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M. Brinkmann: Die Welt der Viren Coronavirus und Aerosole: Warum Heizungsluft im Winter zum Problem werden kann

Melanie Brinkmann über Coronavirus-Situation in Herbst und Winter
"Die Lage ist heute anders als vor dem Lockdown"
© BlackJack3D / Getty Images
Der Virologin Melanie Brinkmann bereiten die aktuellen Infektionszahlen mit Blick auf Herbst und Winter Sorgen: "Das Virus steht in den Startlöchern", sagt sie. Im Interview erklärt sie auch, warum Mindestabstände nicht immer vor einer Infektion schützen und wie kleine und beheizte Innenräume zum Infektionsrisiko werden können.

In Deutschland sind die Infektionszahlen mit dem Coronavirus zuletzt wieder gestiegen – "zu früh, zu hoch", sagte der bayerische Ministerpräsident Markus Söder kürzlich auf einer Pressekonferenz. Wie bewerten Sie die aktuellen Zahlen?

Die derzeitige Entwicklung der Infektionszahlen in Deutschland, vor allem aber auch in anderen europäischen Ländern wie Spanien und Frankreich, ist besorgniserregend. Ja, wir haben viel getestet über den Sommer und "sehen" dadurch auch mehr Infizierte, aber die Positivrate ist leider auch gestiegen, sprich: Wir haben tatsächlich mehr Menschen, die infiziert sind. Auffallend ist dabei, dass sich deutlich mehr jüngere Menschen als noch vor ein paar Wochen unter den positiv Getesteten befinden, wohingegen die Zahl bei den über 60-Jährigen weitestgehend konstant geblieben ist. Dies ist durch vielerlei Dinge zu erklären: Junge Menschen haben in der Regel viele Kontakte und sind generell etwas risikobereiter. Hinzu kommt, dass Covid-19 bei ihnen in der Regel nicht schwer verläuft und sie somit sorgloser sind. Ältere Menschen hingegen sind generell etwas vorsichtiger, haben weniger Kontakte, und wir haben in den vergangenen Monaten viele Maßnahmen eingeführt, um die älteren Bevölkerungsgruppen besser zu schützen. Die höhere Zahl an jüngeren Menschen unter den Infizierten erklärt auch, warum wir bislang keinen Anstieg der Todeszahlen sehen, der sowieso erst mit einer Verzögerung von circa acht Wochen nach dem Anstieg der Infektionszahlen erkennbar wird. Laut Zahlen aus Spanien liegt die Sterblichkeit bei den über 80-Jährigen bei etwa sieben Prozent, bei den unter 40-Jährigen dagegen bei weniger als 0,07 Prozent. Das Problem ist aber: Das Virus wird nicht unter den Jüngeren bleiben, es wird über kurz oder lang von den Jüngeren in die älteren Bevölkerungsgruppen eingetragen werden.

Melanie Brinkmann: Die Welt der Viren
Melanie Brinkmann ist Helmholtz-Virologin, Corona-Expertin und Professorin an der TU Braunschweig. Aktuell forscht sie daran, wie unser Immunsystem auf die Infektion mit dem Sars-Coronavirus-2 reagiert und wie dieses Virus es schafft, die Reaktion der Immunabwehr geschickt zu umgehen. Als stern-Stimme ordnet die Wissenschaftlerin aktuelle Themen rund um das Coronavirus ein – aber auch darüber hinaus. Was bedeuten lokale Ausbrüche für das Infektionsgeschehen? Was passiert eigentlich gerade in den Fleischfabriken? Wann könnte es einen Impfstoff geben? Und wie wappnen wir uns für den kommenden Winter, wenn neben Coronaviren auch wieder die Influenzaviren kursieren?

Die Neu-Infektionszahlen sind in Deutschland in den letzten Wochen zwar angestiegen, seitdem scheinen sie aber auf einem Niveau von etwa 1500 Fällen pro Tag zu stagnieren – weit entfernt von einem exponentiellen Wachstum. "Wozu die Sorge?", denkt sicher mancher. 

Die Lage ist heute anders als vor dem Lockdown. Im Februar und März hatten wir sogenannte Hotspots in Deutschland, also Orte mit hohen Infektionszahlen, wie zum Beispiel Heinsberg. Die Krankenhäuser in diesen Regionen hatten viel zu tun, aber zum Glück gab es keine überfüllten Kliniken, und man hätte auch die Möglichkeit gehabt, auf benachbarte, weniger stark betroffene Standorte auszuweichen. Es ist uns durch unser Verhalten und den Lockdown gelungen, dass sich diese Hotspots nicht weiter ausgebreitet haben. Aktuell stehen wir vor einer neuen Situation: Die Infektionen sind breitflächig über ganz Deutschland verteilt, nur noch wenige Landkreise melden keine neuen Infektionen. Mitte Juni gab es 139 Landkreise ohne Neuinfektionen, Anfang September waren es nur noch 20. Hinzu kommt, und das ist meine größte Sorge: Der Sommer neigt sich dem Ende zu, es wird kühler und wir halten uns wieder vermehrt in Innenräumen auf – zum Herbst und Winter hin fast ausschließlich. Wir wissen mittlerweile, dass das Risiko einer Ansteckung mit Sars-CoV-2 in schlecht belüfteten Innenräumen deutlich höher ist als in Außenbereichen.

Was also tun? Bei Minusgraden lässt sich Weihnachten im Kreis der Familie schlecht im Garten feiern.

Feiern im kleinen Kreis sind ja kein Problem – problematisch wird es, wenn viele Menschen auf engem Raum zusammenkommen. Wir können bereits jetzt Schutzmaßnahmen ergreifen: Abstand halten, Kontakte mit Mitmenschen auf das Nötigste reduzieren, einen (gut sitzenden) Mund-Nasen-Schutz tragen, besonders vulnerable Bereiche wie Altenheime sehr gut schützen, raumlufttechnische (RLT-) Anlagen mit 100% Frischluft laufen lassen, und dort wo es keine RLT-Anlagen gibt – was ja eher die Regel ist – regelmäßig und ausreichend (je nach Raumgröße und Personenzahl) lüften. Mittlerweile hat die Wissenschaft neue Erkenntnisse, die stark darauf hindeuten, dass ein Infizierter andere Menschen über deutlich weitere Entfernungen als den Mindestabstand von 1,5 Metern infizieren kann. Es müssen jetzt auch dringend technische Lösungen gefunden werden, um eine gute Raumlufthygiene zu gewährleisten.

Wie überträgt sich das Virus über weitere Distanzen?

Der Mindestabstand dient vor allem dem Schutz vor größeren infektiösen Tröpfchen, die beim Husten, Sprechen und Niesen entstehen und rasch zu Boden sinken. Die Feuchtigkeit der Tröpfchen beginnt aber auch, sobald sie aus dem Mund austreten, zu verdunsten. Dadurch werden sie kleiner, leichter, und sinken langsamer zu Boden oder schweben, sobald sie leicht genug sind, auch in der Luft. Dann sprechen wir von Aerosolen. Wenn dann im Winter noch die Heizungsluft dazu kommt, trocknen die Tröpfchen rascher aus als im Sommer und erreichen ihren Schwebezustand dementsprechend schneller. Aerosole verteilen sich durch Luftbewegungen im Raum – dies ist besonders effizient, wenn viele Menschen im Raum sind, die sich bewegen. Ist der Raum groß, und wird ausreichend Frischluft zugeführt, so haben wir einen Verdünnungseffekt, und eine Ansteckung mit Viren aus der Luft ist relativ unwahrscheinlich. Kommen aber mehrere ungünstige Faktoren zusammen wie ein kleiner Raum mit wenig Luftvolumen, keine oder nur wenig Frischluftzufuhr, und ein längerer Aufenthalt in solch einem Raum, dann steigt das Ansteckungsrisiko um ein Vielfaches. Wenn dann noch viel gesprochen, gar gesungen oder Sport getrieben wird, und das noch ohne Mund-Nasen-Schutz, dann sammeln sich über die Zeit virusbeladene Aerosole im Raum an und das Virus findet seinen Weg zum nächsten Menschen – perfekte Bedingungen für ein sogenanntes Superspreading-Ereignis, bei dem viele Menschen in einem ganz kurzen Zeitraum angesteckt werden können. Deshalb sind Partys ja auch so kritisch. Und deshalb ist es so wichtig, dass wir uns weiterhin disziplinieren, auch wenn es schwerfällt. Wir werden nie alle überzeugen können, aber je mehr von uns sich an die AHA-Regeln halten, desto besser behalten wir die Kontrolle über dieses Virus.

Corona: Gesichtsschild oder Mundschutz: Was taugen die Masken und Ihre alternativen?

Können Alltagsmasken vor Aerosolen schützen?

Alltagsmasken können uns nicht perfekt vor einer Ansteckung durch Aerosole schützen, denn wir können die virusbeladene Luft beispielsweise durch die seitlichen Öffnungen einatmen. Deshalb ist es auch so wichtig, dass die Masken möglichst eng am Gesicht anliegen und Mund UND Nase bedecken. Sie helfen aber sehr wohl bei der Reduktion des Übertragungsrisikos: Denn die größeren Tröpfchen, die ich beim Sprechen, Husten etc. von mir gebe, kann die Maske weitestgehend zurückhalten, also vermindere ich auch die Menge an Aerosolen, die ich ausscheide. Es gilt: Auch wenn die Maske nicht alle Infektionen verhindern kann, so kann sie das Infektionsrisiko doch deutlich reduzieren, und das ist schon sehr viel wert und kann der Infektionsdynamik den Wind aus dem Segel nehmen. Das Virus ist über den Sommer leider nicht verschwunden und steht sozusagen in den Startlöchern. Wir haben es selbst in der Hand, wie sich die Infektionszahlen in der kommenden kalten Jahreszeit entwickeln werden, in der uns noch kein Impfstoff zur Verfügung stehen wird. Was uns nicht passieren darf ist, dass die Zahl der Neuinfizierten exponentiell ansteigt. Es muss uns gelingen, den Deckel auf dem – im Moment nur leicht köchelnden – Topf zu halten. 

Interview: Ilona Kriesl

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