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Seele & Sexualität: Ängste und Phobien

Sie sind die häufigsten psychischen Erkrankungen unserer Zeit. Mehr als sieben Millionen Deutsche fürchten Höhe, Enge, Tiere oder den Kontakt zu anderen Menschen.

Der Blick in die Tiefe verursacht Phobikern Höllenqualen

Der Blick in die Tiefe verursacht Phobikern Höllenqualen

15 Prozent aller Deutschen quälen sich mit krankhafter Angst

Angst ist nützlich. Wer vertraute Wege verlassen muss, hadert und wägt Risiko und Nutzen der möglichen Reaktionen gegeneinander ab. Die Angst steht der Abenteuerlust wie im Zweikampf gegenüber. Dessen Ergebnis weist den Weg: Flucht oder Kampf.

Bei manchen Menschen jedoch kommen Ängste auch in Situationen auf, die den meisten anderen gänzlich unbedrohlich scheinen. Und das Duell in ihrem Kopf ist alles andere als fair. Die Angst überfällt sie unangemessen stark und lange, ist nahezu unkontrollierbar. Die Sinne werden überwältigt, noch ehe der Verstand in den Ring steigen kann. Statt Orientierung folgt Hilflosigkeit und schlimmstenfalls eine Panikattacke mit Schwindel und Übelkeit, Gliederzittern und Pulsrasen, die vielen Betroffenen wie ein Herzinfarkt vorkommt und sie Todesängste ausstehen lässt - auch wenn man inzwischen weiß, dass ein solcher Anfall den Körper nicht mehr belastet als ein schneller Sprint.

Die derart Geplagten leiden unter einer Angststörung - der häufigsten psychischen Erkrankung unserer Zeit. Allein in Deutschland quälen sich etwa 15 Prozent der 18- bis 65-Jährigen mit verschiedenen Ausformungen krankhafter Angst - mehr als sieben Millionen Frauen und Männer. Experten, die noch vor zehn Jahren pauschal von "Angstneurosen" sprachen, unterscheiden heute fünf Krankheitsbilder:

> Menschen mit einer generalisierten Angststörung sorgen sich krankhaft um alles und jeden: Das Kind könnte verunglücken, der Kollege Intrigen planen, der Benzintank explodieren. Das Gefühl einer nahenden Katastrophe ist so allgegenwärtig, dass Betroffene binnen kurzem hypernervös werden und Stressbeschwerden wie Verspannungen, Hitzewallungen oder Magenschmerzen entwickeln.

> Eine Panikstörung verursacht ohne jede Vorwarnung Panikattacken, in der Regel ohne irgendeinen ersichtlichen Anlass. Nach dem Anfall bleiben Verzweiflung, Tränen - und die schreckliche Angst vor der nächsten Attacke.

> Daraus folgt oft eine Agoraphobie (Platzangst). Erkrankte fürchten und meiden öffentliche Orte oder Plätze - Kinos, Warteschlangen, Züge - in denen sie hilflos und ohne Fluchtmöglichkeit von einer Angstattacke überrascht werden könnten.

> Bei einer sozialen Phobie sind Selbstzweifel und Schüchternheit krankhaft gesteigert. Die Betroffenen haben maßlose Angst, schlecht bewertet zu werden, wagen nicht, sich vor anderen zu äußern, fürchten Sitzungen oder Partys und brechen im Extremfall jeden sozialen Kontakt ab.

> Rund 530 Auslöser (Fachjargon: "Trigger") einer spezifischen Phobie können laut der amerikanischen Webseite www. phobialist.com klinisch relevant sein - von A wie Ablutophobia, der Angst vor Waschen und Baden, bis Z wie Zelophobia, der Angst vor Eifersucht. Hauptsächlich richtet sich die Phobie jedoch auf Tiere (Ratten, Spinnen), Umweltphänomene (Höhe, Dunkelheit), medizinische Eingriffe (Spritzen, Zahnarzt) oder einengende Situationen (Flugzeug, Aufzug). Allein die Vorstellung, dem "Trigger" ausgesetzt zu sein, kann bei Betroffenen - immerhin zehn Prozent der Bevölkerung - mehr oder weniger starke Angstsymptome auslösen.

Agoraphobiker leiden Höllenqualen in der Öffentlichkeit

Die Auswirkungen der Krankheit können unterschiedlich stark ausfallen, jeder dritte Betroffene leidet gar an mehr als einer Störung. Allen gemeinsam ist jedoch: Ihre Ängste sind völlig irrational, und dennoch tun sie alles, um deren Auslösern aus dem Weg zu gehen. Behandlungsbedürftig wird die Angst spätestens dann, wenn die Betroffenen deutlich unter ihr leiden, oder wenn sie beginnt, ihr Leben spürbar einzuschränken.

Bei spezifischen Phobien ist das vergleichsweise selten der Fall. So ist eine leichte Angst vor geschlossenen Räumen durchaus zu ertragen - solange jemand nicht täglich in den engen Aufzug muss. Genauso gut leben viele Frauen mit ihrer Höhenangst, einige kokettieren gar damit. Verstärkt sich die Phobie jedoch, können die Auswirkungen auf den Alltag beachtlich sein. Wer es weder im Lift noch im Flieger, in der Bahn oder im Auto aushält, kann kaum noch Urlaub machen und muss versuchen, sich vor Dienstreisen zu drücken. Gesteigerte Höhenangst macht nicht nur die Party im Penthaus und die Fahrt auf den Eiffelturm undenkbar. Sie kann dazu führen, dass jemand keine Brücke mehr überquert und keine Haushaltsleiter mehr besteigt.

Noch schlimmer trifft es Agoraphobiker. Sie leiden im Extremfall Höllenqualen, sobald sie sich in der Öffentlichkeit bewegen: Der Einkauf im Supermarkt, der Gang über einen Platz, aber auch die Fahrt mit Bus oder Bahn vermag die Kranken dermaßen in Panik zu versetzen, dass sie ohne Begleitung nicht mehr zu bewältigen sind und ein normales Berufs- und Privatleben fast unmöglich wird. Sozialphobiker brechen manchmal sogar jeglichen privaten Kontakt ab - und sind dann mit ihrem Elend auch noch ganz auf sich gestellt.

Die langfristigen psychischen Folgen von Angsterkrankungen sind dramatisch: Die Angst bestimmt mehr und mehr das Leben; Selbstachtung, Lebensfreude und Produktivität schwinden. So zeigt eine amerikanische Untersuchung über Sozialphobiker: Jeder zweite Betroffene ist ohne Partner, jeder dritte wird depressiv, jeder zehnte alkoholabhängig, das Suizidrisiko ist sechsmal höher als bei der übrigen Bevölkerung. Und ähnliche Tendenzen gelten auch für andere Angstkranke. Bei Menschen mit einer unbehandelten generalisierten Angststörung oder einer Panikstörung ist die Leistungsfähigkeit nahezu halbiert, 50 bis 70 Prozent von ihnen erkranken an einer Depression. In ihrer Not greifen sie immer häufiger zu Beruhigungsmitteln, so genannten Tranquilizern oder Benzodiazepinen. Doch die dämpfen die Symptome nur kurzfristig und können süchtig machen.

Was nur lässt die Angst in diesen Menschen so mächtig werden? Die Antworten der Wissenschaft darauf sind noch lückenhaft und variieren je nach Krankheitsbild. So scheint es bei einigen Erkrankungen einen genetischen Einfluss zu geben: Gesichert ist er für die generalisierte Angst- und die Panikstörung, über Agoraphobie und soziale Phobie liegen keine derartigen Erkenntnisse vor. Bei den spezifischen Phobien wird eine genetische Komponente hingegen ausgeschlossen. Ein zweiter Faktor ist die Familie. So geht man davon aus, dass Kinder die Tendenz, spezifische Phobien wie die Angst vor Spinnen oder Schmutz zu entwickeln, von ihren Eltern übernehmen können. Ein ebensolches "Modell-Lernen" scheint beim Entstehen der generalisierten Angststörung eine Rolle zu spielen: Eltern, die sich permanent um Alltägliches sorgen und überall Katastrophen heraufziehen sehen, prägen damit ihr Kind.

Und natürlich kann neben dem Vorbild, das Väter und Mütter bieten, auch der Umgang mit dem Kind den Boden für Ängste bereiten. Psychologen bringen die soziale Phobie mit einem Mangel an Bestätigung und Wertschätzung in der Kindheit in Verbindung. Und auch das Entstehen einer generalisierten Angststörung kann durch Erziehung befördert werden - etwa, wenn Kinder so stark behütet aufwachsen, dass sie den Umgang mit normalen Angstsituationen gar nicht lernen. Oder wenn sie, wie viele Mädchen, in ihrer Furchtsamkeit bestätigt und im Wagemut gebremst werden.

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Alle Ängste sind "erlernt"

Ob jemand aber eine Veranlagung mitbringt oder eine unglückliche Prägung durch die Erziehung: Letzten Endes sind alle Ängste "erlernt". Sie sind die konditionierte Reaktion auf eine als bedrohlich empfundene Situation. Manchmal kann ein einziger Auslöser genügen, um jahrelange Pein zu erzeugen: Wer miterleben muss, wie ein Flugzeug mit brennendem Triebwerk notlandet, und dabei Todesängste aussteht, wird womöglich so schnell keinen Fuß mehr in einen Flieger setzen wollen. Wer einmal von einer Dogge gebissen wurde, geht danach selbst jedem Schoßhund aus dem Weg.

Eben diese Vermeidungsstrategie macht die Angst jedoch noch schlimmer - weil sie offenbar die Abläufe im Gehirn verändert. Forscher haben festgestellt, dass bei Angsterkrankten irgendwann die Balance der Botenstoffe im Limbischen System, dem Gefühlszentrum des Gehirns, gestört ist. Diese so genannten Neurotransmitter wie Serotonin, Noradrenalin, GABA oder Dopamin sorgen für die Weiterleitung der Erregung zwischen Milliarden von Nervenzellen und stimulieren dadurch Empfindungen wie Angst oder Traurigkeit, aber auch Glück. Eine falsche Dosierung kann Panik oder Depressionen zur Folge haben.

Der US-Neurowissenschaftler Joseph LeDoux erklärte das Transmitter-Chaos als Folge einer Fehlfunktion der Amygdala. Dieser mandelförmige Verbund von Nervenzellen (man nennt ihn auch Mandelkern) sitzt ebenfalls im Limbischen System und reagiert blitzschnell auf äußere Reize. Entdeckt ein Wanderer auf seinem Weg ein längliches Objekt, entscheidet die Amygdala in Sekundenbruchteilen, ob Gefahr droht. Scheint dies der Fall (eine giftige Schlange?!), versetzt sie den Körper in Alarmbereitschaft. Die genauere Prüfung des Objekts (vielleicht ist es ein Stock?) übernimmt währenddessen der Hippocampus. Er hat Zugriff auf sämtliche Erinnerungen des Wanderers und analysiert daher wesentlich sorgfältiger als die hektische Amygdala. Kommt er zu dem Schluss, dass keine Gefahr besteht (tatsächlich nur ein Stock!), schickt er ihr diese Erkenntnis zu, und sie schaltet die entstehende Panik herunter.

Bei Angstkranken funktioniert genau diese Schaltung nicht mehr. Anstatt den Fehlalarm abzubrechen, nimmt die Amygdala die selbst ausgelösten Stresssymptome irrtümlich als äußere Bedrohung wahr (ich spür's, da ist was!) und verstärkt die Angstreaktionen des Körpers. Mehr und mehr Neurotransmitter werden ausgeschüttet, das Unbehagen verselbstständigt sich.

Weil Betroffene aus solchen Erfahrungen lernen, wie ihr Körper auf Bedrohung reagiert, nehmen sie dessen Veränderungen zukünftig sensibler wahr. Schon ganz normale körperliche Beschwerden wie Schwitzen oder ein schneller Puls werden jetzt als Vorboten der Angst missinterpretiert - und der Teufelskreis gerät erneut in Gang.

Bestimmte Antidepressiva können helfen

Doch wie lässt er sich stoppen? Zum Glück kann man sich erlernte Reaktionen und Verhaltensweisen wie Ängste und Phobien auch wieder abtrainieren. In den vergangenen zehn Jahren haben Psychologen, Psychiater und Therapeuten sehr wirksame Programme erarbeitet, bei denen die Ängste sowohl im Gedankenspiel als auch ganz praktisch bekämpft werden - zum Beispiel durch einen Kletterkurs für Höhenkranke. Die kognitive Verhaltenstherapie gilt als erfolgreichste Behandlungsform. Durch fleißiges Üben und mit kompetenter Betreuung lernen die Patienten, ihr eingefahrenes Angstverhalten zu durchbrechen und die Vermeidungsstrategien aufzugeben.

Medikamente, genauer: bestimmte Antidepressiva können helfen, das Chaos der Botenstoffe im Gehirn wieder zu ordnen - allerdings nur, wenn der Arzt den Wirkstoff richtig auswählt und der Patient ihn zuverlässig einnimmt. Auf der Suche nach einer optimalen medikamentösen Behandlung testen Forscher an Ratten, deren Angstreaktionen unseren sehr ähnlich sind, neue Rezepturen und Strategien. Andreas Ströhle, Oberarzt und Forscher an der Berliner Charité, zeigte in einer viel beachteten Studie, dass die Tiere nach einer Infusion des Herz-Peptidhormons ANP deutlich schwächere Angstsymptome entwickeln. Bei anschließenden Patientenversuchen war das Ergebnis gleich. Nun erforscht Ströhle, wodurch Angstpatienten ihre körpereigene ANP-Produktion steigern und sich somit quasi selbst medikamentieren könnten.

Je früher Angsterkrankungen richtig diagnostiziert und behandelt werden, umso besser stehen die Chancen, sie zu überwinden. Aber leider bietet sich in Deutschland ein trauriges Bild: Lediglich 42 Prozent der Erkrankten, Männer noch seltener als Frauen, wenden sich an den Hausarzt, einen Psychologen oder Psychiater; vermutlich, weil die meisten selbst nicht wissen, was mit ihnen los ist. Beim Hausarzt schildern Angstkranke meist nur die "griffigeren" körperlichen Symptome. Checkt der Mediziner daraufhin Herz, Kreislauf oder Schilddrüse, lautet der Befund: Patient gesund. Vielleicht noch: deprimiert.

So wird nach einer Studie des Instituts für Klinische Psychologie und Psychotherapie der Technischen Universität Dresden nur bei jedem dritten Patienten mit generalisierter Angststörung die richtige Diagnose gestellt. Bei einem weiteren Drittel äußern Hausärzte nicht einmal den Verdacht einer psychischen Erkrankung. Eingegriffen wird häufig erst, wenn die Betroffenen auch noch depressiv geworden sind oder eine Alkohol- oder Medikamentensucht entwickelt haben.

Eine andere Untersuchung ermittelte, dass Panikpatienten im Schnitt zehn Ärzte konsultieren, aber erst nach sieben Jahren beim zuständigen Psychiater, Psychologen, Psychotherapeuten oder bei kompetenten Beratungsstellen wie Angst-Ambulanzen landen. Gelten sie nicht als besonders schwere Fälle, kann die Wartezeit für eine Therapie dann noch einmal Wochen, wenn nicht Monate betragen. Und dennoch: Das Warten lohnt sich. Ängste sprechen besser auf Therapien an als jede andere psychische Erkrankung. Phobien vor Tieren, Höhen oder ähnlichem können oft schon nach wenigen Therapiesitzungen überwunden oder zumindest spürbar schwächer werden. Auch bei Panikpatienten oder Sozialphobikern ist die Prognose günstig. Muss zudem eine Depression oder Sucht bekämpft werden, wie bei vielen Opfern generalisierter Ängste, ist die Behandlung aufwendiger. Doch wer lange Zeit gelitten hat, wird keinen schnellen Sieg über die Angst erwarten - entscheidend ist es, den Kampf überhaupt aufzunehmen.

Katja Trippel

Wissenschaftliche Beratung: Priv.-Doz. Dr. Arno Deister, Dr. Thomas Wolf, Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatische Medizin Itzehoe, Prof. Hans-Ulrich Wittchen, Institut für Klinische Psychologie und Psychotherapie der Technischen Universität Dresden

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