Neue Chirurgie Operation durchs Schlüsselloch

OPs könnten unblutiger werden, wenn Chirurgen mehr natürliche Körperöffnungen nutzen
OPs könnten unblutiger werden, wenn Chirurgen mehr natürliche Körperöffnungen nutzen
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Gallenblasen durch die Scheide, Hirntumore durch die Nase, Blinddärme durch den Mund - Chirurgen nutzen zunehmend natürliche Körperöffnungen für Operationen. Die Vorteile liegen auf der Hand: weniger Schmerzen, schnellere Genesung, keine Narben. Doch es gibt auch Nachteile.

Der vierjährige Junge auf dem Operationstisch hatte einen Hirntumor. Normalerweise hätten die Chirurgen der Universitätsklinik Pittsburgh den Schädel am Gesicht aufschneiden müssen. Aber der Schnitt hätte eine Narbe hinterlassen und das spätere Gesichtswachstum behindert. Die Ärzte fanden einen anderen Weg: Sie entfernten den Großteil der Geschwulst durch die Nase.

Forscher suchen nach immer neuen Wegen, Operationen möglichst schonend vorzunehmen. Könnte man bei Eingriffen die natürlichen Körperöffnungen nutzen, so ließen sich die belastenden Schnitte konventioneller Techniken vermeiden. Kürzlich entnahmen Mediziner in New York und wenig später auch in Frankreich zwei Frauen die Gallenblase durch die Scheide. Indische Ärzte verschafften sich nach eigenen Angaben Zugang zum Blinddarm durch den Mund.

Die Vorteile: weniger Schmerzen, schnellere Genesung, keine Narben

Zwar sind noch etliche Fragen offen, aber viele Ärzte versprechen sich von dem Vorgehen eine schnellere Genesung mit weniger Schmerzen und ohne Narben. So ließe sich etwa bei Eingriffen im Bauchraum empfindliches Gewebe schonen, wenn die Mediziner Mund, Scheide oder Rektum nutzen.

Derzeit müssen sich Patienten etwa nach einer Darmoperation eine Woche und länger erholen. Beim Vorgehen durch natürliche Öffnungen besteht zumindest theoretisch die Hoffnung, dass "sie am nächsten Tag wieder zur Arbeit gehen können", wie der Arzt David Rattner vom Massachusetts General Hospital es formuliert. "Das wäre, wie wenn man zum Zahnarzt geht und eine Wurzelkanalbehandlung erhält."

Manchmal können Chirurgen sogar zwischen zwei Körperöffnungen wählen: Am gleichen Tag, als der Vierjährige behandelt wurde, operierten die Pittsburgher Ärzte den Halswirbel eines älteren Patienten durch die Nase. Dies geschieht sonst durch den Mund. Aber dann hätte der Mann einige Tage durch eine Magensonde ernährt werden müssen. Möglich werden die neuen Techniken durch besonders feine Instrumente, die zusammen mit Lichtquelle und Kameralinse in die jeweilige Körperregion geschoben werden. Die Ärzte beobachten das Ganze über einen Monitor, so ähnlich wie bei den minimal-invasiven Operationen.

Auch kleine Löcher könnten überflüssig werden

Diese Schlüsselloch-OPs, bei denen die Instrumente durch drei bis vier keine Löcher eingeführt werden, revolutionierten die Chirurgie vor etwa 15 Jahren. Inzwischen haben sie bei vielen Eingriffen die früher üblichen Schnitte ersetzt. Für die Patienten bedeutet dies weniger Schmerzen und eine kürzere Genesungszeit.

Der neue Ansatz geht noch einen Schritt weiter, denn er macht auch die kleinen Löcher überflüssig. "Die komplett zu vermeiden, ist nicht nur ein evolutionärer Schritt, sondern ein revolutionärer Schritt", sagt Marc Bessler von der New Yorker Columbia Universität. Bessler hatte die Operation geleitet, bei der die Gallenblase einer Frau durch die Vagina entfernt wurde. Nachhelfen musste das Team allerdings durch zwei Öffnungen in der Bauchdecke, durch die zusätzliche Instrumente eingeführt wurden. Eine Woche später, Anfang April, entfernte dann ein französisches Ärzteteam der Universitätsklinik Straßburg bei einer Frau die Gallenblase ebenfalls durch die Scheide, diesmal ohne zusätzliche Einschnitte. Stattdessen stachen sie eine nur wenige Millimeter dünne Nadel durch den Bauch. Diese Nadel enthielt eine Videokamera und ermöglichte es den Ärzten, den Bauchraum aufzublasen, um mehr Platz zu haben. Der Eingriff hinterließ den Ärzten zufolge keine Narbe.

"Das wirft auch Fragen auf"

Das Interesse der Ärzte in den vergangenen Jahren gilt besonders dem Entfernen von Hirntumoren durch die Nase, so Gail Rosseau vom Amerikanischen Verband für Neurochirurgie. "Das ist eine neue Ära der Neurochirurgie", sagt die Chirurgin. "Das ist aufregend, neu und wahrscheinlich besser für unsere Patienten. Aber es wirft auch Fragen auf." Denn werden Tumore nicht vollständig entfernt, können sie wiederkehren.

Ob der Eingriff durch die Nase die Prognose im Vergleich zu konventionellen Operationen verschlechtert, lässt sich bisher nicht sagen. Unklar ist auch, ob sich Patienten wirklich schneller erholen als nach einer Schlüsselloch-Operation. Schließlich bleibt die Frage, für welche Eingriffe sich das Vorgehen eignet. Bessler glaubt, dass insbesondere die Entfernung von Gallenblase und Blinddarm dafür in Frage kommen.

Für Rattner liegt die Zukunft des Verfahrens dagegen eher bei solchen Prozeduren, die Patienten bislang noch wochenlang außer Gefecht setzen, etwa die Entnahme von Niere, Nebenniere oder Teilen des Magens. "Das wird die Schlüsselloch-Operationen zwar nicht ersetzen, aber es wird irgendwo eine Nische haben", sagt Rattner. "Wir wollen nun herauszufinden, wo diese Nische liegt."

Malcom Ritter/AP AP

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