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Betrug: Spender hatte Schizophrenie - Familien verklagen Samenbank

Mindestens 36 Kinder wurden aus dem Sperma eines Mannes gezeugt, den die Samenbank als fast perfekt anpries. Dann fanden die Familien heraus, dass der Spender psychisch schwer krank war - und vorbestraft.

Ein Samenspender in Kanada machte bei einer Samenbank falsche Angaben (Symbolbild)

Ein Samenspender in Kanada machte bei einer Samenbank falsche Angaben (Symbolbild)

Er machte den Eindruck eines perfekten Mannes: Spender 9623 wurde in der Kartei der kanadischen Samenbank "Xytex" als fast makellos beschrieben. IQ von 160. Doktorand der Neurowissenschaften. International angesehener Schlagzeuger. Ähnlichkeit mit Hollywod-Schauspieler Tom Cruise. Und: Extrem gesund. Keine körperlichen oder psychischen Krankheiten.

Ein Traum für mehrere Frauen, die sich ihren Kinderwunsch mithilfe einer Samenspende erfüllen wollten. Mindestens 36 Kinder sollen aus dem Sperma des Mannes gezeugt worden sein, in Kanada, den USA und Großbritannien, wie der "Toronto Star" berichtet. Doch das Glück ist für viele der Familien mittlerweile zu einem Alptraum geworden: Spender 9623 war nicht der, der er vorgab, zu sein. Kein Doktorand - und vor allem nicht rundum gesund.

Der 39-Jährige litt an paranoider Schizophrenie, wie sich herausstellte. Er soll zudem ein verurteilter Straftäter sein, wegen Hauseinbruchs im Gefängnis gesessen haben Drei kanadische Familien sind nun vor Gericht gezogen: Sie verklagen "Xytex" auf einen Schadensersatz von 15,4 Millionen kanadischer Dollar.  

Eine E-Mail deckte die Lüge auf

Die Kläger haben jeweils ein Kind von Chris A., im Alter von vier, sechs und acht Jahren. In der Klageschrift, die dem "Toronto Star" vorliegt, wird der Samenbank vorgeworfen, das Sperma von Chris A. weiterhin verkauft zu haben, auch, nachdem die Mitarbeiter darüber informiert worden seien, wer er wirklich ist. "Sollte sich das bewahrheiten, ist der Fall nicht mehr nur schockierend, sondern skandalös", sagte der Anwalt der Familie demnach.

Die Wahrheit über den Samenspender kam im Jahr 2014 ans Licht. In einer E-Mail von "Xytex" wurde versehentlich der Name des Mannes genannt. Die Frauen begannen, im Internet über seine Person zu recherchieren - und fanden heraus, dass Chris A. nicht der Mensch ist, den sie sich vorgestellt hatten. 

Sie habe Panik bekommen, sagte Klägerin Angie Collins. Je länger sie recherchiert habe, "desto schlimmer wurde es". Die 45-jährige Lehrerin, die in einer gleichgeschlechtlichen Partnerschaft lebt, fürchtet, dass sich das Leben ihres achtjährigen Sohnes "irgendwann schlagartig ändern könnte".

Schizophrenie und Gefängnisstrafe

Chris A. soll nicht nur an Schizophrenie und Wahnvorstellungen gelitten haben. Ärzte hätten bei ihm auch eine bipolare Störung und narzisstische Persönlichkeitsstörung diagnostiziert, heißt es.

Im Jahr 2005 soll er in eine Wohnung eingebrochen sein und dafür acht Monate im Gefängnis gesessen haben. Auch vorher sei er diverse Male mit dem Gesetz in Konflikt geraten, heißt es in der Anklage.

Ihre Wut richte sich nicht so sehr gegen Chris A., sagte Angie Collins. "Er hätte nicht tun dürfen, was er getan hat, aber das große Problem liegt nicht bei ihm", sagte sie dem "Toronto Star". "Es liegt bei den Firmen, die ihm erlaubt haben, zu spenden, und seine Spenden verkauft haben."

Samenspender musste Identität nicht belegen

Laut Anklage musste Chris A. seine Identität nicht belegen, als er sich als Samenspender meldete. Angie Collins kämpft nun dafür, dass Samenbanken ihre Spender besser kontrollieren, etwa mit medizinischen Untersuchungen und Überprüfung des Strafregisters.

Das Profil von Spender 9623 ist auf der Webseite von "Xytex" noch immer vorhanden. In einer Notiz heißt es jedoch: "Dieser Spender ist in unserem Programm nicht mehr aktiv." Die Samenbank schlägt drei alternative Spender vor, die "ähnlich" seien.

Klägeranwältin Nancy Hersh zufolge planen weitere Familien, Klage einzureichen.

Kim Schwarz

Wissenscommunity