Leserfragen Kräuter gegen Krebs?


Edzard Ernst, wissenschaftlicher Berater der Serie, beantwortet die häufigsten Fragen der Leser zur Alternativen Medizin.

1. Welche Methoden der Alternativmedizin helfen gegen Schmerzen?

Es kommt auf die Natur der Schmerzen an. Bei Nervenschmerzen kann die Akupunktur aussichtsreich sein, bei rheumatisch-entzündlichen Beschwerden die Teufelskralle, ein pflanzliches Mittel. Bei schmerzhaften Durchblutungsstörungen würde ich Ginkgo biloba probieren. Bei Rückenschmerzen hat sich die Massage bewährt. Die Ansätze wirken aber nur symptomlindernd. Besser ist, die Schmerzursache zu beseitigen - wenn eine identifizierbar ist.

2. Kann die Komplementärmedizin bei Krebs helfen?

Die komplementäre Krebstherapie ist ein komplexes und heikles Thema. Klar ist: Es gibt kein Verfahren der Komplementärmedizin, welches Krebs heilt! Auch die in Deutschland so beliebte Misteltherapie tut dies wohl nicht. Dennoch haben die alternativen Methoden ihren Platz in der Krebsbehandlung, und zwar in der palliativen, also in der begleitenden Therapie. Die hat das Ziel, die Lebensqualität der Krebskranken zu erhöhen. Hier kommt eine ganze Reihe von Maßnahmen infrage, etwa Entspannungstechniken, Akupunktur oder Massage.

3. Welche Behandlungsformen sind insgesamt am erfolgversprechendsten?

Die weitaus beste Beweislage für eine Wirkung existiert derzeit im Bereich der Therapie mit pflanzlichen Wirkstoffen. Hier einige Beispiele für gut belegte Wirksamkeit:
- Teufelskralle bei Rheuma
- Mutterkraut zur Migräne-Prävention
- Knoblauch zur Cholesterin-Senkung
- Rosskastanie bei Krampfadern
- Ingwer bei Übelkeit
- Ginkgo biloba bei Durchblutungsstörungen oder Demenz
- Weißdorn bei Herzinsuffizienz
- Sägepalme bei gutartiger Prostatavergrößerung
Zumindest ermutigende Hinweise auf eine Wirksamkeit gibt es bei Akupunktur, autogenem Training, Biofeedback, Massage und Yoga.

4. Alternative Medizin gilt als harmlose Medizin ohne Nebenwirkungen. Ist sie das wirklich?

Viele Menschen wenden sich ihr zu, weil sie überzeugt sind, dass sie nebenwirkungsfrei ist. Das ist so nicht richtig. Sicher sind generell die Gefahren geringer als in der konventionellen Medizin. Wichtiger ist jedoch das Verhältnis von Risiko und Nutzen. Wenn das nicht eindeutig zugunsten des Nutzens ausfällt, ist meiner Meinung nach der Sinn einer Behandlungsform zweifelhaft. Wir brauchen also gute Belege sowohl für die Effektivität als auch für die Sicherheit aller Therapieformen.

5. Warum gibt es so wenige Studien zur Komplementärmedizin? Kann man sie nicht erforschen?

Prinzipiell entzieht sie sich sicher nicht der wissenschaftlichen Erforschung. Die konventionellen Untersuchungsmethoden sind in aller Regel anwendbar, wenn auch gelegentlich modifizierungsbedürftig. Der Hauptgrund für den relativen Mangel an Studien ist die extreme Forschungsmittelknappheit in diesem Bereich. In England etwa werden nur 0,08 Prozent des offiziellen medizinischen Forschungsbudgets in die Komplementärmedizin investiert. Auch wir sind finanziell nicht gerade großzügig ausgestattet und müssen um jedes Pfund kämpfen. Dabei würde es sich lohnen, unsere Forschungsarbeit zu unterstützen: Nur wenn der Wert der Komplementärmedizin sich mit dem allgemein akzeptierten wissenschaftlichen Standard belegen lässt, werden auch Skeptiker überzeugt. Und nur wenn diese Voraussetzung erfüllt ist, können Patienten von diesen Methoden in breitem Umfang profitieren. Im Klartext: Wir brauchen mehr Forschung auf diesem Gebiet - aber Forschung kostet Geld.

6. In letzter Zeit hört man immer häufiger von "Integrativer Medizin". Was ist das?

Der Begriff bezeichnet die Einbeziehung der Komplementär- in die konventionelle Medizin. Befürworter meinen, dass alternative Behandlungsmethoden in die medizinische Routine übernommen werden sollten, etwa weil Patienten das so wünschen. Dieser Einstellung muss ich deutlich widersprechen: Ich bin überzeugt, dass vor der Integration die wissenschaftliche Überprüfung stehen muss. Wenn die stattgefunden hat, brauchen wir keinen neuen Begriff, denn dann ist diese Medizin nichts anderes als wissenschaftlich begründete Medizin. Wenn sie nicht stattfindet, sollte man zurückhaltend bleiben: Denn Integration von Nonsens ist und bleibt Nonsens.

7. Wie kann man in der Alternativmedizin seriöse Anbieter von unseriösen unterscheiden?

Das ist häufig nicht so ganz einfach. Leider gibt es auf diesem Feld viele unseriöse Anbieter. Ich würde immer Ärzte den Nichtärzten vorziehen, aber auch das ist natürlich keine Garantie. Deswegen empfehle ich, stets alles kritisch zu hinterfragen, auf einen Therapie- und Kostenplan zu bestehen und die simple Maxime im Hinterkopf zu behalten: Wenn sich etwas so anhört, als sei es zu gut, um wahr zu sein, dann ist es das wahrscheinlich auch!

8. Ist es sinnvoll, Methoden wie Ayurveda oder Akupunktur in den Ländern anwenden zu lassen, aus denen sie stammen?

In der Praxis stellt sich die Frage, inwieweit Ruhe, Entspannung, Meditation und solche Dinge in unseren meist hektischen Lebensablauf passen. Ich denke, dass wir da häufig an die Grenzen des Machbaren stoßen. Ein bisschen Yoga am Abend bei einem ansonsten skrupellos ungesunden Lebensstil entbehrt nicht einer gewissen Lächerlichkeit.

9. Wie wirkt die Akupunktur?

Die alten Chinesen stellten sich vor, dass durch Akupunktur eine "Lebensenergie" in unserem Körper beeinflusst wird. Diese soll in Kanälen, so genannten Meridianen, auf denen die Akupunkturpunkte liegen, durch den Körper fließen. Eine schöne Philosophie, die leider den Nachteil hat, dass sie mit der Realität nicht im Einklang steht: Die Meridiane lassen sich wissenschaftlich nicht nachweisen. Es gibt jedoch einige neurophysiologische Erklärungsversuche für die Wirkung der Akupunktur, etwa dass sie die Konzentration von körpereigenen Schmerzmitteln (Endorphinen) im Gehirn erhöht.

10. In China gibt es Akupunkteure, die mit sehr langen Nadeln arbeiten. Ist das besser?

Lange Nadeln erhöhen die Verletzungsgefahr ganz eindeutig. Die schwersten Zwischenfälle bei der Akupunktur passieren dann, wenn eine Nadel in ein lebenswichtiges Organ vordringt. Schon mit Standardnadeln kann das an der Lunge und am Herzen passieren. Gott sei Dank sind derartige Ereignisse selten. Wenn wir nun aber auch noch Nadeln von außerordentlicher Länge verwenden, dann sind viele Organe des Körpers nicht mehr sicher. Hinzu kommt, dass solche Nadeln abbrechen können und der Patient dann Fragmente mit sich herumträgt, die Beschwerden verursachen können.

11. Kann ein chiropraktischer Eingriff beliebig oft wiederholt werden?

Chiropraktik beansprucht den Körper extrem. Daher wird regelmäßig von ernsten Zwischenfällen berichtet. Die Anbieter neigen dazu, extrem lange Therapieserien zu empfehlen, nicht zuletzt, weil dies ihrem Bankkonto gut tut. Dies ist aber aus mehreren Gründen bedenklich - etwa weil eine chronische Überbeanspruchung der behandelten Gelenke auch schädliche Folgen haben könnte. Außerdem ist nicht hinlänglich bewiesen, dass Marathontherapien wirksamer sind als kürzere Behandlungsserien.

12. Was genau ist Reiki?

Reiki ist eine Variante der "Geistheilung", die aus Tibet kommt und über Japan auch im Westen bekannt wurde. Sie soll dem Patienten "Energie" zuführen und so einen Heilungsprozess einleiten. Diese "Energie" wurde nie genauer definiert. Sicher ist nur, dass es nicht die Art von Energie ist, wie sie in der Physik verstanden und gemessen wird. Reiki-Therapeuten können ziemlich sicher mit enormen Placeboeffekten rechnen. Ob darüber hinaus noch etwas anderes abläuft, wage ich aufgrund der heute zu Verfügung stehenden Datenlage zu bezweifeln.

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