal gebracht werden und dort alle getestet werden sollten. Dort wurden wir dann auch hingebracht und erneut in zwei Gruppen aufgeteilt: Diejenigen mit legalem Aufenthaltsstatus in Deutschland – zu denen ich gehörte – und alle anderen. Von allen aus meiner Gruppe wurden die Aufenthaltsgenehmigungen geprüft und dann konnten wir gehen, ohne getestet zu werden. 

Gab es irgendwelche Informationen zu Test- oder Quarantäne-Pflicht?

Nein, am Ausgang des Flughafen wurden nur unsere Namen notiert. Ich habe dann extra nochmal einen Beamten gefragt und er meinte, dass ich mein zuständiges Gesundheitsamt informieren sollte. Das wurde jedoch nicht öffentlich verkündet. So oder so habe ich mich direkt in Quarantäne begeben und werde mich auch auf jeden Fall testen lassen.

Aber das heißt jetzt leider: Weihnachten getrennt von der Familie, oder?

Ja, leider, aber so geht es in diesem Jahr ja vielen. Ehrlich gesagt bin ich einfach nur sehr glücklich, dass ich es noch rechtzeitig nach Hause geschafft habe. Denn ansonsten würde ich jetzt wer-weiß-wie-lange in London festsitzen.

Fun Fact: Als ich meine Sachen für London gepackt habe, war ich am meisten darüber besorgt, dass es einen No-Deal-Brexit geben könnte, bevor ich wieder zurückfliege. Ich habe also in weiser Voraussicht meine Aufenthaltsgenehmigung für den Fall eingepackt, dass es Chaos geben könnte – und das war am Ende mein Glücksfall, wenn auch aus ganz anderen Gründen...


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