Prävention Bleib gesund, Mann


Ein Indianer kennt keinen Schmerz: Viele Männer stecken weg, statt die Signale ihres Körpers ernst zu nehmen. Die Folgen sind in den Krankheitsstatistiken ablesbar. Man muss kein Arzt-Hopper werden, um gesund zu bleiben. Es genügt, ein paar Dinge zu beherzigen.

Alles sah nach einem Routinefall aus, als sich der Patient eines Morgens in der Sprechstunde des hannoverschen Allgemeinmediziners Oliver Sandhas vorstellte. Freundlich und gut gelaunt begrüßte er den Arzt, ließ sich Blut abnehmen und verschwand wieder. Ein paar Stunden später rief der Sohn des Patienten an und berichtete, dass seinen Vater starke Bauchschmerzen plagten.

Sandhas fuhr zu dem Mann, untersuchte dessen Bauch - und schickte ihn als Notfall ins Krankenhaus. Diagnose: akuter Blinddarmdurchbruch. Mehrere Tage lang lag der Kranke nach der Operation auf der Intensivstation. Die Ärzte hatten ihm nicht nur den Wurmfortsatz, sondern den ganzen Blinddarm herausgeschnitten - keinen Augenblick zu früh. "Sonst ist dieser Patient bei jeder Erkältung zu mir gekommen", sagt Sandhas. "Als es dann wirklich einmal ernst war, hat er bis zum letzten Moment gewartet."

So sind sie, die Männer: Bei Bagatellen den sterbenden Schwan mimen, aber im Notfall hart sein bis zum Äußersten. Sandhas kann viele solcher Geschichten aus seinem Praxisalltag erzählen. Und meist spielen dabei männliche Patienten die Hauptrolle. "Frauen passiert so etwas seltener. Die gehen gewöhnlich dann zum Arzt, wenn es nötig ist."

Männer ticken anders

Lange Zeit haben Mediziner und Sozialwissenschaftler solche Unterschiede im Verhalten der Geschlechter ignoriert. Abseits der Gynäkologie und Urologie sprachen Ärzte meist nur von "dem Patienten", einem Wesen ohne geschlechtsspezifische Merkmale. Doch inzwischen haben Forscher genauer untersucht, woran Männer leiden, wie sie mit ihrer Gesundheit umgehen und auf bestimmte Therapien reagieren. Ihre Erkenntnis: Männer ticken oft anders als Frauen, wenn es um das Wohlergehen von Körper und Psyche geht.

Wie groß die Unterschiede sind, zeigen die Statistiken. So sterben Männer deutlich öfter an Aids, Unfällen und Selbstmorden. Außerdem werden sie häufiger Opfer von Herz-Kreislauf-Erkrankungen, bestimmten Krebsarten, wie zum Beispiel von Lungen- oder Speiseröhrenkarzinom, und Leberzirrhose. Das alles schlägt sich auf die Lebenserwartung nieder: Während heute vor einem 40-jährigen Mann im Durchschnitt 37 weitere Jahre liegen, wird ihn seine gleichaltrige Frau voraussichtlich um ein halbes Jahrzehnt überleben und erst mit 82 sterben.

Worauf beruhen diese zusätzlichen fünf Jahre? Ist der männliche Körper von Natur aus weniger langlebig als der weibliche? Bestimmen Gene das unterschiedliche Verfallsdatum von Mann und Frau? "Es ist nicht auszuschließen, dass bestimmte geschlechtsspezifische Varianten im Erbgut die Lebenserwartung von Frauen und Männern beeinflussen", sagt Almut Nebel, wissenschaftliche Leiterin des Langlebigkeitsprojekts im Institut für Klinische Molekularbiologie an der Christian-Albrechts-Universität in Kiel. "Aber das ist alles Spekulation. Bislang hat sie noch niemand gefunden."

Frauen leben länger - warum?

Ohnehin scheint der Langlebigkeitsvorsprung der Frauen nur sehr eingeschränkt von den körperlichen Voraussetzungen abzuhängen. So stellte der Demograf Marc Luy von der Universität Rostock in einer Studie fest, dass sich die Lebenserwartung von Menschen unter ähnlichen Lebensbedingungen nahezu angleicht. Er untersuchte die Daten von bayerischen Nonnen und Mönchen aus der Zeit zwischen 1910 und 1985 und fand heraus, dass die Frauen im Durchschnitt nur höchstens zwei Jahre älter wurden als ihre Glaubensbrüder.

"Das Wohlergehen von Männern wird entscheidend von ihrem Verhalten bestimmt", sagt Thomas Altgeld von der Landesvereinigung für Gesundheit Niedersachsen. "Und das ist bei vielen durchaus verbesserungswürdig." Denn auch hier zeigen sich nach den Erhebungen des Robert-Koch-Instituts erhebliche Unterschiede zu den Frauen. Zum Beispiel:

* beim Umgang mit Alkohol: Bei 30 Prozent der deutschen Männer zwischen 30 und 64 Jahren liegt der tägliche Durchschnittskonsum über dem tolerablen Grenzwert (Frauen: 15 Prozent);
* beim Tabak: 37 Prozent der Männer über 18 Jahre rauchen regelmäßig oder gelegentlich (Frauen: 28 Prozent);
* bei Verkehrsunfällen: 57 Prozent der Verletzten und Getöteten im Straßenverkehr sind Männer. Hintergrund der Unglücke ist oft eine riskante Fahrweise, die bei männlichen Autofahrern ausgeprägter ist als bei weiblichen;
* bei der Ernährung: Mehr als 70 Prozent aller Männer zwischen 30 und 64 Jahren sind übergewichtig (Frauen: 53 Prozent).

Trotz dieser eindeutigen Zahlen fühlen sich die meisten Männer offenbar blendend: In einer Umfrage, die das Forsa-Institut für stern GESUND LEBEN unter 1000 Befragten im Juni durchgeführt hat, beschrieben 84 Prozent der männlichen Teilnehmer ihren Gesundheitszustand als "gut" oder "sehr gut". Bei den Frauen waren es dagegen nur 77 Prozent.

Signale des Körpers wahrnehmen

Thomas Altgeld verwundern solche Widersprüche nicht: "Nach außen hin geben sich Männer stark, das entspricht ihrem Rollenbild in der Gesellschaft. Privat sind sie viel offener und lassen sich schon bei Bagatellen wie einer Erkältung von ihrer Frau pflegen. Da können sie die Fürsorge genießen, die sie sonst nicht zulassen."

Der Psychologe, der einen Band zur Männergesundheit herausgegeben hat, kritisiert das fehlende Bewusstsein vieler seiner Geschlechtsgenossen für das Befinden ihres Körpers. "Die setzen sich damit überhaupt nicht auseinander. Gesundheit ist einfach da und wird nur bemerkt, wenn sie verschwindet", sagt er. Männer sollten lernen, die Signale ihres Körpers wahrzunehmen und dann rechtzeitig zu reagieren. "Frauen sind sensibler, deshalb gehen sie auch nicht erst zum Arzt, wenn es zu spät ist."

Zum fehlenden Körperbewusstsein gesellt sich oft auch noch das Misstrauen in die eigenen Fähigkeiten. Altgeld: "Viele Männer bezweifeln, dass sie ihren Gesundheitszustand beeinflussen können - deshalb machen sie auch nichts dafür." Bei der Forsa-Umfrage gaben sich 42 Prozent der Befragten überzeugt, dass sie genug für ihre Gesundheit tun. Allerdings nimmt das gute Gewissen mit dem Bildungsgrad ab: Während 48 Prozent der Männer mit Hauptschulabschluss mit sich zufrieden sind, sehen nur 34 Prozent der Abiturienten und Akademiker keinen Anlass, ihr Verhalten zu ändern.

Die verbreitete Trägheit schlägt sich in den Teilnahmelisten von Vorsorgeangeboten der Krankenkassen und Sportvereine nieder: Laut Robert-Koch-Institut lag im Jahr 2003 der Männeranteil bei Bewegungs-, Ernährungs- und Stressabbau-Kursen zwischen 16 und 22 Prozent. Nur wenn es gegen ihre Sucht geht, wie zum Beispiel das Rauchen, lassen sich mehr Männer motivieren: Hier sind sie bei einem Anteil von 43 Prozent mit den Frauen fast gleichauf. Aber liegen diese miesen Quoten tatsächlich nur am Präventionsmuffel Mann? "Nein", sagt Altgeld, "viele Angebote sind nicht auf Männer zugeschnitten. Da riechen schon die Programmtexte nach Selbsterfahrung." Dann blinke sofort die Alarmlampe im Kopf: Stuhlkreis, rosa Pulli - Softiegefahr!

Versuchsweise spezielle Männerkurse

Bislang reagiert kaum eine Krankenkasse auf die mangelnde Beteiligung. Die Barmer Ersatzkasse (BEK) bietet seit zwei Jahren versuchsweise spezielle Männerkurse an. "Darin geht es weniger ums Reden, sondern um das Machen", sagt Rüdiger Meierjürgen, zuständig für den Bereich Prävention und Gesundheitsförderung bei der BEK. "Männer wollen durchgetestet werden und Übungen gezeigt bekommen."

Die Kasse setzt dabei auch auf die Technikbegeisterung der Klientel: Mit Belastungs-EKG, Blutdruck- und Laktatprüfung wirbt sie für das zweitägige Herz-Kreislauf-Training. Und weil das zu sehr nach Gesundheit klingt, heißt das Seminar "Kardiofit - Gesundheitsmanagement für Männer". Bislang sei der Zuspruch der Zielgruppe noch nicht deutlich gestiegen, sagt Meierjürgen. "Doch das ist ein langfristiger Prozess von fünf oder zehn Jahren. Das geht nicht von heute auf morgen."

Nicht nur von den Kassen, auch von den Medizinern fordern die Männergesundheitsforscher mehr Sensibilität für die Unterschiede der Geschlechter. "Vor allem Hausärzte sollten berücksichtigen, dass sie Männer anders behandeln müssen als Frauen", sagt Altgeld. Das fange bei der Diagnose an und höre bei der Patientenführung auf. "Teilweise kann die gleiche Erkrankung abhängig vom Geschlecht ganz unterschiedliche Symptome zeigen, zum Beispiel beim Herzinfarkt oder der Depression. Das muss ein Arzt wissen." Auch die gewöhnlich schlechtere Bereitschaft der Männer, Therapiepläne einzuhalten, spiele eine entscheidende Rolle.

Allgemeinmediziner Sandhas bestätigt diese Beobachtung. "Oft erzählen mir männliche Patienten, was sie tun wollen, statt sich von mir beraten zu lassen, was sie tun sollten." Und wenn er von einem Asthmatiker erfährt, dass dieser nach drei Monaten immer noch Medikamente im Schrank hat, weiß er, dass der Patient die Therapie mal wieder eigenmächtig abgebrochen hat. "Sobald die Symptome verschwinden, setzen viele die Mittel einfach ab."

Länger Sex ohne Rauchen

Thomas Lichte, Allgemeinarzt im niedersächsischen Lauenbrück und Professor an der Universität Halle und Magdeburg, setzt bei Männern auf die sanfte Tour. "Drohungen bringen meist gar nichts", sagt er. "Wenn ich aber einem Patienten sage, dass er fünf bis zehn Jahre länger Spaß am Sex haben kann, wenn er aufhört zu rauchen, ist das für ihn oft ein schlagenderes Motiv als die Angst vor Lungenkrebs."

Manchmal holt Lichte auch gezielt die Partnerin des Patienten ins Therapie-Boot. "Frauen sind oft gute Coaches bei Männerkrankheiten", sagt er. "Sie kümmern sich darum, dass die Medikamentenpläne eingehalten werden, organisieren Termine und motivieren ihren Partner." Und tatsächlich: Eine feste Beziehung scheint eine gute Lebensversicherung zu sein. Das Robert-Koch-Institut hat festgestellt, dass die Sterblichkeit von Solo-Männern zwischen 30 und 60 Jahren rund 2,5fach höher liegt als jene von verheirateten. Und je länger die Partnerschaft andauert, desto größer ist der Schutz.

Seit einigen Jahren werben neben den klassischen Allgemeinmedizinern auch spezielle Männerärzte um die Gunst der Kunden. "Da sind engagierte Leute dabei", sagt Thomas Altgeld, "aber in vielen Fällen ist das purer Etikettenschwindel. Das sind umgepolte Urologen mit ein paar Zusatzausbildungen." Und die kümmerten sich weiterhin nur um Potenzschwäche und andere Probleme mit den Geschlechtsorganen, statt den Patienten als umfassender Gesundheitscoach zur Seite zu stehen.

Geschäftemacherei im Markt der Männergesundheit

Vor Geschäftemacherei im Markt der Männergesundheit warnt auch Gerd Glaeske, Professor am Zentrum für Sozialpolitik der Universität Bremen und Mitglied des Sachverständigenrats für die Konzertierte Aktion im Gesundheitswesen: "Da werden oft die typischen Ängste ausgenutzt, um umstrittene Methoden wie die Hormonersatztherapie oder den PSA-Test zur Erkennung von Prostatakrebs zu verkaufen." Er empfiehlt, vor allem bei einfach klingenden Lösungen wachsam zu sein. Glaeske: "Simple Formeln wie ,Mehr Testosteron ist gleich mehr Spaß" gehen selten auf."

Weniger Alkohol trinken, mehr bewegen, besser essen - was sollte ein Mann nun alles tun, um gesund und glücklich zu sein? "Vor allem sollte er sich zunächst über seine Prioritäten klar werden und dabei nicht nur an den Augenblick denken", sagt Altgeld. "Es ist oft schwer zu akzeptieren, dass man heute eine Stunde weniger arbeiten soll, wenn man nicht in 20 Jahren mit Blaulicht ins Krankenhaus eingeliefert werden will."

Dass nicht alle Männer unbedingt die fünf zusätzlichen Lebensjahre der Frauen aufholen wollen, sei ihm klar. Altgeld: "Manch einer wird vermutlich ein Leben mit einem stressigen, aber abwechslungsreichen und prestigeträchtigen Job auf Kosten des Alters mit seiner gewissen Hinfälligkeit vorziehen. Das ist natürlich seine Entscheidung. Aber er sollte sich vorher wenigstens Gedanken darüber gemacht haben."

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