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Nabelschnurblut: Geschäft mit der Angst

Eltern zahlen viel Geld für das Einfrieren von Nabelschnurblut, um ihr Kind im Falle einer schweren Krankheit damit heilen zu können. Fragwürdig, sagen Experten.

Kendrick Stahn, zwei Jahre alt, hat eine besondere Lebensversicherung. Sie liegt in einem Stickstoff-Tank in Leipzig, eingefroren bei minus 196 Grad. Unmittelbar nach Kendricks Geburt, am späten Abend des 26. Juni 2004, zapfte ein Arzt der Berliner Charité Blut aus seiner Nabelschnur in einen Plastikbeutel. Ein Kurier brachte es nach Sachsen zur Firma Vita34, wo es aufbereitet und konserviert wurde. 16 Stunden nach der Entbindung lag der Beutel bereits in einer Metallkassette neben 1300 weiteren Nabelschnurblut-Präparaten im Tank. Dort soll er mindestens 20 Jahre lang bleiben.

Kendricks Mutter Simona Stahn hatte vom Frauenarzt gehört, dass die Stammzellen aus dem Nabelschnurblut vielleicht einmal dabei helfen könnten, ihren Sohn von Krebs oder Diabetes zu heilen. Möglicherweise sei man eines Tages sogar in der Lage, eine Querschnittslähmung damit zu behandeln und Herzmuskulatur, Hirn- und Bauchspeicheldrüsengewebe daraus zu züchten, werben Unternehmen, die Nabelschnurblut für die Eigennutzung aufbewahren. Deshalb haben weltweit inzwischen rund 1,3 Millionen Mütter ihr Plazentarestblut für ihren Nachwuchs einfrieren lassen. In Deutschland sind es mehr als 50.000, drei Viertel davon wählten dafür den Marktführer Vita34 - Umsatz 2005: 10,2 Millionen Euro. Pro Jahr kommen etwa 8.000 Aufträge hinzu, Tendenz steigend.

Nicht mehr embryonal, aber auch noch nicht völlig adult

Wie wahrscheinlich die meisten Kunden glaubt auch Simona Stahn, die knapp 2000 Euro, die das Ganze gekostet hat, seien gut investiert. Und tatsächlich ist Plazentarestblut oder kurz CB (Cord blood, englisch für Nabelschnurblut) ein ganz besonderer Saft. Man kann daraus kostengünstig und schmerzlos Stammzellen gewinnen, die nicht mehr embryonal, aber noch nicht völlig "adult" sind - wie etwa die Stammzellen aus dem Knochenmark erwachsener Menschen. Die Stammzellen des Nabelschnurbluts können sich also noch zu verschiedenen Zelltypen entwickeln, vor allem zu blutbildenden.

Zellen aus gespendetem - also nicht eigenem - Nabelschnurblut werden heute bereits tausendfach erfolgreich transplantiert. Eingesetzt werden sie bei Leukämie, Erkrankungen des blutbildenden Systems, genetischen oder Stoffwechselerkrankungen. In den fünf öffentlichen Nabelschnurblutbanken in Deutschland (siehe Kasten) können Patienten aus aller Welt nach passenden Spender-Präparaten suchen - allein in der Universitätsklinik Düsseldorf lagern rund 11.000, knapp 370 wurden bislang transplantiert.

Kranke Gene sind auch im Nabelschnurblut enthalten

Bei allen Krankheiten, die man heute in Deutschland mit Nabelschnurblut behandeln kann, werden ausschließlich allogene - also fremde - Präparate eingesetzt. Kein eigenes Blut. "Denn dieses trägt den Defekt in vielen Fällen wahrscheinlich schon in sich", sagt Gesine Kögler, Professorin und Leiterin der Düsseldorfer Stammzellbank. In den weltweit 20 bekannten Fällen, in denen eigenes Nabelschnurblut verwendet wurde, hätte man auch andere Stammzellpräparate nehmen können, sagt Kögler.

Anders als fremdes "Normalblut" ist Nabelschnurblut von anderen Menschen immunologisch sehr verträglich, seine Merkmale müssen also nicht komplett identisch sein mit denen des Empfängers. Manchmal ist eine gewisse Abwehr des Patienten gegen die fremden Zellen sogar erwünscht - bei akuter Leukämie etwa, einer der häufigsten Krebsarten bei Kindern. So sollen Krebszellen getötet werden, die die Chemotherapie überlebt haben. Bei eigenen Zellen passiert das nicht.

Die besten Spender sind enge Verwandte. Bei Geschwistern etwa stimmen die Gewebemerkmale im Blut in einem von vier Fällen überein. So auch bei Jan und Arne Hömme aus Niedersachsen. Der heute sechs Jahre alte Jan brauchte wegen einer seltenen Bluterkrankung neue Stammzellen. Die Mutter war wieder schwanger - so bot es sich an, das Nabelschnurblut des kommenden Kindes als Rettung für den großen Bruder aufzubewahren. Als Arne im Februar 2005 auf die Welt kam, fror man sein Nabelschnurblut gleich ein. Es passte tatsächlich zu Jans Blut. Im September wurde es übertragen. Allerdings mussten die Ärzte Knochenmarksflüssigkeit dazunehmen, weil die Stammzellen aus der Nabelschnur allein nicht ausgereicht hätten, sagt Professor Karl Welte, Leiter der Abteilung für Pädiatrische Hämatologie und Onkologie der Medizinischen Hochschule Hannover. "Notfalls wäre es auch mit dem Knochenmark allein gegangen." Vita34 wirbt trotzdem mit diesem Fall, weil das Blut dort konserviert wurde. Allerdings braucht man für eine solche gerichtete Spende eigentlich keine Fremdfirma. Die Stammzellen könnten bis zur Transfusion auch gleich im Krankenhaus gelagert werden.

Mit Nabelschnurblut-Stammzellen sollen einmal Hirnzellen gezüchtet werden

"Abgesehen von solchen Geschwisterfällen ist es in der Regel sinnvoller, Nabelschnurblut einer Spenderblutbank zur Verfügung zu stellen, denn dort sind die Chancen größer, dass es einen Empfänger findet", sagt Welte. Für den Fall, dass eine Mutter das Blut gespendet hat und es später für ein weiteres Kind braucht, gibt die Blutbank es auch wieder heraus, wenn es noch nicht abgerufen wurde - und die Chance dafür ist groß.

Befürworter der Eigenblut-Einlagerung argumentieren, in Zukunft könne man damit vielleicht Hirnschäden behandeln. Mit Nabelschnurblut-Stammzellen von Mäusen wird bereits Hirngewebe gezüchtet. "Wenn die Medizinforschung so weit ist, kann sie das auch mit Stammzellen aus Knochenmark", sagt dagegen Professor Marcell Heim, Leiter des Instituts für Transfusionsmedizin der Universität Magdeburg. Oder mit fremden Stammzellen. "Dafür muss man kein eigenes Nabelschnurblut auf gut Glück einfrieren."

Dienstleistung ohne realen Nutzen

Heims Zweifel am Nutzen der Einlagerung für den Eigenbedarf fangen schon bei der Technik an. "Das konservierte Nabelschnurblut ist vielleicht gar nicht mehr einsatzfähig, wenn es doch mal gebraucht wird." Die Medizin hat noch keine 20 Jahre Erfahrung mit tiefgefrorenen Blutbeuteln. Vita34 verweist als Antwort auf das Fraunhofer-Institut für Biomedizinische Technik: Kryokonservierte biologische Materialien seien "perspektivisch" jahrhundertelang problemlos haltbar.

"Da geht es mehr um kommerzielle Interessen als um irgendetwas anderes", glaubt der renommierte Krebsforscher Anthony Ho von der Universität Heidelberg. Die unabhängige Ethik-Beratergruppe der EU-Kommission (EGE) äußert sogar "ernste ethische Bedenken" gegen die Anbieter individueller Nabelschnurblut-Einlagerung: "Sie verkaufen eine Dienstleistung, die derzeit keinen realen Nutzen in Bezug auf therapeutische Möglichkeiten hat."

Zu schade zum Wegwerfen

Wie Simona Stahn hören viele Kundinnen von dieser Dienstleistung bei ihren Frauenärzten - die dabei womöglich nicht ganz uneigennützig handeln. Vita34 etwa zahlt Ärzten 45,58 Euro Beratungshonorar für jede Frau, die sich für ihren Service entscheidet. Der Stammzellforscher Peter Wernet von der Universität Düsseldorf kann das Verhalten der Gynäkologen nicht verstehen: "Die Richtlinien der Bundesärztekammer weisen bis heute nicht eine einzige medizinische Indikation dafür aus", sagt er. "Das ist so, als wenn Ihnen jemand ein Grundstück auf dem Mond verkauft und sagt, in 20 Jahren könnten Sie vielleicht ein Haus darauf bauen."

Trotz allem: Dass Nabelschnurblut-Stammzellen ein großes Potenzial bergen und zu schade zum Wegwerfen sind, darin sind sich die Experten einig. Sie ermuntern Eltern, das Blut zu spenden - für öffentliche Nabelschnurblutbanken oder die Forschung.

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Polly Schmincke/print