HOME

Ungewöhnliche Nierenspende: Ringtausch bei Organen – "Sie stirbt sonst"

Simone Reitmaiers Tante erklärte sich bereit zu einer ungewöhnlichen Form der Nierenspende: Über einen Ringtausch mit anderen Spendern in Spanien verhalf sie ihrer schwer kranken Nichte zu einem neuen Organ. 

Von Anika Geisler

Auf der Suche nach einem Nierenspender für Simone Reitmaier (Mitte)

Bei der Suche nach einem Nierenspender für Simone Reitmaier (M.) ließen sich Mutter Susanne (l.), Vater Jörg und Tante Elke Frosch (r.) nicht entmutigen

Auf dem Weg zum Flughafen verlassen sie fast die Kräfte: Simone Reitmaier kann kaum noch ihren Koffer ziehen, so elend fühlt sie sich. Ihre Knochen schmerzen, in den Ohren dröhnen Störgeräusche. Schuld ist ihre kranke Niere. Mach jetzt nicht schlapp, sagt Reitmaier zu sich, nicht jetzt, wo endlich Hilfe in Sicht ist. Die vergangenen Monate waren kein Leben mehr gewesen – nur noch Überleben. Ihr Körper hat diese Dialyse so unendlich satt.

Simone Reitmaier schleppt sich an diesem 15. November 2015, begleitet von ihrer Mutter und ihrer Tante, ins Flugzeug. Fliegt dahin, wo man ihr eine neue Niere versprochen hat. Nach Barcelona. Sechs Monate später sitzt Simone Reitmaier, 32, zu Hause in Wolfsburg in der Küche der Eltern und blickt auf ihre Leidenszeit zurück. Es geht ihr jetzt besser.

Dank Barcelona. Dank der Ärzte der Uniklinik im Westen der Stadt. Dank einer ganz speziellen Form der Organspende – eines Ringtauschs. Lebensrettend und legal in Spanien, in Deutschland noch undenkbar.

Simone Reitmaier kennt den Menschen nicht, der ihr im vergangenen November eine Niere gespendet hat. Sie weiß nur: Er wurde irgendwo in Spanien operiert. Zeitgleich mit ihm legte sich in Barcelona ihre Tante unters Messer – als anonyme Lebendspenderin für einen Kranken in einer dritten spanischen Stadt. Den Ringtausch hat die spanische Gesundheitsbehörde organisiert, mit dem Einverständnis von Ärzten, Psychologen und Richtern. Er steht am Ende einer langen Krankengeschichte.

Simone Reitmaier war elf Jahre alt, als ihre Nieren versagten. Eine Autoimmunerkrankung hatte die Organe geschädigt. Dreimal in der Woche musste sie zur Blutwäsche. Ein halbes Jahr später wurde ihr eine Niere ihres Vaters eingepflanzt. Die reinigte viele Jahre lang zuverlässig ihr Blut von Giftstoffen. 2012 aber wurden die Nierenwerte schlechter. Anfang 2015 musste Simone Reitmaier wieder an die Dialyse. "Ich durfte viele Nahrungsmittel nicht essen, weil sonst die Blutwerte noch schlechter geworden wären", erinnert sich die Kosmetikerin heute. "Vor allem die gesunden Sachen waren tabu: Kartoffeln, Käse, Vollkornbrot, Äpfel und Bananen. Erlaubt waren Weißbrot mit Marmelade und Nudeln mit Sahnesauce." Sie konnte nur hoffen. In Deutschland beträgt die durchschnittliche Wartezeit, bis man die Niere eines Verstorbenen bekommt, derzeit etwa sechs bis sieben Jahre. Die deutsche Transplantationsmedizin steckt nach mehreren Skandalen noch immer in einer tiefen Krise: Zwar erarbeitete die Bundesärztekammer neue Richtlinien, aber die Spendebereitschaft in der Bevölkerung war lange rückläufig. Und noch immer werden mögliche Spender auf den Intensivstationen zu selten erkannt.

Reaktion nach Transplantation: Dieser Junge hat ein neues Herz - und kann sein Glück kaum fassen


Derzeit gibt es hierzulande schätzungsweise 70.000 bis 80.000 Dialysepatienten; eine Niere bekommen jährlich etwa 2200 Menschen transplantiert. "Im Moment ist Deutschland bei der Spenderate auf einem der letzten Plätze in Europa, dahinter liegen nur noch Länder wie Bulgarien und Rumänien", sagt Professor Bernhard Banas, Nierenspezialist und Transplantationsmediziner am Uniklinikum Regensburg.

Familie Reitmaier gibt nicht auf, als sich Simones Zustand verschlechtert. Wieder soll eine Lebendspende helfen. In Deutschland darf ein naher Verwandter, der Partner oder ein enger Freund spenden – sofern Blutgruppe und Gewebemerkmale passen. Eine der Voraussetzungen laut Transplantationsgesetz: Spender und Empfänger müssen sich "in besonderer persönlicher Verbundenheit nahestehen". So soll Organhandel ausgeschlossen werden. Immerhin fast ein Drittel der jährlichen Nierentransplantationen in Deutschland können dank Lebendspenden durchgeführt werden.

Bei Simone Reitmaier aber steckt der Teufel im Detail: Ihre Mutter kommt nicht infrage, weil sie selbst nach einer Krankheit nur noch eine Niere hat. Ihr Ehemann will spenden, aber nach der medizinischen Untersuchung ist klar: Es passt nicht. Ihre Tante sagt: "Ich mach das, sonst stirbt das Kind." Aber der Organismus der Nichte hat Antikörper gegen das Gewebe der Tante. Es scheint keinen Ausweg zu geben.
Bis Simone Reitmaiers Schwiegervater etwas über "Cross-over-Spenden" liest. Cross-over heißt "überkreuz", und das System funktioniert so: Ein lebender Spender, dessen Organ nicht zu "seinem" nahestehenden Empfänger passt, überlässt seine Niere einem zweiten Kranken. Dieser wiederum hat auch einen nahestehenden Spender, dessen Organ nicht zu ihm passt. Dieses Organ erhält der erste Kranke. In Deutschland wird Cross-over seit mehr als zehn Jahren an verschiedenen Transplantationszentren praktiziert – aber nur selten. Nach dem Gesetz und den Richtlinien ist auch hier eine "besondere persönliche Verbundenheit" zwischen den Paaren Voraussetzung. "Diese enge Beziehung kann aber auch erst zweckgerichtet entstanden sein, zum Beispiel wenn sich zwei Ehepaare mit demselben Schicksal kennenlernen und sich intensiv austauschen, wobei diese Beziehung über die Transplantation hinaus Bestand haben sollte", erklärt Wolfgang Arns, Leitender Oberarzt an der Medizinischen Klinik I Köln-Merheim, der in zwölf Jahren einige Crossover- Spenden in Zusammenarbeit mit anderen Zentren betreut hat. "Jeder einzelne Fall muss einer intensiven Prüfung unterzogen und von der zuständigen Transplantationskommission begutachtet werden."

Simone Reitmaiers Mutter Susanne lässt ihre Tochter in Köln auf die Cross-over-Liste setzen. "Ein halbes Jahr habe ich außerdem erfolglos Kliniken in ganz Deutschland angerufen, ob da schneller etwas zu machen sei", erzählt die 59-Jährige. "Ich hatte das Gefühl, es dauerte ewig."

Keine Chance in Deutschland

Sie beginnt zu recherchieren, wie Cross-over in den Nachbarländern gehandhabt wird. Auch in den Niederlanden, in Spanien, Österreich und der Schweiz gibt es Listen dafür. Dort wird die Methode sogar im Ringtausch angewandt – mit mehreren Spender- und Empfängerpaaren. Die Anfangsvoraussetzung ist die gleiche wie in Deutschland: Spender und Empfänger müssen eine enge emotionale Verbundenheit haben. Aber: Wenn ihre medizinischen Werte nicht zusammenpassen, geht das Procedere nach anderen Regeln weiter.

In Spanien beispielsweise ermittelt ein Computerprogramm einer staatlichen Behörde, zu welchem anderen Empfänger das Spenderorgan passt. Der Spender und jener Kranke, der letztlich dessen Niere bekommt, dürfen sich nicht kennen – Anonymität ist gefordert, wiederum um Organhandel auszuschließen.

Susanne Reitmaier kontaktiert verschiedene Kliniken im Ausland. Im September 2015 telefoniert sie das erste Mal mit Fritz Diekmann, deutscher Arzt und Chef der Transplantationsmedizin an der Uniklinik in Barcelona, der bis 2010 an der Charité in Berlin gearbeitet hat. Die Reitmaiers schicken ihre Unterlagen nach Spanien. Diekmanns Transplantationszentrum betreut rund 60 Nieren-Lebendspenden pro Jahr, fünf bis zehn davon werden Cross-over durchgeführt. "Mindestens alle drei Monate prüft eine zentrale Behörde des spanischen Gesundheitsministeriums, wer in Spanien für eine Cross-over-Spende bereitsteht und ob es passende Konstellationen gibt", sagt Diekmann.

Schon wenige Wochen später erfahren die Reitmaiers: Es könnte klappen. Die gesetzliche Krankenkasse der Familie bestätigt, die Behandlungskosten zu übernehmen, sowohl für Simone Reitmaier als auch für ihre Tante, die ihre Niere nach diesem Verfahren spenden will – insgesamt etwa 30.000 Euro.
Simone Reitmaier reist mit Mutter und Tante Wochen vor dem Eingriff nach Spanien – für medizinische und psychologische Untersuchungen, Aufklärungsgespräche über Risiken und Komplikationen. "Schließlich führt man beim Spender eine Operation an einer gesunden Person durch, damit eine andere Person einen Vorteil hat – das gibt es sonst nicht in der Medizin", sagt Diekmann. Eine Richterin vor Ort überprüft die Identität der Tante und ob sie ihre Niere aus freien Stücken hergeben will. Dazu klärt sie, ob eine "sozio-ökonomische Abhängigkeit" zwischen Spender und Empfänger besteht. Zuletzt begutachtet eine spanische Ethikkommission den Fall.

Tausch mit drei Spendern

Dann ist es so weit. Montag, 16. November 2015: Der Ringtausch mit drei Spender- und Empfängerpaaren in drei Kliniken beginnt. Um Punkt acht Uhr werden in Barcelona und zwei anderen spanischen Großstädten exakt zeitgleich drei Nieren entnommen. Die Niere der Tante wird aus Barcelona in eine andere Stadt geflogen. Die Niere des dortigen Spenders wird in die dritte Stadt transportiert. Von dort stammt das Organ für Simone Reitmaier, das nachmittags in Barcelona eintrifft. Der Eingriff verläuft gut. Innerhalb weniger Tage verbessern sich ihre Blutwerte deutlich. Eine Woche Klinik, drei weitere Wochen Nachbetreuung. Dann fliegt sie wieder nach Hause.

Im November 2015 erhält Simone Reitmaier an der Uniklinik Barcelona erneut eine Spenderniere

Im November 2015 erhält Simone Reitmaier an der Uniklinik Barcelona erneut eine Spenderniere 


Warum funktioniert das so nicht auch in Deutschland? Solange die Rechtslage vorschreibt, dass bei Überkreuz-Spenden das sich nahestehende Paar auch eine enge emotionale Beziehung zum anderen Paar haben muss, kann es keinen Ringtausch geben. Aber auch das, was derzeit schon machbar wäre, werde zu wenig ausgeschöpft, findet Professor Klemens Budde, Nierenspezialist und Leiter des Transplantationsprogramms an der Berliner Charité.

"Cross-over-Spenden zwischen zwei Paaren sind hierzulande leider noch viel zu selten", sagt er. "Zu groß ist bei vielen Ärzten und Krankenkassen die Unsicherheit, was geht und was nicht geht." Er würde Cross-over-Spenden sogar am liebsten als größeres Programm aufziehen, in der Art, wie es die Niederländer machen, mit deren Computersystem. "Aber wir in unserer Abteilung haben keine Zeit und kein Personal, das im umfassenden Stil zu organisieren. Deutsche Kliniken sind kaum vernetzt. Bei meinem letzten Vorstoß bin ich an bürokratischen Hürden gescheitert", sagt Budde. "Uns sterben hierzulande die Dialysepatienten weg. Aber noch immer scheint die Not nicht groß genug zu sein, um solche Sachen ernsthaft anzugehen." Simone Reitmaier verdankt ihr neues Leben ihrer Tante, den Gesetzen und Medizinern in Spanien, ihrer Krankenkasse – und der Eigeninitiative und Beharrlichkeit ihrer Mutter. Die schreibt jetzt Briefe an Gesundheitsminister Hermann Gröhe und die Deutsche Stiftung Organtransplantation mit der Bitte, eine Koordinationsstelle für bundesweite Cross-over-Transplantationen einzurichten. Zudem hat sie eine an den Bundestag gerichtete Onlinepetition formuliert und sammelt dort Unterschriften, damit das Transplantationsgesetz so geändert wird, dass es auch anonyme Ringtausch-Spenden ermöglicht (www.change.org/ueberxspende). Bis es vielleicht irgendwann mal so weit ist, werden in Deutschland noch viele Menschen zur Dialyse müssen. Und viele sterben. 

Wissenscommunity