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Germanwings-Absturz Angehörige der Opfer erleben "unglaubliches Gefühlsgewitter"


Der Co-Pilot hat die Germanwings-Maschine absichtlich abstürzen lassen: Für die Angehörigen ist diese Nachricht ein zusätzlicher Schock. Vor ihnen liegt ein langer Trauerprozess, sagen Experten.

Die Meldung ist für die Angehörigen ein weiterer Schock: Der Co-Pilot des in den Alpen zerschellten Germanwings-Flugzeugs hat die Maschine nach Angaben der französischen Justiz offenbar bewusst abstürzen lassen. "Das stößt die Angehörigen in ein unglaubliches Gefühlsgewitter", sagt die Traumaexpertin Isabella Heuser von der Berliner Charité. "Das ist nochmal schlimmer als ein Unglück, das durch menschliches oder technisches Versagen verursacht wurde."

Seit der Airbus am Dienstag auf dem Flug von Barcelona nach Düsseldorf in einem unzugänglichen Gebiet in den französischen Alpen abstürzte, stehen den Angehörigen Notfallseelsorger und Notfallpsychologen zur Seite. 150 Menschen sind tot, 72 davon waren Deutsche. "Das ist ein absolut traumatisches Erlebnis für die Angehörigen", sagt Heuser. Eine "normale Trauerarbeit" ist nach Ansicht der Direktorin der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie kaum möglich.

Langer Trauerprozess

Auch der Traumaexperte Georg Pieper, der bereits Opfer und Angehörige nach der ICE-Katastrophe von Eschede und dem Amoklauf am Erfurter Gutenberg-Gymnasium betreute, geht von einem langen Trauerprozess aus. Normalerweise sei die Beerdigung ein "erster Abschluss, ein erster Ruhepunkt", bevor die nächste Trauerphase beginne. Im Fall des abgestürzten Germanwings-Fliegers wird es aber vermutlich lange dauern, bis die Identifizierung der Opfer abgeschlossen ist.

Zusätzlich belastend ist, dass die Angehörigen nicht richtig Abschied nehmen können. "Sie können ihre Liebsten nicht sehen und nochmal berühren und damit den Tod begreifen", sagt die Notfallpsychologin Marion Menzel, die zum Kriseninterventionsteam des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) gehört. Unglücke wie Flugzeugabstürze seien für Menschen ohnehin schwerer zu begreifen als Naturkatastrophen wie etwa ein Tsunami, die ja erklärbar sind. Zudem werde bei Abstürzen die wahre Ursache vielleicht nie hundertprozentig aufgeklärt.

Ein kleiner Trost

Seit Donnerstag sind die Ermittler der Antwort zumindest etwas näher gekommen. Der deutsche Co-Pilot des Germanwings-Airbus soll den Sinkflug der Maschine bewusst eingeleitet haben, als er allein im Cockpit saß. Den Flugkapitän soll er nicht mehr ins Cockpit gelassen haben. Hinweise auf einen terroristischen Hintergrund sehen die Ermittler derzeit nicht. Sie werden nun das Umfeld des Co-Piloten abklopfen und dabei auch der Frage nach einem möglichen Suizid nachgehen.

Für die Angehörigen der Opfer sei es immer erleichternd zu wissen, was passiert ist, meint Heuser. "Es ist immer noch besser, einen schrecklichen Grund zu haben, als gar keinen Grund." Für die Betroffenen könne es gut sein, wenn der erste Schock nach dem Absturz nun in Wut umschlage. "Wut richtet sich nach außen und nicht nach innen."

Auf jeden Fall haben die Angehörigen noch einen langen Weg vor sich. Sie fühlten sich hilflos und erlebten eine Art "Stellvertretertrauma". Dass die Insassen des Airbus nach Angaben der französischen Ermittler den bevorstehenden Absturz wohl erst "im allerletzten Moment" bemerkt haben, ist für manche vielleicht ein kleiner Trost.

Andrea Hentschel/AFP AFP

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