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"Wer wird Millionär?"-Sieger Leon Windscheid holte bei Jauch die Million - jetzt verrät er seine Psycho-Tricks

"Manche nennen mich Günther": Mit dem stern sprach Leon Windscheid über sein Leben nach dem Gewinn
"Manche nennen mich Günther": Mit dem stern sprach Leon Windscheid über sein Leben nach dem Gewinn
© Dario Ronge
Leon Windscheid knackte im Dezember 2015 die Millionenfrage bei "Wer wird Millionär?". Mit dem stern sprach der Wirtschaftspsychologe über ehrgeizige Projekte, sein neues Buch - und erklärt, warum er Günther Jauch heute noch dankbar ist.

Ihr Gewinn bei "Wer wird Millionär?" liegt eineinhalb Jahre zurück. Mit 26 Jahren haben Sie eine Million Euro gewonnen. Wie geht es Ihnen heute?

Sehr gut. Irgendein schlauer Mensch hat mal gesagt: 'Suche dir eine Arbeit, die dir Spaß macht, und du musst nie arbeiten.' So fühlt sich das für mich an. Von einem Teil des Gewinns habe ich ein Boot gekauft und es "MS Günther" getauft. Im Prinzip handelt es sich um ein Event- und Partyschiff, das auf dem Dortmund-Ems-Kanal schippert. Man kann es für Hochzeiten oder Firmenfeiern buchen. Wir bieten auch selbst Events an, zum Beispiel Wein-Tastings oder Craftbeer-Schulungen an Bord.

Und, wie läuft’s?

Fantastisch, das Boot ist sehr beliebt. Dieses Jahr sind wir fast durchgehend ausgebucht.

Klingt, als hätten Sie ausgesorgt und könnten sich entspannt zurücklehnen.

Mein Job macht mir Spaß. Aber es ist auch entsetzlich viel zu tun. Vor meinem Gewinn habe ich mir das Leben eines Millionärs immer anders vorgestellt. Aber ich war auch nie der Typ zu sagen: 'Cool, ich setze mich mit der Kohle ab und gönne mir ein wenig Luxus'. Mir war klar, dass ich mit dem Geld arbeiten und es investieren möchte.

Von dem Gewinn ist also nichts mehr übrig?

Man muss das so formulieren: Von dem Geld ist nichts mehr auf dem Konto. Neben dem Boot habe ich mir ein kleines denkmalgeschütztes Haus in Münster gekauft. Unten haben wir unser Büro, oben gibt es eine WG, in der ich mir auch eine kleine Kammer eingerichtet habe.

Für viele Menschen sind Sie nur der Mann, der die Million bei Jauch geholt hat. Stört Sie dieser Stempel nicht manchmal?

Ne, das ist schon okay. Aber es ist schon lustig, welche Namen mir Menschen in der Öffentlichkeit geben: Da wäre "MS Günther", passend zu meinem Boot. Manche Menschen nennen mich "Günther" oder auch "Leon Winterscheidt", eine Verwechslung mit dem Moderator Joko Winterscheidt. Für einige bin ich auch schlicht "der Millionär". Ich kann mit all diesen Namen gut leben. Wenn man bei "Wer wird Millionär?" gewinnt, ist das ja zunächst einmal sehr positiv.

Werden Sie auch heute noch auf der Straße erkannt?

Ja, in Münster passiert mir das oft. Die Leute lächeln mich in der Fußgängerzone an, manche winken mir auch. Angesprochen werde ich aber nur selten. Neulich war ich in einem Hotel und ging am Buffet vorbei. Mich sprach eine Frau an: 'Darf ich Sie mal kurz was fragen? Haben Sie im Fernsehen eine Million Euro gewonnen?'

Wie reagiert man in so einer Situation?

Dann sagt man kurz 'Ja', ist nett, plaudert ein wenig und geht dann weiter. Echt berühmt zu sein stelle ich mir sehr anstrengend vor.

Sie haben jüngst ein Buch über Ängste geschrieben. Darin geben Sie Tipps, wie man in verschiedenen Lebenslagen die Nerven behält. Was schätzen Sie: Was ist das perfekte Rezept für einen Erfolg bei Jauch?

Ich bin nicht unendlich schlau, Wissen allein reicht also nicht. Der Schlüssel zum Erfolg ist vor allem Glück, weil es sich um eine Spielshow handelt. Da kann man sich monatelang vorbereiten, und wenn eine Frage kommt, die nicht zum Wissensgebiet passt, ist man raus. Bauchgefühlsmäßig sieht für mich das perfekte Rezept also so aus: 50 Prozent Glück, 30 Prozent Wissen und 20 Prozent Psychologie. 

Warum so viel Psychologie?

Wenn man bei Jauch auf dem Stuhl sitzt, ist das eine absolute Ausnahmesituation. Man ist geschminkt, es gucken Millionen Menschen zu, man will bloß nichts falsch machen. Diese Aufregung kann einen überwältigen, ähnlich wie bei einer Panikattacke. Man kommt nicht mehr klar, kann nicht mehr geradeaus denken. Und dann besteht die Gefahr, dass man selbst einfachste Fragen falsch beantwortet. Man sieht das ja immer wieder, wenn Menschen an der 500-Euro-Frage scheitern.

Bei Ihnen war das nicht so, Sie sind scheinbar souverän durchmarschiert. Warum?

Ich habe eine Technik angewandt, die man bei Panikpatienten benutzt - die sogenannte Exposition. Die Idee ist, dass man seine Angst kennenlernt und dabei erfährt, dass die Angst eben nicht wie eine steile Kurve immer weiter zunimmt, sondern irgendwann als Körperreaktion automatisch abflacht. Der Körper hat im Prinzip ein bestimmtes Angst-Reservoir, das ist irgendwann ausgeschöpft. Er kann dann gar nicht mehr Angst herstellen, selbst wenn er wollte. Diese Erfahrung gilt es zu machen. Menschen, die Probleme mit Höhenangst haben, stellt man auf ein hohes Haus und lässt sie sich allmählich an die Situation gewöhnen. Ich habe mich in Unterhose vor meine Kumpels gesetzt.

Bitte, was?

Wir haben zu Hause eine Studiosituation nachgestellt. Ich saß auf einem Stuhl, und die Jungs bildeten ein Rondell um mich. Dann haben sie mir Wissensfragen gestellt, die ich beantwortet habe.

Aber warum ausgerechnet in Unterhose?

"Wer wird Millionär?" ist eine total ungewohnte Situation. Es ist eine Situation, in der man Angst hat, sich zu blamieren. Und es ist eine Situation, die aufregend ist. Aber vor allem ungewohnt, das ist der Punkt. Wenn ich mich jetzt vor meine Jungs setze und mit ihnen Fragen durchgehe, ist das nicht krass genug. Wenn ich da in einer Unterhose sitze, bin ich plötzlich in einer ungewohnten Situation. Der Grundgedanke war, dieses Gefühl kennenzulernen und damit zurechtzukommen.

Im Fernsehen waren Sie dann aber wieder angezogen. 

Ich war entspannter, weil ich das ungewohnte Gefühl bereits kannte. Ich habe mich praktisch immun dagegen trainiert, dass mich die Angst überwältigt.

Nicht jeder schafft es bei Jauch auf den Stuhl. Gibt es auch Beispiele aus dem Alltag, in der man die Psychologie gewinnbringend für sich nutzen kann?

Auf jeden Fall. Nehmen wir mal Verhandlungen als Beispiel. Man verhandelt viel öfter und an viel mehr Stellen, als man vielleicht denken könnte. Bei der Wirtschaftspsychologie interessiert man sich vor allem dafür, wie Verhandlungen ideal gestaltet werden können. Dazu gibt es eine nette Anekdote: Zwei Schwestern treffen sich in der Küche, und es liegt eine Orange im Obstkorb. Beide wollen die Frucht, und es bricht ein Streit aus. Sie einigen sich schließlich darauf, die Orange zu halbieren. Jeder nimmt seine Hälfte und geht. Später stellt sich jedoch heraus: Eine Schwester brauchte das Aroma der Schale, um einen Kuchen zu backen. Und die andere brauchte den Saft für eine Orangenlimonade. Am Ende hatten beide je 50 Prozent aus 100 Prozent Orange. Wenn beide aber schlau verhandelt hätten, hätten sie aus einer Orange plötzlich 200 Prozent machen können, weil beide 100 Prozent von dem bekommen hätten, was sie wollten. Das finde ich total spannend.

Da Sie selbst Psychologe sind: Würden Sie sagen, der Gewinn hat Sie auf irgendeine Art verändert?

Wenn mich das viele Geld eins gelehrt hat, dann das: Lass das mit den Plänen sein. Jeder will im Leben schnell ans Ziel kommen, wissen, wo es hingeht. Das war auch bei mir so. Aber woher wissen wir, was dieses Ziel ist? Und letztlich können wir auch nicht immer steuern, wo es hingeht. Von dieser Ungewissheit muss man sich ein Stück weit frei machen.

Am Ende Ihres Buches danken Sie Günther Jauch. Wofür eigentlich?

Ich kann verstehen, dass das komisch wirkt. Objektiv betrachtet ist es ja so: Günther Jauch hat mir die Kohle nicht bezahlt, sondern die kam von RTL. Und die Fragen musste ich alle selber beantworten, da hat mir auch niemand geholfen. Selbst wenn man als Psychologe viele Fallstricke des eigenen Kopfes kennt, ist man nicht von ihnen befreit. Subjektiv kann ich deshalb sagen: Ich fühle mich ihm verbunden, weil wir dieses Abenteuer gemeinsam erlebt haben. Er ist auch nach Münster zur Schiffstaufe gekommen, wie versprochen. Zwischen uns besteht eine besondere persönliche Beziehung, auch wenn wir jetzt keine besten Freunde sind. Und insofern bin ich ihm dankbar. Auf jeden Fall.


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