HOME

FAQ Kaiserschnitt: Sind Kaiserschnitt-Kinder öfter krank? Welche Risiken birgt die OP?

Die Zahl der Kaiserschnitte steigt seit Jahren: In Deutschland kommt mittlerweile jedes dritte Kind so zur Welt. Besonders, wenn er medizinisch nicht notwendig ist, ist der Eingriff umstritten.

Von Mirja Hammer und Lea Wolz

Ein Kind kurz nach der Geburt: Kaiserschnittkinder sind häufiger krank

Manchmal ist ein Kaiserschnitt nötig, um das Leben des Kindes oder der Mutter nicht zu gefährden. Wer einen Wunschkaiserschnitt erwägt, sollte sich zuvor allerdings genau über die Risiken informieren.

 

Heute kommt jedes dritte Kind in Deutschland per Kaiserschnitt zur Welt. In den letzten 20 Jahren hat sich die Rate laut der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG) mehr als verdoppelt. Doch früher wie heute sind nur zehn Prozent der Kaiserschnitte tatsächlich notwendig, um das Leben von Mutter und Kind zu retten. In den anderen 90 Prozent liegt es im Ermessen von Arzt und Mutter, ob ein Kaiserschnitt vorgenommen wird.

Warum gibt es immer mehr Kaiserschnitte? 

Dass Mütter und Ärzte immer öfter Ja zum Kaiserschnitt sagen, hinge von verschiedenen Faktoren ab, sagt Petra Kolip, Gesundheitswissenschaftlerin an der Universität Bielefeld. Sie hat die die Ursachen für die Zunahme in einem Faktencheck für die Bertelsmann- Stiftung untersucht. So würden heute beispielsweise viel öfter Kinder in Steißlage per Kaiserschnitt zur Welt geholt. Aus dem schlichten Grund, dass vielen Ärzten und Geburtshelfern mittlerweile das Knowhow für komplizierte Geburten fehle. Den Kaiserschnitt betrachten viele Mediziner heute als die sicherere Methode, das Kind unbeschadet auf die Welt zu bringen. 

Zwillinge würden in der Regel per Kaiserschnitt zur Welt geholt, ohne, dass immer eine Indikation dafür vorliege so Tolip. Denn die Geburtshilfe sei hierzulande sehr stark auf Risikovermeidung ausgerichtet. Geht bei der Geburt etwas schief, müssen Krankenhäuser und Hebammen dafür haften. Auch Eltern hätten ein wachsendes Sicherheitsbedürfnis - vor allem, wenn das Kind sehnlichst gewünscht ist oder künstlich gezeugt wurde, so die Gesundheitsexpertin.

 Kaiserschnitte werden von den Krankenkassen höher vergütet als Vaginalgeburten. Ein direkter finanzieller Anreiz für die Kliniken ergibt sich daraus zwar nicht, da die Kosten einer Schnittentbindung höher sind. Allerdings sind sie besser planbar, was für Kliniken ein Argument ist, Kaiserschnitte natürlichen Geburten vorzuziehen, wie aus dem Faktencheck  hervorgeht. 

Ob eine Frau einen Kaiserschnitt bekommt, hängt auch vom Wohnort ab: Es gibt ein auffällig großes Gefälle zwischen Ost- und Westdeutschland. Während laut Faktencheck in Dresden nur 17 Prozent der Kinder per Kaiserschnitt auf die Welt kommen, sind es etwa in Landau (Pfalz) 51 Prozent. Studienautorin Kolip sieht das vor allem in der Klinikkultur begründet. Im Osten sei die natürliche Geburt noch stärker im Fokus der Mediziner,  Hebammen bestimmten das Geschehen noch immer sehr stark. 

Das höhere Alter der Mütter bei der Geburt wird häufig als bedeutender Einflussfaktor auf die Kaiserschnittrate angeführt, denn mit steigendem Alter der Mutter mehren sich Zwillingsgeburten und es kommt eher zu Komplikationen. Doch tatsächlich habe das höhere Alter keinen nennenswerten Einfluss auf den Anstieg der Kaiserschnitte, stellen die Studienautoren fest. Im Gegenteil: Frauen unter 25 Jahren wählten immer häufiger einen Kaiserschnitt. Über die Gründe kann Kolip nur spekulieren: Sicherheitsdenken, Angst und das Bedürfnis, über den eignen Körper zu bestimme, sei bei jungen Frauen stärker ausgeprägt. Der Wunsch, natürlich zu gebären und dafür auch Schmerzen auf sich zu nehmen, sei dagegen nicht mehr so groß. 

Wie läuft ein Kaiserschnitt ab?

Bei einem Kaiserschnitt wird das Kind durch eine Operation auf die Welt geholt. Diese findet selten unter Vollnarkose statt, meist wird eine lokale  Betäubung gewählt. Die Frau verspürt also währenddessen keine Schmerzen. Der Bereich, in dem der Bauch geöffnet werden soll, wird desinfiziert, die Schambehaarung rasiert und ein Harnkatheter gelegt. 

Ein Vorhang trennt den sterilen vom nicht sterilen Bereich und verhindert die Sicht auf das Operationsgeschehen.  Für den Kaiserschnitt setzt der Arzt am Unterbauch in der sogenannten Bikinizone - also grob betrachtet unterhalb des Höschenbundes eines Bikinis - einen waagrechten Schnitt. Bei einer sanfteren Methode  werden die unteren Bauchschichten nicht aufgeschnitten, sondern ohne Verwendung eines Messers aufgedehnt. Dadurch verheilen die Wunden schneller. Ist die Gebärmutter geöffnet, holt der Arzt das Kind rasch heraus. Im Anschluss werden die Schnittwunden wieder vernäht.

Verglichen mit einer natürlichen Geburt, die sich in die Länge ziehen kann, nimmt ein Kaiserschnitt relativ wenig Zeit in Anspruch: Er dauert etwa eine Stunde. Nach etwa einer Woche können die meisten Frauen das Krankenhaus wieder verlassen.

Welche Risiken birgt der Eingriff?

Wie jede Operation bringt auch ein Kaiserschnitt Risiken mit sich. Zwar sei die Wahrscheinlichkeit dafür in den vergangenen Jahrzehnten erheblich gesunken, schreibt die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG). Dennoch: Gegenüber einer normalen Geburt ist das Risiko für Thrombosen, Embolien, Blutungen und Komplikationen im Zusammenhang mit der Narkose erhöht. Auch die Wundheilung kann Probleme bereiten.

Anstelle des Geburtsschmerzes, wie er bei einer natürlichen Geburt vorkommt, tritt bei einem Kaiserschnitt der Wundschmerz nach der Operation.

Da der Schnitt durch mehrere Bauchschichten geht, braucht er Zeit, um zu heilen.  Nach einem Kaiserschnitt müssen Frauen häufig etwas länger im Krankenhaus bleiben. Mütter, die natürlich gebären, sind Frauenärzten zufolge schneller wieder auf den Beinen. Sie haben allerdings eher Verletzungen am Beckenboden oder Schmerzen durch einen Dammschnitt. Dass ein Kaiserschnitt Beckenbodensenkungen und Inkontinenzprobleme verhindert, ist ein Mythos. Beides kann nach einer sogenannten Sectio ebenfalls vorkommen.

Wann kann ein Kaiserschnitt sinnvoll sein?

"Ein Kaiserschnitt ist immer dann eine gute und geeignete Geburtsmethode, wenn die Gesundheit von Mutter und Kind durch eine natürliche Entbindung gefährdet sind", schreibt die DGGG. Das kann der Fall sein, wenn die Lage des Kindes eine natürliche Geburt nicht zulässt oder Komplikationen während der Geburt eintreten, die ein rasches Handeln notwendig machen - etwa wenn die kindlichen Herztöne nachlassen, sich die Plazenta zu früh ablöst oder die Nabelschnur eingeklemmt wird. Mediziner sprechen dann von einem Notfall-Kaiserschnitt.

Anders ist das bei einem Wunsch-Kaiserschnitt, bei dem kein medizinischer Anlass vorliegt. Dabei entscheiden sich Mütter bewusst für diese Art der Geburt, etwa weil sie Angst vor den Geburtsschmerzen haben - oder sie ihnen planbarer und unkomplizierter erscheint. Allerdings warnt die DGGG: Bevorzuge eine Mutter einen Kaiserschnitt müsse sie "auch wissen, dass sie damit Risiken für das Kind sowohl direkt nach der Geburt als auch für das spätere Leben, für sich selbst und für weitere Schwangerschaften in Kauf nimmt".

Sind Kaiserschnitt-Kinder häufiger krank?

Ein Kaiserschnitt hat nicht nur Auswirkungen auf die Mutter, auch bei den Kindern macht er sich bemerkbar.  Kaiserschnittkinder müssen etwa kurz nach der Geburt häufiger beatmet werden - vor allem, wenn der Kaiserschnitt in der 38. Schwangerschaftswoche erfolgt. Weniger Komplikationen würden bei einem Kaiserschnitt in der 40. Woche auftreten, schreibt die DGGG. Der Geburtszeitpunkt sei daher bei einem geplanten Kaiserschnitt wichtig, werdende Eltern müssten darüber aufgeklärt werden.

Doch nicht nur kurzfristig kann ein Kaiserschnitt Folgen für das Kind haben. Kaiserschnittkinder erkranken im Laufe ihres Lebens auch häufiger an Asthma, Allergien, Diabetes oder entzündlichen Darmerkrankungen, wie verschiedene  epidemiologische Untersuchungen in den vergangenen Jahren gezeigt haben. Die Resultate sind dabei aber nicht immer eindeutig. Woran das genau liegt, ist ebenfalls nicht klar. Forscher vermuten, dass etwa eine unterschiedliche  bakterielle Besiedlung bei Kaiserschnittkindern dafür verantwortlich sein könnte. Denn Kaiserschnittkinder gelangen nicht durch den Geburtskanal ans Licht der Welt, die Bakterien der mütterlichen Vaginalflora werden also nicht auf sie übertragen. Doch genau das könnte ein wichtiger Schutz vor Krankheitsauslösern sein und zudem dafür sorgen, dass sich eine gesunde Darmflora entwickelt.

Was bedeutet ein Kaiserschnitt für die Frau?

Die Narbe am Unterleib verheilt meist problemlos. Sie verblasst mit der Zeit und ist irgendwann nur noch als feiner Strich sichtbar. Auch die Gebärmutter  muss nach einer Schnittgeburt wieder vernäht werden und zusammenwachsen. Das  Risiko, dass sie in einer Folgeschwangerschaft, bzw. bei einer vaginalen Geburt, reiße, sei erhöht, aber vertretbar schreibt der Berufsverband der Frauenärzte (BVF). Wurden bei einer Frau jedoch mehrere Kaiserschnitte durchgeführt, steige die Gefahr einer Komplikation. Die DGGG rät daher bei weiterem Kinderwunsch von einem Kaiserschnitt ab. Er berge für die Folgeschwangerschaft ein sehr hohes Risiko einer Frühgeburt und lebensbedrohlicher Blutungen bei Mutter und Kind. Hat eine Frau einmal per Kaiserschnitt entbunden, bedeutet das aber nicht, dass weitere Geburten ebenfalls per Kaiserschnitt geschehen müssen. 

Kann ein Kaiserschnitt auch psychische Folgen haben?

Es gäbe Mütter, die einige Zeit brauchten, um den Eingriff psychisch zu verarbeiten, schreibt der BVF. Manche Mütter fühlten sich um das Geburtserlebnis betrogen oder gar schuldig, es nicht auf "normalem Wege" geschafft zu haben. Das Rollenverständnis als Mutter könne darunter leiden, schreibt Karin Mikolitch, Ärztin und Gründerin des Kaiserschnitt-Netzwerks. Nach einem Kaiserschnitt sind die Mütter oftmals nicht sofort in der Lage, sich um ihr Kind zu kümmern. Durch die stunden- bis tagelange Trennung vom Kind komme es zum gestörten Selbstverständnis, in vielen Fällen auch zu einem gestörten Mutter-Kind-Verhältnis. Grundlage für Mikolitchs Aussagen sind Gespräche mit betroffenen Müttern. Aus Studien wisse man, dass Mütter in den ersten fünf Jahren nach einem Kaiserschnitt seltener wieder schwanger werden als Vaginalgebärende, so die Ärztin. 

Wer entscheidet, ob ein Kaiserschnitt erfolgt?

Die Entscheidung dafür muss zwischen dem Arzt und der Schwangeren gemeinschaftlich gefällt werden. Finanzieren dürfen die Kassen einen Kaiserschnitt nur dann, wenn er medizinisch notwendig ist. "Einen Wunschkaiserschnitt bezahlen sie eigentlich nicht", sagt Petra Kolip, Gesundheitswissenschaftlerin an der Universität Bielefeld.  Im Zweifel lasse sich aber immer eine Indikation finden. Und "Ärzte können die Entscheidung für einen Kaiserschnitt  entscheidend beeinflussen", sagt sie. "Sobald sie das Wort Risiko in den Mund nehmen, sind sehr viele Frauen bereit, einer Sectio zuzustimmen."

 

Themen in diesem Artikel

Wissenscommunity