Lexikon Das Wörterbuch der Schamanen


Trancereisen, Heilrituale, geheimnisvolle Drogen - was macht den Kern der Heilkunde der Naturvölker aus?

Animismus

Das schamanische Weltbild ist animistisch: Die ganze Natur wird als beseelt erlebt. Nach dieser Vorstellung kann ein Schamane im veränderten Bewusstseinszustand mit Tieren, Pflanzen oder gar mit Steinen kommunizieren. Der Kosmos wird als großer Organismus verstanden, in dem alle Dinge miteinander verbunden sind

Ayahuasca

Das Wort bedeutet "Liane der Seelen" und bezeichnet zum einen die Riesenschlingpflanze Banisteriopsis caapi, zum anderen einen stark psychoaktiven Trank, den die Schamanen der Amazonasindianer vor allem aus der Rinde der Liane und dem Chacruna-Kraut (Psychotria viridis) herstellen. Der darin vorkommende halluzinogene Wirkstoff Dimethyltryptamin (DMT) kann durch die Kombination mit dem Lianenwirkstoff Harmin ungehindert ins Gehirn gelangen. Er löst etwa zwei Stunden lang intensive Visionen aus. Für die Schamanen ist es eine Reise in die "wahre Wirklichkeit". Sie ergründen in diesem veränderten Bewusstseinszustand Krankheitsursachen, versuchen, in die Zukunft zu blicken oder schwarze Magie zu bekämpfen

Core-Schamanismus

Der amerikanische Anthropologe Michael Harner hat nach dem Studium verschiedener Naturvölker ein System zum Erlernen grundlegender schamanischer Methoden entwickelt. Im Vordergrund stehen dabei durch Trommeln und Tanzen eingeleitete Trancereisen. Dieses auf die Kernelemente ("Core") des Schamanismus reduzierte Ausbildungsprogramm nennt Harner Core-Schamanismus. Er will den Schamanismus, losgelöst vom ursprünglichen kulturellen Zusammenhang, auch für die Menschen in den naturfernen High-Tech-Gesellschaften wieder zugänglich machen. Manche Psychotherapeuten nutzen die so vermittelten Techniken inzwischen im Rahmen ihrer Behandlung

Deklaration von Belem

Der 1988 in der brasilianischen Stadt Belem abgehaltene erste internationale Kongress über Ethnobiologie verabschiedete eine Liste von Forderungen zum Schutz der biologischen Artenvielfalt und der Naturvölker:
- Traditionelle Heiler und Kräuterkundige sollen bei allen Projekten, die deren Lebensgrundlagen und Umgebung betreffen, konsultiert werden.
- Für die Nutzung des Wissens und der Ressourcen von Naturvölkern muss es Richtlinien und Mechanismen zur Kompensation geben.
- Die Fähigkeiten traditioneller Heiler sollen allgemein respektiert, geschützt und gefördert werden.
- Wissenschaftler sollen die Resultate ihrer ethnobotanischen Forschung an die traditionellen Gemeinschaften zurückgeben, mit denen sie zusammengearbeitet haben.
- Ein wesentlicher Teil der Entwicklungshilfe soll für den Schutz, die Inventarisierung und das Management ethnobotanischer Ressourcen eingesetzt werden.
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat sich diesen Forderungen inzwischen weitgehend angeschlossen

Dreiweltenmodell

In der Vorstellung der meisten schamanischen Kulturen existieren mehrere, sich gegenseitig durchdringende Realitätsebenen: eine untere, eine mittlere und eine obere Welt. Im Alltagsbewusstsein befindet sich der Mensch auf der mittleren Ebene. Von dort gibt es Verbindungen zu den anderen Dimensionen, beispielsweise Felsspalten, Höhlen, Teiche oder Bäume. Im Trancezustand werden die "anderen Wirklichkeiten" über diese imaginären Verbindungsstellen "bereist"

Ethnopharmakologie

ist die fachübergreifende Erforschung von Pflanzen, Tieren und anderen Naturprodukten, die in traditionellen Gesellschaften (überwiegend bei Naturvölkern) als Arzneien, Nahrungsmittel oder Gifte Verwendung finden. Ethnobotanik ist ein Unterbegriff. Dieser wissenschaftliche Zweig beschäftigt sich mit den in solchen Kulturen genutzten Pflanzen

Fetisch

Gegenstand, der durch einen auf ihn gelegten Zauber schützen, helfen und heilen soll. Die Verwendung von Fetischen ist vor allem in Westafrika weit verbreitet. Die Besitzer tragen die Objekte meist bei sich. Es handelt sich entweder um kleine Figuren aus Holz, Knochen und Ton oder um "heilige Bündel", die magische Zutaten wie Zähne, Felle und Steine enthalten

Ibogawurzel

Die Zauberpflanze der Pygmäen, Tabernanthe iboga, ist eines der wenigen afrikanischen Halluzinogene. Sie wird im christlich-animistischen Bwiti-Kult des westafrikanischen Fang-Stammes als "Baum der Erkenntnis" angesehen. Dieser stamme, so der Glaube, direkt aus dem Garten Eden. Durch ihn könnten die Menschen Gott und die Welt erkennen. In geringerer Dosierung wird die Droge in der traditionellen Medizin unter anderem gegen Nervenschwäche, gegen Zahnschmerzen und als Aphrodisiakum eingesetzt

Ritual

Nach speziellen Regeln exakt festgelegter Ablauf für die Handlung einer Person oder einer Gruppe mit religiöser oder magischer Zielsetzung. Im Schamanismus gibt es vor allem Rituale zur Rei-nigung, Heilung, Initiation oder bei einer äußeren Bedrohung der Gemeinschaft durch eine Naturkatastrophe oder einen Krieg

Schamane

Der Begriff stammt vermutlich aus dem Tungusischen, der Sprache der in Sibirien lebenden Ewenken. "Shaman" bedeutet "jemand, der erregt, bewegt, erhoben ist". Schamanen leben meist in traditionellen Gemeinschaften, die eine enge Beziehung zur Natur pflegen. Mit Hilfe von Tanz, rhythmischer Musik (v. a. Trommeln) oder Drogen versetzen sie sich in Trance. In diesem Bewusstseinszustand versuchen sie, übersinnliche Erkenntnisse zu gewinnen (zum Beispiel über den Gesundheitszustand ihres Patienten) oder böse Geister zu bannen. Der Schamanismus ist keine Religion, sondern eine magisch-ekstatische Praxis, die in vielen Teilen der Welt vorkommt - vor allem in Sibirien, der Mongolei, Nepal, Australien, Nord- und Südamerika, aber auch in manchen Regionen Afrikas. Die Wurzeln des Schamanismus reichen bis in die Jungsteinzeit zurück

Schamanische Behandlungsmethoden

- Verabreichung von Heilmitteln
(Kräuter, Steine, Amulette, Fetische etc.)
- Diätvorschriften
- begleitete Trancereisen
- Handauflegen
- Massagen
- Musiktherapie
- kollektive Heilrituale
- Opferhandlungen
- Zaubersprüche
- Weissagungen
- Enthexung
- Exorzismus

Traditionelle Medizin

Nach der Definition der Weltgesundheitsorganisation (WHO) die Gesamtheit an Kenntnissen, mit deren Hilfe sich körperliche, geistige oder soziale Störungen feststellen und beseitigen lassen und die nur auf Erfahrungen und Beobachtungen basieren, die mündlich oder schriftlich von Generation zu Generation weitergegeben wurden. Dabei spielt es keine Rolle, ob die Wirksamkeit wissenschaftlich erklärbar ist oder nicht. Traditionelle Medizin schließt ein breites Spektrum ein, von der Kräuterheilkunde über manuelle Therapien bis hin zu spirituellen Praktiken, bei denen mit der vermeintlichen Unterstützung durch übernatürliche Kräfte geheilt wird

Trance

Von den Erfahrungen veränderter Körper- und Zeitwahrnehmung beim autogenen Training über Hypnose und religiöse Ekstase bis hin zur Besessenheitstrance, bei der scheinbar ein fremder Geist Besitz von einem Tänzer oder einer Tänzerin ergreift, reicht das breite Spektrum von Trancezuständen. Körper und Umgebung werden darin anders erlebt als im normalen Alltagsbewusstsein. Trance ist fast immer mit einer tiefen Entspannung, einem Gefühl des Sich-gehen-Lassens, verbunden. Das Denken verändert sich, wird gefühlsbetonter, bildreicher, traumhafter. Häufig tritt ein bestimmter Wahrnehmungsaspekt in den Vordergrund, hinter den alle anderen zurücktreten. Trance lässt sich durch rhythmische Musik, Tanz, spezielle Körperhaltungen, Meditationstechniken oder durch halluzinogene Drogen auslösen

Volksmedizin

Gesamtheit der Behandlungsmethoden für häufige und relativ harmlose Leiden. Sie umfasst die so genannten Hausmittel wie Umschläge, Kräutertees oder spezielle Verhaltensregeln

Zauberei und Magie

Irrationale Praktiken, mit denen ein Mensch seinen eigenen Willen auf die Umwelt (z. B. Fruchtbarkeit statt Dürre) oder andere Menschen (z. B. Heilung oder Fluch) übertragen will. Die Ausübung von Magie ist häufig mit einer bestimmten religiösen Weltanschauung verwoben und strebt nach der Unterstützung durch übernatürliche Kräfte (z. B. Geister oder Dämonen). Schwarze Magie hat die Schädigung eines Einzelnen oder einer Gruppe zum Ziel. Bei weißer Magie ist eine schädigende Absicht prinzipiell ausgeschlossen


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