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Neurologe zu Kopfverletzungen im Fußball: "Wer weiterspielt, bringt sich in Lebensgefahr"

Die Kopfverletzung von Christoph Kramer im WM-Finale hat Diskussionen ausgelöst. Darf ein Spieler selbst entscheiden, ob er auf dem Platz bleibt? Ein Neurologe fordert schärfere Regeln.

Von Lea Wolz

Ein US-Abgeordneter fordert die Fifa auf, strengere Regularien für den Umgang mit Kopfverletzungen zu erlassen. Es könne nicht sein, dass Spieler nach einem Zusammenstoß teilweise selbst entscheiden könnten, wieder zurück aufs Feld zu kommen. In vielen anderen Sportarten sei das nicht erlaubt, schreibt Bill Pascrell, der den Bundesstaat New Jersey im Repräsentantenhaus vertritt, in einem Brief an Fifa-Präsident Sepp Blatter. Ein Neurologe erklärt, warum er die Ratschläge für sinnvoll hält und was Warnsignale für ein mögliches Schädel-Hirn-Trauma sind.

Herr Professor Seidel, in einem Brief an den Fifa-Präsidenten Blatter fordern Repräsentanten des US-Abgeordnetenhauses, dass die Fifa die Regularien zum Umgang mit Gehirnerschütterungen überdenkt. Ist es Zeit, dass dieses Thema diskutiert wird?
Aus meiner Sicht ja. In meinem weiteren Bekanntenkreis kenne ich einen Fall, bei dem ein Torwart ein leichtes Schädel-Hirn-Trauma hatte. Er ist nach dem Ball gesprungen und gegen den Pfosten geknallt. Daraufhin war er kurz bewusstlos. Er hat zwar nicht weitergespielt, ist aber noch selbst in die Umkleidekabine gegangen, ohne sofort untersucht und behandelt zu werden. In der Kabine wurde er leblos aufgefunden. Eine Hirnblutung, die sich zwischenzeitlich entwickelt hatte, hat dazu geführt, dass er starb.

Die Ratschläge sind aus Ihrer Sicht also sinnvoll?
Ja, ich halte sie sogar für zwingend. Es ist leichtfertig die Spieler ohne umfassende Aufklärung über die möglichen Risiken, selbst entscheiden zu lassen. Sie können unter Umständen die Situation gar nicht richtig beurteilen. Obwohl man es ihnen momentan nicht verbieten kann: Wer erwachsen und geschäftsfähig ist, kann über sein Schicksal selbst entscheiden.

Dass der Spieler selbst wieder auf den Platz will, ist verständlich.
Das ist klar. Umso schwieriger ist es, wenn dieser Fall nicht geregelt ist. Der Arzt kann also nur beraten. Wenn der Spieler sich unter Zeugen anders entscheidet, macht er das auf eigenes Risiko. Aber in einem derart reglementierten Umfeld wie dem Fußballsport, sollte man eigentlich festlegen könne, dass bei einem Verdacht auf ein Schädel-Hirn-Trauma kein Spieler weitermachen darf. Aus meiner Sicht wäre das sinnvoll. Dann wäre die Sache klar.

Dazu muss der Arzt aber erst eine sichere Diagnose stellen.
Richtig. Man muss unterscheiden, ob es sich um eine Schädelprellung handelt oder um ein Schädel-Hirn-Trauma, zu dem auch die Gehirnerschütterung zählt. Das ist ein großer Unterschied. Bei einer Schädelprellung ist eine Verletzung des Kopfes vorhanden, ohne dass das Gehirn betroffen ist. Bei einem Trauma kommt es zu einer Funktionsstörung oder auch einer Verletzung des Hirns. Das ist deutlich gefährlicher.

Ist es auf dem Platz auf die Schnelle überhaupt möglich, das zu unterscheiden?
Es gibt klare Warnsignale. Bei einem leichten Schädel-Hirn-Trauma kommt es zu einer Bewusstseinsstörung. Der Betroffene ist kurz oder länger bewusstlos - oder er wird gar nicht mehr wach. Ist das der Fall, muss man von einem schweren Schädel-Hirn-Trauma ausgehen. Typisch ist auch eine Gedächtnislücke, die die Zeit des Unfalls und die Zeit davor betrifft. Übelkeit, Erbrechen und Verwirrtheit sind ebenfalls Zeichen. Ist das Trauma gravierend, können Lähmungen, Sprach- und Koordinationsstörungen sowie epileptische Anfälle auftreten. Aber auch wenn der Zusammenprall ‚nur‘ zu einer kurzzeitige Bewusstlosigkeit führt, darf diese nicht bagatellisiert werden. Das ist bereits ein Symptom für ein Trauma – und letztlich dafür, dass bereits eine Schädigung eingetreten ist. Dann sollte der Fußballer nicht weiterspielen. Er sollte sofort ins Krankenhaus.

Was kann passieren, wenn ein Spieler das ignoriert, weil er denkt, es geht ihm schon wieder gut?
Selbst bei einem leichten Schädel-Hirn-Trauma, also einer Gehirnerschütterung, kann der Schädel gebrochen sein. Dann können Blutungen zwischen dem Schädel und der Hirnhaut auftreten. Diese sind typischerweise zweiseitig. Ein Spieler kann also ein Trauma erleiden, danach kurz bewusstlos sein und gleich im Anschluss das Gefühl haben, dass alles wieder gut ist. Innerhalb von Minuten bis Stunden nach dem Aufprall entwickelt sich allerdings ein Bluterguss, der wächst und das Gehirn eindrückt. Ist der Hirnstamm betroffen, fallen lebenswichtige Funktionen aus, der Patient stirbt, wenn keine unmittelbare Behandlung erfolgt.

Es kann also kurz nach dem Zusammenstoß alles harmlos aussehen und sich dennoch gefährlich entwickeln?
Genau diese zeitliche Dynamik ist das Hauptproblem beim Schädel-Hirn-Trauma. Die gravierenden Folgen können erst viel später deutlich werden. Wer etwa einen Bluterguss im Hirn erleidet, danach Sport treibt und seinen Kreislauf noch einmal so richtig in die Höhe jagt, bringt sich in Lebensgefahr. Der Bluterguss schwillt schneller an und wird schwerwiegender. Dabei müsste der Spieler sofort ins Krankenhaus, überwacht und behandelt werden.

Christoph Kramer stieß beim WM-Finale mit seinem Gegenspieler zusammen. Dieser traf ihn mit der rechten Schulter brutal an der Schläfe. Trotzdem spielte Kramer weiter, wurde noch ein zweites Mal gefoult und war danach offenbar so verwirrt, dass er sogar den Schiedsrichter fragte, ob dies das Finale sei. Ganz schön riskant weiterzuspielen, oder?
Ich habe das Spiel nicht gesehen. Aber bei allem was ich danach gehört habe, muss man sagen, das war riskant. Generell gilt: Ob Anzeichen eines Traumas vorliegen, muss jeder Notfallmediziner abklären können. Ich gehe davon aus, dass die Sportmediziner im Stadion das natürlich auch können und machen. Sie müssen die Patienten dann entsprechend beraten. Nicht umsonst gibt es medizinische Leitlinien, die klar vorsehen, dass ein Patient im Zweifel lieber sofort behandelt und überwacht werden muss.

Fußballspieler stoßen häufiger zusammen. Wäre es so gefährlich, müsste doch eigentlich viel öfter etwas passieren.
Ich denke, es gibt durchaus eine Dunkelziffer. Störungen werden eventuell auch gar nicht mehr auf das Trauma zurückgeführt, da sie erst später auftreten. Momentan wird auch diskutiert, ob chronische Schädel-Hirn-Traumata über Jahre hinweg zu Hirnleistungsstörungen führen können. Der klassische Fall wäre hier die sogenannte Boxer-Demenz. Diese Sportler erleiden andauernd solche Traumata. Auf Dauer führt das sehr wahrscheinlich zu einer Hirnschädigung. Die Gefährlichkeit von Stößen, die sich auf das Gehirn auswirken, sollte also generell nicht unterschätzt werden.

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