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Kinderpsychiater Kinder im Corona-Lockdown: "Gerade wird eine Menge Vertrauen verspielt"

Ein Kind schaut während des Corona Lockdowns alleine aus dem Fenster
Wegen der Bekämpfung der Corona-Pandemie sind viele Kitas und Schulen geschlossen
© Fotostand / K. Schmitt / Picture Alliance
Selbst gesunden Menschen fällt es zunehmend schwer, die Corona-Beschränkungen durchzustehen. Kinder- und Jugendpsychiater Dr. Oliver Dierssen spricht darüber, wie sehr Corona schon die Kleinsten mitnimmt und was die Regierung für psychisch kranke Personen tun müsste.

Sie sind Kinder- und Jugendpsychiater. In welcher Altersgruppe sind Ihre Patientinnen und Patienten?
Vom Kleinkindalter bis zur Volljährigkeit. Der typische Patient von mir ist acht bis zehn Jahre alt, männlich und hat Schwierigkeiten in der Schule. Wir behandeln aber auch viele Jugendliche und junge Erwachsene.

Merken Sie bei den Kindern und Jugendlichen eine stärkere Belastung durch Corona und den Lockdown?
Ganz erheblich! Das ist im hohen Maße besorgniserregend. Familien fallen durch das soziale Netz, wenn niemand ihre Not sieht oder Eltern zum Beispiel viel arbeiten müssen, vielleicht eigene psychische Belastungen haben. Diese Eltern rutschen mit ihren Familien an uns vorbei. Und natürlich ist es im Bereich des Kinderschutzes so, dass sich Hochrisikofamilien aus unserem Radar herausbewegen. Jetzt gibt es weniger schulische und Vereinskontakte, die Kinder gehen nicht mehr zur Nachbarsfamilie zum Spielen. Dann werden auch andere Eltern nicht mehr darauf aufmerksam, wenn zum Beispiel ein Kind mit blauen Flecken kommt. Das ist sehr bedenklich.

Zudem erleben wir speziell im Jugendalter sehr schnelle Verschlechterungen. Auch recht stabile Patienten, die wir gut kennen, verschlechtern sich nicht im Rahmen von Monaten, wie man das bisher eher kannte, sondern innerhalb von Wochen oder gar Tagen so sehr, dass sie intensive Betreuung benötigen. Und dafür reichen oft die Ressourcen nicht. Von denen müssen wir viele auch notfallmäßig in die Klinik einweisen.

Woran könnte das liegen?
Die Kraftquellen der Kinder und Jugendlichen sind einfach aufgebraucht. Was sonst Spaß macht, was sie von ihrem Kummer ablenkt, das gibt es viel weniger. Ganz praktisch gesehen führt das dazu, dass schwere, auch suizidale Krisen häufiger und intensiver werden und für uns als Therapeuten schwerer vorhersagbar.

Haben Sie mehr Patienten als sonst?
Wir haben ja immer einen vollen Terminkalender. Es gibt sehr viele Anfragen, das stimmt. Und ich weiß von psychotherapeutischen Kolleginnen und Kollegen, dass die Anzahl an Patienten, die gar keine Termine mehr bekommen können, wächst. Der Mangel an insbesondere Psychotherapie-Plätzen ist eklatant, das fällt jetzt besonders auf.

Kinderpsychiater Dr. Oliver Dierssen
Dr. Oliver Dierssen ist Kinder- und Jugendpsychiater in Niedersachsen
© Olaf Mittag

Welche Sorgen oder Gedanken sind besonders präsent bei den Kindern?
Ein großes Problem ist die schwere Vorhersagbarkeit, wann es wieder gut werden kann und damit verbunden auch eine fehlende Zukunftsperspektive. Ich denke zum Beispiel an einen jungen Mann, der mit ganzer Kraft auf sein Abitur hingearbeitet hat. Er stammt aus einer bildungsfernen Familie; das bedeutete ihm viel. Dann wurde das Abitur um ein halbes Jahr verschoben. Und dieser gestandene junge Mann saß schluchzend vor mir und sagt, es fehle ihm jedes Gefühl, was jetzt mit seiner Zukunft werden soll. Wann kommt das Abitur? Was kommt danach? Kann er überhaupt richtig studieren und schafft er es unter diesen Bedingungen überhaupt, von zu Hause wegzuziehen und alleine zu leben? Das beobachte ich momentan viel bei jungen Erwachsenen, dass dieser positive und kraftgetriebene Blick in die Zukunft fehlt.

Sie haben vorhin das Thema Suizidalität kurz angesprochen. In mehreren Quellen kann man lesen, dass Kinder vermehrt über Suizidgedanken sprachen. Stellen Sie das bei Ihren Patientinnen und Patienten auch fest?
Ja, wobei die Suizidgedanken von jungen Kindern in der Regel anders zu bewerten sind als die von Jugendlichen. Schwere oder sogar vollendete Suizidversuche bei jungen Kindern sind extrem selten. Das ist bei Kindern eher so einzuordnen, dass sie das Gefühl haben, keinen guten Platz in der Welt zu finden. Sätze wie "dann könnte ich auch tot sein" fallen dann zum Beispiel. Aber in der Regel tun sie sich nichts an, sondern klagen in erster Linie, weil sich ihr Leben für sie nicht sinnvoll anfühlt. Das beobachte ich auf jeden Fall, aber dass es vermehrt Suizidversuche unter Jüngeren gibt, kann ich zumindest so nicht bestätigen.

Und bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen?
Wir beobachten eine Zunahme, ein rascheres Entgleisen und ein Entkoppeln der sozialen Beziehungen. Suizidale Menschen brauchen zwischenmenschliche Beziehungen: einfühlsame Beziehungen auf Augenhöhe, in denen es den Menschen auch schlecht gehen darf. Jetzt wissen wir natürlich, dass wir in einer Zeit leben, in der diese Beziehungen massiv zu kurz kommen. So fehlt ein ganz großer Schutzfaktor für Menschen, die von Suizidalität bedroht sind, oder ist zumindest weniger ausgeprägt ist. Als Therapeutenschaft versuchen wir natürlich das aufzufangen, aber das ist eher ein Tropfen auf den heißen Stein.

Was genau wäre politisch nötig, um die Situation der Kinder, speziell der psychisch vorbelasteten Kinder, zu verbessern?
Ein rasches Ende der Pandemie wäre natürlich das, was hilft. Insbesondere diese schwierige Vorhersagbarkeit und die scheinbare Willkür, mit der Regeln gesetzt und gebrochen werden, sehe ich als großes Problem. Beispielsweise mit der sogenannten "Notbremse" und dem Versprechen, "bei einer Inzidenz über 100 schicken wir euch nicht in die Schule" – aus gebrochenen Versprechen erwächst eine gewaltige Hilflosigkeit und Machtlosigkeit. Ohne konkrete Forderungen an die Politik zu stellen: Eine Verlässlichkeit und eine gewisse Vorhersagbarkeit ist außerordentlich wichtig. Und ich habe die große Befürchtung, dass jetzt in dieser Zeit bei der jungen Generation eine Menge an Vertrauen verspielt wird. Das wird viel dramatischere Folgen haben, als wir das jetzt absehen können.

Was meinen Sie damit?
Zum einen für die seelische Gesundheit dieser jungen Menschen und zum anderen für die Wahrnehmung unserer Demokratie als schützendes System.

Weil die jungen Menschen nicht das Gefühl haben, sich auf die Politik verlassen zu können?
Das ist meine Befürchtung und auch meine Erwartung, ja. Ich glaube, dass bei vielen Jugendlichen und jungen Erwachsenen das Gefühl vorherrscht: "In der Klimakrise haben wir es erahnt, dass es euch nicht wichtig ist, wie es uns später gehen wird. Heute sehen wir es schwarz auf weiß. Ihr spart und schickt uns ohne Luftfilter in die Schulen, ohne Tests, gebt aber für die Industrie- und Lobbygruppen Milliarden aus. Das werden wir euch nicht verzeihen." Und ich persönlich kann das auch nicht verzeihen.

Bilder zeigen wie Corona die Welt verändert h

Was können Eltern konkret tun, wenn Sie bemerken, ihr Kind leidet besonders stark unter der aktuellen Lage?
Was von außen fehlt, sind Schutz und Vorhersagbarkeit und das ist etwas, das die Eltern jetzt leisten müssen. Ich erwarte von Eltern jetzt im besonderen Maße, dass sie sich schützend und verlässlich vor ihre Kinder stellen. Insbesondere hinsichtlich der Anforderungen aus dem Schulsystem, in dem die Kinder einfach abliefern sollen, damit im nächsten Schuljahr nicht nachgearbeitet werden muss. Da erwarte ich von Eltern, dass sie sagen: "Das ist Quatsch, mein Kind kann den Stoff ohne vernünftigen Unterricht nicht so schnell lernen." An dieser Stelle wünsche ich Eltern große Festigkeit und Standhaftigkeit, um sich wirklich vor ihre Kinder zu stellen.

Sie kritisieren immer wieder die Impfpolitik der Bundesregierung auf Twitter. Einer dieser Tweets, in dem Sie den Behörden bürokratisches Versagen vorwerfen und empfehlen, den aktuell lagernden Impfstoff möglichst schnell in Hausarztpraxen zu verimpfen, ist vergangene Woche viral gegangen. Wie war die Reaktion darauf?
Die Rückmeldung der Region Hannover war: Der Impfstoff ist verplant. Wie dieser Plan aussieht, wurde aber nicht gesagt. Und ob dieser Plan möglicherweise auch zu verbessern wäre, wurde auch nicht gesagt. Es gab eine irre Resonanz auf diesen Tweet, das war sehr respekteinflößend. Ich habe seitdem aber auch nicht mitbekommen, dass zum Beispiel die Pläne, die Hausärzteschaft an den Impfungen zu beteiligen, schneller vorangetrieben worden sind. Wir haben jetzt einen Impfrückstand von einigen Tagen, das muss dringend nachgeholt werden. Ein Punkt ist mir dabei aber besonders wichtig: Es gibt Risikogruppen, die mit dem derzeitigen Schema überhaupt nicht erreicht werden.

Welche besonderen Hürden haben psychisch kranke Personen, um sich impfen zu lassen?
Die Anmeldung über eine Website oder eine Telefonhotline ist schon für gesunde Menschen schwierig. Oft hängt das Internet oder man kommt am Telefon nicht durch. Wenn man aber an unsere Patienten denkt, gibt es beispielsweise ganz viele, die gar nicht telefonieren können. Das sind ganz normale Leute, die zur Schule gehen oder Jobs haben. Aber die können nicht einfach irgendwo anrufen, weil sie in diesen Momenten von Angst überwältigt werden. Genauso Menschen mit kognitiven Einschränkungen oder Lese-Rechtschreib-Schwäche. Die werden diese Texte auf der Website, um sich zu einer Impfung anzumelden, oft gar nicht ohne weiteres lesen können.

Dann müssen diese Menschen bisher in ein Impfzentrum fahren, wahrscheinlich sogar mit öffentlichen Verkehrsmitteln, was manche dieser Menschen auch schon nicht hinbekommen. Sie bekommen an einem unbekannten Ort, von einer unbekannten Person, in einer fremdartigen Umgebung einen Impfstoff verabreicht, vor dem sie vielleicht sogar Angst haben. Da werden wir gerade die Menschen verlieren, die besonders schutzbedürftig sind: Menschen mit seelischen, geistigen oder körperlichen Einschränkungen. Die brauchen ein geduldiges und vertrauenswürdiges Impfangebot, das nur durch die Ärzteschaft vor Ort passieren kann.

Können Sie konkreter beziffern, wie viele Menschen das in Deutschland betrifft?
Per definitionem sind 15 Prozent aller Menschen in Deutschland von einer Lernschwäche oder von einer geistigen Behinderung betroffen. Da reden wir nicht von ein paar tausend Menschen, sondern wir reden über Millionen. Angststörungen oder Depressionen sind Volkskrankheiten. Mit einer Depression ist es ohnehin schon schwierig, komplexe Dinge anzugehen, die besondere Anstrengung erfordern. Es ist eine ganz andere Sache, mit einer schweren Depression zu seiner Hausärztin zu gehen, die einen seit Jahren kennt – wo man vor der Impfung zum Beispiel auch weinen kann oder es sich auch anders überlegen kann. Zu wissen, man muss stattdessen den halben Tag freinehmen und mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu irgendeinem Impfzentrum fahren, dort mit fremden Leuten in langen Schlangen stehen – dieses Angebot ist für Menschen mit Depressionen oder Angststörungen viel hochschwelliger.

Das heißt, es würde diesen Menschen helfen, in den Praxen zu impfen, oder was wäre Ihr Lösungsvorschlag dazu?
Genau, das muss unbedingt passieren. Es gibt keine gerechte und faire Alternative. Wenn man psychisch belastet ist, braucht man das vertraute Umfeld durch die Arztpraxis, wo man sitzen kann, vielleicht nochmal ein Glas Wasser bekommt und den Menschen Schutz- und Ruheräume geschaffen werden können.

Sie kritisieren auf Twitter immer wieder die Impfpolitik der Bundesregierung. Wenn Sie der Berater von Jens Spahn wären, was würden Sie ihm vorschlagen?
Er soll der Ärzteschaft sein Vertrauen schenken. Den Impfstoff für Arztpraxen freizugeben muss ja voraussetzen, dass wir Vertrauen haben. Das sind unsere Ärztinnen und Ärzte, die unsere Bevölkerung gut und lange behandeln. An dieser Stelle muss es ein klares Signal geben. Wenn es aus einer Politik, die aktuell von einem Skandal in den nächsten taumelt, die Unterstellung gibt, die Ärzte würden zu ihrem eigenen Vorteil handeln, die Priorisierung aufheben oder Impfstoff abzweigen, ist das ein ganz fatales Signal. Das untergräbt am Ende das Vertrauen in die Medizin.


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