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Kreuzbandriss: Auf wackligen Knien

Alle sechseinhalb Minuten reißt in Deutschland ein Kreuzband. Der Auslöser ist oft eine scheinbar harmlose Bewegung. Die Folgen: Schmerzen bei jedem Schritt, meist eine Operation und monatelange Therapie. Erfahrungsbericht einer Fachkundigen.

Von Beate Wagner

Der Saisonauftakt soll es werden, unser Tennismatch am frühen Sommermorgen im Berliner Friedrichshain. Leider kommt es nicht dazu. Stattdessen spielt sich auf dem Platz ein kleines Drama ab. Es passiert, als ich mit Rumpf und Oberschenkel schwungvoll zur Drehung ansetze, um zur Grundlinie zurückzulaufen. Der Fuß und der Unterschenkel meines linken Beins streiken und verharren weiter in ihrer Position. Das Knie dreht sich um die eigene Achse, gibt ein beängstigendes "Krrraaacks!" von sich, benommen vor Schmerz gehe ich zu Boden. Schnell wird mir klar: Mein Knie ist kaputt und die Saison beendet, kaum dass sie begonnen hat. Erst Wochen später aber begreife ich, wie weitgehend die Sportverletzung mein Leben in den kommenden Monaten beeinflussen wird.

Knieleiden sind quer durch alle Alters- und Bevölkerungsschichten weit verbreitet. Neben der Arthrose, die laut einer 2005 veröffentlichten Studie der Orthopädischen Universitätsklinik Heidelberg heute etwa jeden vierten Bundesbürger quält, machen vor allem gerissene Kreuz- und Seitenbänder und kaputte Menisken zu schaffen. Jedes Jahr reißt in Deutschland rund 80.000 mal ein Kreuzband - meist das vordere; bei jedem dritten Betroffenen ist dann zusätzlich ein Meniskus beschädigt.

Fußballer und Skiläufer sind die größte Risikogruppe

Die meisten Unfallverletzungen am Knie erleiden Fußballer und Skiläufer. Viele kommen vom Wintersport in die Unfallambulanzen, nachdem sie untrainiert die Hänge hinuntergejagt sind. "Vor allem die Carvingskier sind gefährlich, weil damit heute jeder nach relativ kurzer Zeit fahren kann, ob er es gelernt hat oder nicht", sagt Gerhard Bauer, Leiter der Sportklinik Stuttgart.

Dass das Knie so anfällig ist, liegt zum einen an seiner komplizierten Anatomie, zum anderen daran, dass es als das meist beanspruchte Gelenk des Körpers fast dessen gesamtes Gewicht trägt. Viele muten ihm daher zu viel zu. Überambitionierte Hobbysportler seien besonders gefährdet, sagt Andreas Weiler, Unfallchirurg und Leiter der Abteilung für Kniechirurgie, Knieorthopädie und Sportverletzungen am Centrum für Muskuloskeletale Chirurgie der Berliner Charité. Zwischen 1000 und 1200 Knieverletzungen flicken er und sein Team jährlich zusammen, allein 350 davon sind Kreuzbandrisse. "Die Wochenendsportler sind die Schlimmsten", so ist Weilers Erfahrung. "Sie sind meist weder vortrainiert noch richtig aufgewärmt, haben eine schlechte neuromuskuläre Kontrolle und geben dann alles."

Auch ich gehöre wohl zu diesen "halbtrainierten" Wahnsinnigen, die ständig laufen wollen und nur darauf warten, wieder durchstarten zu können. Dass nach der Verletzung beim Tennis bis dahin noch einige Wochen ins Land gehen werden, ist auf der Kernspintomografie unschwer zu erkennen: Das linke vordere Kreuzband ist komplett durchgerissen. Später erfahre ich, dass auch der Innenmeniskus und der Knorpel beschädigt sind.

Zur Toilette laufe ich nur noch mit Krücken

Plötzlich bin ich Invalide. Das Knie wird heiß, schwillt an und tut weh, wenn ich meine Kinder anziehe, am Schreibtisch sitze oder Treppen steige. An Sport ist nicht zu denken. Schwimmen im See und Fahrrad fahren sind mir diesen Sommer nicht vergönnt. Irgendwann geht sogar bei alltäglichen Bewegungen nichts mehr ohne Hilfsmittel; selbst zur Toilette laufe ich nur noch mit Krücken. Die sind lästig, fallen beim Abstellen immer um und liegen dann im Weg. Zum Sitzen und Kochen brauche ich einen zweiten Stuhl, auf dem ich das Knie hoch lagern kann. Will ich duschen, muss mein Mann mir mein lädiertes Bein über den Badewannenrad hieven.

Dennoch hoffe ich insgeheim, von einer Operation verschont zu bleiben. Ein Kreuzbandriss muss nicht zwangsläufig operiert werden, wenn stattdessen die Oberschenkelmuskulatur so trainiert wird, dass sie für die alltägliche Belastung genug Stabilität liefert. Und siehe da: Als draußen die Blätter fallen, bleibt das Gelenk zwar instabil, wird aber reizunempfindlicher. Ich bewege mich wieder, ohne ständig an mein Knie zu denken.

Die Freude währt nicht lange. Eines Nachts trete ich beim Tanzen in meinem Lieblingsclub ähnlich auf wie damals auf dem Tennisplatz. Zum zweiten Mal macht es: "Krrraaacks!" Nun ist kein Schritt mehr möglich, ohne dass er höllische Schmerzen bereitet. Mein Mann schleppt mich Huckepack nach Hause, am nächsten Morgen in die chirurgische Notaufnahme, drei Tage später zur Operation in die Klinik. Um den Eingriff komme ich nun nicht mehr herum.

So früh wie möglich operieren

Denn durch einen Riss wird das Gelenk nicht nur instabil, sondern zusätzlich rutscht der Schienbeinkopf bei jedem Schritt einen Zentimeter nach vorn und wieder zurück und beschädigt so die Knorpelschicht. Über längere Zeit zermürbt auch der Innenmeniskus, meist reißt er innerhalb des ersten Jahres nach einem Kreuzbandschaden. "Da wir heute davon ausgehen, dass für eine gute Langzeitprognose vor allem ein intakter Meniskus wichtig ist, sollte man ein Kreuzband so früh wie medizinisch möglich operieren", sagt der Kniespezialist Weiler.

Zeitnah zu operieren heißt für die Knieexperten jedoch nicht, wie früher üblich, sofort nach einer Kreuzbandverletzung. Es lohnt sich, zu warten. Weiler empfiehlt einen Termin acht bis zehn Wochen nach dem Riss. Denn die Operation löst im Gelenk selbst eine Entzündung mit Schwellung und Bluterguss aus, was sich später negativ auf die Beugung und Streckung auswirken kann.

Noch vor 20 Jahren wurde bei Meniskusrissen oft der gesamte Stoßdämpfer entfernt. Heute versucht man, so viel Gewebe wie möglich zu erhalten, indem man näht. Nur wenn der Riss zu groß oder das Gewebe extrem geschädigt ist, wird der Meniskus teilweise oder ganz herausgenommen.

Ein Transplantat ist nötig

Ist das Kreuzband gerissen, muss meist ein neues her. Mehr als 90 Prozent der Verletzungen werden heute mit einer Kreuzbandplastik behoben. Verwendet werden körpereigene Sehnen, zum Beispiel ein Transplantat aus der Patella-Sehne, die zwischen der Kniescheibe und dem Schienbein liegt. Immer häufiger wird stattdessen ein Stück der Semitendinosus-Sehne vom Oberschenkel eingesetzt.

Darüber, welches der Transplantate besser ist, streiten sich die Experten seit Jahren. Früher galt die Patella-Sehne als die stabilere und schneller heilende Variante. Denn bei ihrer Entnahme verbleiben zwei Knochenstückchen an den Sehnenenden, sodass nach der Operation Knochen an Knochen wächst.

"Wir benötigen bei der Patella-Sehne kein Fremdmaterial zur Befestigung, was eine Reihe von Komplikationen von vornherein ausschließt", sagt der Unfallchirurg und Leiter des Martin-Luther-Krankenhauses Berlin, Peter Hertel. Bestätigt sieht sich der Knieexperte durch gute Ergebnisse in einer Zehn-Jahres-Langzeituntersuchung.

Beide Sehnen sind stabil

Die Semitendinosus-Sehne kann nach Einschätzung anderer Experten heute genauso gut verwendet werden. "Früher gab es in der Tat Probleme mit der Verankerung, die mittlerweile gelöst sind", sagt der Charité-Chirurg Andreas Weiler. "Es liegen genügend Untersuchungen vor, die belegen, dass die Stabilität bei der Semitendinosus-Sehne heute so gut wie bei der Patella-Sehne ist." Zudem verursache die Methode weniger Komplikationen und weniger Schmerzen im vorderen Knie, da sie ohne eine Operationsnarbe auf der Vorderseite des Kniegelenks auskommt.

Wer welche Sehne eingesetzt bekommt, hängt allerdings nicht nur von der Schule und Vorliebe des Operateurs ab, sondern auch von den Bedürfnissen des Patienten. So entscheiden sich viele Profisportler wegen des kürzeren Heilungsprozesses oft für eine Patella-Sehne, Fliesenleger sind hingegen besser mit einer Semitendinosus-Sehne beraten, weil sie sich die Narbe vor dem Knie ersparen.

Bei dem arthroskopischen Eingriff ("Arthros" ist griechisch für "Gelenk", "skopein" heißt übersetzt "schauen") wird das Transplantat millimetergenau in den Verlauf des vorderen Kreuzbands eingepasst und im Oberschenkelknochen und im Schienbein verankert - etwa durch Einschrauben oder Einpressen. "Das A und O bei der Operation sind die Bohrkanäle", sagt Weiler, "nur wenn sie korrekt liegen, wird die Operation langfristig Erfolg haben." Weichen die Verankerungen nur gering vom Ideal ab, führt das zum "Eiern" des Gelenks beim Laufen und dadurch zu vorzeitigem Verschleiß.

Das operierte Bein fühlt sich dumpf und schwer an

Frisch operiert erwache ich in meinem Zimmer aus der Narkose. Ich wage einen Blick unter die Krankenhausdecke und sehe meinen Oberschenkel und mein geschwollenes Kniegelenk in einer riesigen Apparatur und mit Unmengen von Klettverschlüssen verschnürt. Das operierte Bein fühlt sich dumpf und schwer an, so als gehöre es nicht zu mir. Schmerzen habe ich nicht.

Das ändert sich am nächsten Tag, als die Physiotherapeutin des Hauses mich samt der monströsen Streckschiene und Gehstützen zum ersten Mal aus dem Bett scheucht. Mein Kreislauf rebelliert, mir ist schlecht und nur nach Liegen zumute. Dennoch humpele ich mit den Gehstützen unsicher über den Gang und konzentriere mich darauf, das frisch operierte Bein nur mit maximal 15 Kilogramm zu belasten. "Stellen Sie sich vor, Sie hätten einen Keks unterm Fuß, der nicht kaputt- gehen darf", sagt die Therapeutin.

Nach vier Tagen verlasse ich die Klinik. Die folgenden sechs Wochen vergehen in Zeitlupe - alles dauert ewig: anziehen, drei Etagen Treppen hoch- und runterhumpeln, ins Taxi steigen, wenn ich zur Physiotherapie muss.

Geduldig auf dem Sofa sitzen

In meinem kleinen Familienunternehmen haben sich mein Mann, die Tagesmutter, meine Eltern und Freunde ohne mich organisiert. Mir bleibt nichts, als geduldig auf dem Sofa zu liegen und zu ruhen, das Bein hoch zu lagern, zu kühlen - statt mit Krücken nach Wäsche zu angeln oder im Sitzen zu kochen. Doch es fällt mir schwer, mich einfach zu entspannen, zu lesen, zu schlafen. Ich bin ruhelos, ungeduldig, und ich kann nicht akzeptieren, dass ich Hilfe brauche und nicht tun kann, was ich will.

Ich nehme den Laptop mit ins Bett. So ein bisschen Schreiben wird der Genesung doch keinen Abbruch tun! Ich schaffe keine Zeile, stattdessen wird meine Stimmung mieser, ich nerve meine Jungs und kapiere irgendwann, dass es so nicht weitergeht.

Mir wird klar, dass ich mir selbst im Weg stehe und mein Knie nur heilen wird, wenn ich mich auf meine Situation einstelle. Also gebe ich mich meinem Schicksal hin, erlaube mir die Auszeit und vergesse Arbeit, Sport und alles, was ich vom Sofa aus nicht machen kann. Selbst als das Schlimmste nach ein paar Wochen überstanden ist, beherrscht das Knie noch lange meinen Alltag.

Nicht selten dauert es eineinhalb Jahre

Der Heilungsprozess nach einer Kreuzbandoperation ist anstrengend und langwierig. Nicht selten dauert es eineinhalb Jahre, bis der Patient nicht mehr bei jeder Bewegung daran denkt. Oft bleibt das Knie noch darüber hinaus eine Schwachstelle. Kreuzbandrisse sind Ursache von mehr als 70 Prozent aller Sportverletzungen mit dauerhafter Invalidität. Dass der Riss vielen Menschen so sehr zu schaffen macht, hat auch mentale Ursachen.

"Meist sind junge, sportliche Patienten betroffen, die vorher noch nie richtig krank waren", sagt Weiler. "Es ist wichtig, dass sie sich einerseits dafür Zeit nehmen, andererseits dürfen sie nicht zu viel übers Knie nachdenken, sonst wird es zum Fremdkörper." Zudem bestehe oft eine hohe Erwartungshaltung, dass das Gelenk wieder so stabil und belastbar wie vorher wird, gleichzeitig aber große Angst, dass genau das nicht passiert. "Auch wenn die Hochleistungsmedizin suggeriert, dass alles tipptopp geht - wir können die Natur nicht zwingen."

Die Kreuzbandplastik ersetzt nur das Band, nicht aber die Tausenden Nervenenden, die vor dem Trauma Informationen über Lage und Funktionen des Gelenks an das Gehirn gesendet haben. Der Körper muss deshalb die mechanische und sensorische Kontrolle wieder lernen. Wie der Muskelaufbau kostet auch das Training von Eigenreflexen, Koordination und Gleichgewicht Zeit. Der Erfolg der Operation hängt auch von der Qualität der physiotherapeutischen Nachbehandlung ab. Bereits in den ersten Tagen nach dem Eingriff sollte damit begonnen werden.

Viel Zeit im Reha-Zentrum

Auch ich verbringe nun viel Zeit im Reha-Zentrum in der Prinzenallee in Berlin-Wedding. Dreimal die Woche kümmert sich die Physiotherapeutin Cindy Krüger um mein Bein. Zunächst entstaut sie das Gewebe mit Hilfe von Lymphdrainagen, mobilisiert die Kniescheibe und leitet mich zu isometrischen Muskelanspannungen an - der Muskel wird aktiviert, aber nicht bewegt.

Als es meinem Knie langsam besser geht, fordert sie mich mehr und mehr: Nun stehen Muskelaufbau sowie Koordinations-, Stabilitäts- und Gleichgewichtsübungen im Vordergrund. Mittels Elektrischer Muskelstimulation wird die Muskelarbeit unterstützt.

Umstritten ist, wann der Patient das Knie wieder belasten darf und wie lange er die Schiene tragen muss, die eine Woche nach der Operation angepasst wird. Einige Experten empfehlen eine Vollbelastung schon ab der zweiten Woche, andere raten ihren Patienten, frühestens nach sechs bis acht Wochen ohne die Schiene zu trainieren und die Belastung dann erst langsam bis zur individuellen Grenze zu steigern.

Erste Laufübungen nach fünf Monaten

Bis aus der Rehabilitation wieder Sport wird, dauert es noch einige Wochen mehr. Läufer oder Tennisspieler dürfen frühestens nach fünf Monaten wieder mit ihrem speziellen Training beginnen, besser ist eine Pause von sechs Monaten. Wer in so genannten Kontaktsportarten aktiv ist - dazu zählen Fußball, Basketball und Handball -, muss noch länger mit Geräteübungen im Fitness-Studio vorlieb nehmen: Ihm empfehlen die Fachleute eine Auszeit von bis zu neun Monaten.

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