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Psychologin Claudine Dahm Klimaangst und Krisenstimmung: Wie junge Menschen mit ihrer unsicheren Zukunft umgehen können

Eine junge Frau schaut besorgt aus dem Fenster.
Klimakrise, Krieg und Pandemie: Viele Jugendliche blicken besorgt in die Zukunft. 
© franckreporter / Getty Images
Der letzte Sommer mit vielen Tagen über 35 Grad, kaum Regen und Dürre – die Klimakrise rückt auch gefühlt immer näher an unsere Lebensrealität. Vor allem junge Menschen fürchten sich Umfragen zufolge vor den Folgen des Klimawandels. Claudine Dahm ist Psychologin und weiß, wie man mit der Angst vor der ungewissen Zukunft umgehen kann.
75 Prozent der Jugendlichen fürchten sich laut einer Studie vor den Folgen des Klimawandels. Sie haben im Rahmen Ihrer Tätigkeit viel mit jungen Menschen zutun, Frau Dahm. Was macht die ungewisse Zukunft mit der jungen Generation?
Claudine Dahm: Besonders für sehr emotionale oder empathische Menschen kann die Klimakrise stark belastend sein. Die Ungewissheiten, die die Klimakrise mit sich bringt, kann dabei vor allem zu Zukunftsängsten führen. Diese gehen beispielsweise einher mit typischen Symptomen wie Schlafschwierigkeiten, Grübeln, Stimmungsschwankungen, Traurigkeit oder Ruhelosigkeit. Bei manchen kann es sogar zu depressiven Verstimmungen oder psychosomatischen Beschwerden kommen.

Neben Angst – in diesem Fall Klimaangst – gibt es auch noch eine Reihe von anderen Gefühlen, die bei der wahrgenommenen Bedrohung aufkommen können. Dazu gehören beispielsweise Wut, Trauer, Hoffnungslosigkeit oder Frustration. Manche haben auch mit Scham oder Schuldgefühlen bezüglich des eigenen Lebensstils zu kämpfen.

Woher kommt die Klimaangst bei jungen Menschen?

Die sich zuspitzende Klimakrise scheint mittlerweile nahezu omnipräsent: Wir kommen auf Social Media, beim Nachrichtenlesen und in Gesprächen mit unseren Nachbarn damit in Kontakt. 
Genau. Einerseits lesen wir Nachrichten über Naturkatastrophen oder neue wissenschaftliche Erkenntnisse und Prognosen über die weitere Klimaentwicklung. Bei solchen Nachrichten ist Angst vor den konkreten Folgen der Klimakrise eine natürliche Reaktion. Wir haben Sorge um die eigene Existenz und um die Existenz anderer, denn die Klimakrise bedroht unseren Lebensraum – unser Zuhause. Andererseits erfahren wir durch die Nachrichten, dass die politischen Maßnahmen unzureichend sind. Dies löst wiederum oft Gefühle der Hoffnungslosigkeit und Machtlosigkeit aus.
Psychologin und Achtsamkeitsexpertin Claudine Dahm
Claudine Dahm ist Psychologin (M.Sc.) und Achtsamkeitsexpertin. Sie entwickelt unter anderem Wissenskurse für die Meditationsapp 7Mind, auch zum Thema Stressmanagement und Umgang mit Krisenzeiten und Angst. 
© Privat
Und warum sind vor allem junge Menschen von Klimaangst betroffen?
Vor allem Kinder und Jugendliche haben häufig noch nicht gelernt, angemessen mit solchen Bedrohungen umzugehen und benötigen in solchen Situationen besondere Unterstützung von ihren Eltern. Angst kann allerdings auch nützlich sein, indem sie uns dazu motiviert, zukunftsorientiert zu handeln.
Apropos: Wir beschäftigen uns zwar zunehmend mit der Klimakrise, verändern unser Verhalten dahingehend aber oft nur geringfügig. Warum?
Eine erhöhte Angst führt nicht unbedingt zu einem umweltfreundlicheren Lebensstil. Dazu müssen noch andere Bedingungen erfüllt werden, wie beispielsweise der Zugang zu nützlichen Informationen oder die breite Überzeugung in der Gesellschaft, dass ein solcher Lebensstil erstrebenswert ist.
Wenn ich mir allerdings "Fridays For Future" anschaue – eine Bewegung, die ausschließlich von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen gegründet wurde und in den letzten Jahren sehr viel bewegt hat – dann sehe ich dort sehr viele junge Erwachsene, die sich aktiv für eine gerechtere Klimapolitik einsetzen.

Information versus Selbstschutz: Eigene Grenzen erkennen

Aber können Proteste denn mehr bewegen, als das Überdenken individueller Gewohnheiten?
Der ständige Verweis auf die individuelle Verantwortung – also Änderungen des eigenen Verhaltens und des Lebensstils – kann sogar dazu führen, dass am Ende weniger politischer Druck entsteht und somit die notwendigen, politischen Veränderungen nicht stattfinden. Persönliches Engagement ist lobenswert und kann sich gut anfühlen, allerdings kann eine richtige Veränderung nur über politische Entscheidungen erfolgen. Die Klimakrise ist am Ende eine globale Bedrohung, die auch nur auf genauso globaler, gesellschaftlich-politischer Ebene überwunden werden kann.

Nochmal zurück zur Klimaangst: Wie viel Information über Klimakrise, Krieg und Krankheit ist eigentlich gesund?

Wie bereits erwähnt, kann Angst nicht nur negativ sein, sondern auch als Schutzmechanismus fungieren. Angst kann uns dazu bewegen und motivieren, zukunftsorientiert und konstruktiv zu handeln. Hier gilt wie bei vielem: die Dosis macht das Gift. Es ist wichtig, informiert zu bleiben und über aktuelle Ereignisse Bescheid zu wissen. Ich würde empfehlen, regelmäßig in sich hineinzuhören – um so die eigenen Grenzen zu erkennen.

Wie erkenne ich denn, dass eine Grenze erreicht ist?

Wenn man merkt, dass die Angst größer wird und Symptome wie Schlafprobleme, Grübeleien oder Stimmungsschwankungen zunehmen, ist es an der Zeit, einen Gang zurückzuschalten. In dem Fall ist es wichtig, sich Zeit für sich, Hobbies und soziale Kontakte zu nehmen. Entspannungsübungen können dabei helfen, einen besseren Umgang mit dem entstandenen Stress zu finden und sich konkret eine Auszeit im Alltag zu gönnen. Zusätzlich sollte man sich immer wieder vor Augen führen, was man selbst realistischerweise ändern oder beeinflussen kann, und was nicht.

Spielen wir einmal den Worst-Case durch: Die Klimaangst bleibt und verstärkt sich über die Generationen hinweg. Was macht das psychologisch mit unserer Gesellschaft?

Wenn Sorgen und Angst überhand nehmen und sich verstärken, kann es passieren, dass sich daraus für das Individuum dysfunktionale Ängste und psychische Störungen entwickeln. Die Wahrscheinlichkeit dafür wird dadurch erhöht, dass sich Naturkatastrophen häufen und die Prognosen von Wissenschaftler:innen apokalyptische Züge annehmen. Vor allem können auch schlechte Aussichten durch mangelnde politische Entscheidungen und Maßnahmen und gleichzeitig die wahrgenommenen fehlenden Möglichkeiten, auf individueller Ebene etwas tun zu können, zu einer Verstärkung der Angst führen.

Der Weg aus der Klimaangst

Was kann ich denn tun, um einen gesunden Umgang mit der Angst zu etablieren und gar nicht erst in die Negativ-Spirale zu rutschen?

Ein richtiger Umgang mit dieser Angst fängt mit einer mitfühlenden Selbstfürsorge an, indem wir sie erkennen und beispielsweise auch beim eigenen Engagement die eigenen Grenzen erkennen und respektieren. Es ist natürlich auch wichtig, vor allem Kinder und Jugendliche zu schützen, indem sie von den Eltern und auch im schulischen Kontext adäquate Aufklärung und Unterstützung erfahren. Kinder sollten nicht die Verantwortung spüren, ihre eigene Zukunft retten zu müssen, hier sind Erwachsene und vor allem politisch Verantwortliche gefragt.

Lassen Sie uns noch ein bisschen konkreter werden: Ich merke, die Klimakrise löst akute Angst in mir aus. Was kann ich tun?

Bei auftretenden Ängsten kann es helfen, sich mit Gleichgesinnten auszutauschen und mit Freund:innen und Familie über die eigenen Sorgen zu reden. Gegen das Gefühl der Ohnmacht kann es hilfreich sein, in Organisationen aktiv zu werden, indem man sich beispielsweisen Ortsgruppen der Klimabewegung anschließt oder sich im politischen Rahmen für Klimaschutz engagiert.

Auch Engagement auf persönlicher Ebene, wie Änderungen des eigenen Lebensstils, können einem das Gefühl geben, aktiv etwas zu tun. Besonders wichtig ist es dabei, die Balance zwischen aktiver Auseinandersetzung mit der Klimakrise und Erholungsmöglichkeiten zu finden. Wenn man merkt, dass die Angst das alltägliche Leben beeinträchtigt, sollte man sich eine Auszeit nehmen und beispielsweise den Hausarzt bzw. die Hausärztin aufsuchen oder eine therapeutische Erstberatung in Anspruch nehmen.

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