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Rauchstopp-Pille "Champix": Herr Schütte und sein Krückstock

Die Rauchstopp-Pille "Champix" soll die Entzugserscheinungen lindern und das Rückfallrisiko verringern. Christian Schütte aus Berlin weiß als einer der wenigen in Deutschland, wie sich das anfühlt - seit 14 Tagen nimmt er "Champix". So richtig glücklich ist er derzeit nicht.

Von Björn Erichsen

"Ich bin das Rauchen schon lange leid", sagt Christian Schütte - doch bisher wurde er stets rückfällig. Klappt es diesmal mit "Champix"?

"Ich bin das Rauchen schon lange leid", sagt Christian Schütte - doch bisher wurde er stets rückfällig. Klappt es diesmal mit "Champix"?

"Stunde um Stunde gewinne ich an Selbstvertrauen. Das Medikament wirkt definitiv, das spüre ich, es fühlt sich anders an als bei den letzten Versuchen. Jetzt sind es schon zehn Stunden und ich halte durch. Ich hoffe, in drei, vier Tagen stresst es mich nicht mehr so." Nein, glücklich ist Christian Schütte aus Berlin sicher nicht, als er diese Zeilen in sein Tagebuch schreibt, an seinem ersten Tag ohne Zigarette. Dabei hatte der 44-Jährige gehofft, dass es ihm diesmal etwas leichter fallen würde: Als einer der Ersten in Deutschland hat er sich auf die Rauchentwöhnung mit der neuen Rauchstopp-Pille "Champix" eingelassen.

Pünktlich zum Verkaufsstart am 1. März stand der Berliner in seiner Apotheke im Stadtteil Wedding, leistete sich das "Champix"-Starterpaket, 55,11 Euro für die bunte Packung mit 25 Pillen, genug für die ersten 14 Tage. Sein Hausarzt kannte das Medikament noch gar nicht, hatte sich erst über den Wirkstoff "Vareniclin" informieren müssen, bevor er das Rezept ausstellte.

Schütte dagegen hatte die Geburt der neuen Raucherpille aufmerksam verfolgt: Freigabe und Markteinführung in dem USA im Sommer 2006, die EU-Freigabe im Oktober - und die guten Studienergebnisse: Vareniclin vergrößere die Chancen gegenüber dem kalten Entzug um das Dreifache, meldete etwa das renommierte Fachblatt "Cochrane-Library" nach Abschluss einer Meta-Studie mit fast 5000 Teilnehmern.

"Die Ergebnisse, die das Vareniclin erzielt hat, sind durchaus beachtlich", sagt auch Martina Pötschke-Langer vom deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg. "Jedoch sollte man, bevor man wieder einmal von einer 'Wunderpille' spricht, etwas relativieren. Die Erfolgsquote, die Vareniclin erzielt hat, entspricht in etwa der, die heutzutage mit Nikotinersatz- oder Verhaltenstherapien erreicht werden."

35 Zigaretten täglich - das nimmt sein Körper nicht mehr hin

Solche Einwände kümmern Schütte wenig. "Für mich ist 'Champix' eine Art letzter Strohhalm", sagt er. "Ich bin das Rauchen schon lange leid." Seit 28 Jahren hat ihn die Alltagssucht im Würgegriff: 35 Zigaretten täglich, am Wochenende auch mal 40, Marke "Prince Denmark", die besonders starken. Die Kippen sind immer dabei: morgens gleich nach dem Aufstehen, tagsüber im Auto, wenn er als Vertriebs-Außendienst für einen Paketservice durch die Lande zuckelt, und abends beim Feierabendbierchen.

Mit den Folgen plagt er sich schon länger herum: "Ich bin alles andere als fit, schon beim Treppensteigen spüre ich, wie kurzatmig ich bin." Kürzlich wurde er mit stechendem Brustschmerz ins Krankenhaus eingeliefert, der Verdacht auf Herzinfarkt bestätigte sich zum Glück aber nicht.

Kurse, Kaugummis und Pflaster - ohne Erfolg

Schütte weiß um sein persönliches Suchtpotenzial, gegen Spielleidenschaft und Sexsucht hat er sich schon erfolgreich zur Wehr gesetzt, nur beim Rauchen will es einfach nicht klappen. Er hat schon fast alles probiert, was die Rauchentwöhnungsbranche zu bieten hat: Nichtraucherkurse, Nikotinersatztherapie mit Kaugummis und Pflaster, auch die andere in Deutschland zugelassene Rauchstopp-Pille, das Antidepressivum "Zyban" mit dem Wirkstoff Bupropion.

Bei zweimal drei Monaten Abstinenz liegt sein persönlicher Rekord. Die Gehirnwäsche von Alan Carrs Beststeller "Endlich Nichtraucher!" hielt bei ihm gerade einmal drei Stunden vor. "Meine Arbeitskollegen machen sich inzwischen schon darüber lustig und geben nur wenig darauf, dass ich diesmal schaffe", sagt Schütte.

Rauchstopp erst am achten Tag

Aber vermutlich wissen auch nur wenige unter ihnen um die zwei besonderen Eigenschaften von Vareniclin: Es dockt an den gleichen Rezeptor im Hirn an wie das Nikotin: So wird dieser auch nach der letzten Zigarette stimuliert und schüttet weiterhin den Botenstoff Dopamin aus, der die körperlichen Entzugserscheinungen reduziert. Der zweite Clou des Vareniclin ist seine so genannte antagonistische Komponente: Der Rezeptor bleibt blockiert, auch wenn Nikotin zugeführt wird. Daher bleibt der Dopaminschub nun aus - dem Rückfall fehlt der Kick, der stimulierende Effekt.

Schütte ist dankbar dafür, dass ihm die "Champix"-Behandlung zunächst noch eine Gnadenfrist gewährt. Während er die tägliche Dosis nach und nach von 0,5 auf zwei Milligramm steigert, darf er weiterrauchen wie gehabt; erst für den achten Tag ist der Rauchstopp geplant.

Lesen Sie weiter: Schüttes letzte Kippe, seine Strategien im Kampf gegen 30 Jahre Suchtgedächtnis und wie "Champix" bei ihm wirkte

"In dieser ersten Woche passierte überhaupt nichts", erzählt Schütte. "Ich hatte weder das Bedürfnis weniger zu rauchen, noch gab es Nebenwirkungen." Vor allem über Übelkeit, Kopfschmerzen, Schlaflosigkeit und abnorme Träume hatten die Teilnehmer der Studien geklagt. "Ein flaues Gefühl hatte ich nur dann, wenn ich an den Stichtag dachte."

Kampf gegen die Gier im eigenen Kopf

Der Stichtag kam, unausweichlich: Freitag, der 9. März, sollte Schüttes erster rauchfreier Tag werden. Doch auf seine Frühstückszigaretten wollte er nicht verzichten, erst die vierte an diesem Morgen soll die letzte gewesen sein, der Schlussstrich. Trotz reichlich Vareniclin im Blut durchleidet Schütte die gleiche kleine Hölle wie so viele andere bemühte Nichtraucher.

"Ab Mittag kreisten meine Gedanken im Fünfminutentakt um Zigaretten ", erinnert er sich. "Bloß nicht wieder anfangen", schreibt er in diesen Tagen, halb flehend, halb sich selbst befehlend in sein Tagebuch, und "Ich habe das Gefühl, als würde ich den Zeitpunkt meiner nächsten Zigarette lediglich aufschieben."

"Aber dennoch kann ich die Wirkung von "Champix" spüren. Es dämpft die körperlichen Entzugserscheinungen fast vollständig - viel stärker, als ich das etwa von Nikotinkaugummis kenne." Doch der körperliche Entzug ist nur eine Seite, seinen Hauptfeind hat er längst im eigenen Kopf ausgemacht: "Natürlich hatte ich insgeheim gehofft, dass der Entwöhnung mit 'Champix' doch etwas leichter wäre, aber in erster Linie ist es ein Kampf gegen die Gier im eigenen Kopf."

Keine Chance ohne eigene Motivation

"25 Prozent 'Champix', 75 Prozent ich", so schätzt Schütte den Anteil am bisherigen Erfolg; denn beim Kampf gegen seine eingelebten Raucherrituale kann ihm auch "Champix" kaum helfen. Die Attacken kommen immer in den gleichen Situationen - etwa bei Stress im Job, aber auch, wenn es mal ganz ruhig ist. Vor allem beim Morgenkaffee fehlt Schütte die geliebte Zigarette. Es dauert eben lange, ein Suchtgedächtnis von fast drei Jahrzehnten neu zu programmieren.

"Das Vareniclin kann nur einen Teil der Entzugserscheinungen nehmen, wichtiger ist, dass der Entwöhnungswillige bereit ist, sein eigenes Verhalten umzustellen", sagt Professor Anil Batra, Leitender Oberarzt der Psychatrischen Universitätsklinik in Tübingen und Leiter des dortigen Arbeitskreises zur Rauchentwöhnung. "Produkte wie Vareniclin, Bupropion oder Nikotinpflaster dienen lediglich als Entwöhnungshilfen; ich kann nur davor warnen, den eigenen Anteil am Entzug zu unterschätzen."

"Nichtraucher rauchen nicht!"

Das kann bei "Champix" schnell mal passieren, verspricht das Medikament doch eine quasi folgenlose Zigarette. Das weckt natürlich Begehrlichkeiten: "Die Versuchung ist riesig, ich kann nicht zählen, wie oft ich daran gedacht habe, dass ich mir ja eigentlich eine Zigarette leisten könnte", sagt Schütte. "Aber ich habe es lieber nicht riskiert, mich lieber an eine einfache Weisheit meiner Frau gehalten: "Nichtraucher rauchen nicht!"

Wie viele Raucher es seit März Christian Schütte gleichgetan und sich auf einen Rauchstopp mit "Champix" eingelassen haben, lässt sich nur schwer sagen, Hersteller Pfizer macht dazu keine Angaben. Allzu viele dürften es noch nicht sein, die seit 2001 in Deutschland erhältliche Rauchstopp-Pille "Zyban" wird nur rund 15.000 Mal pro Jahr verschrieben. So mancher wird wohl erstmal abwarten, wie sich das neue Medikament entwickelt.

Noch gibt es eine Reihe offener Fragen: Wie steht es mit Nebenwirkungen? Was ist mit Risikogruppen? Und bestätigt sich die Wirksamkeit von Vareniclin auch außerhalb betreuter Studienbedingungen? "Man muss bedenken: Die Studien fanden praktisch unter idealen Bedingungen statt", sagt Martina Pötschke-Langer. "Risikopatienten, etwa mit Kreislauf- oder Lungenerkrankungen, waren von vornherein ausgeschlossen, alle Anwender waren im mittleren Alter, besonders motiviert und erhielten praktisch eine Rundumbetreuung, wie man sie in Deutschland kaum finden dürfte."

Blumen und Cocktails statt Zigaretten

So richtig optimistisch mag auch Schütte noch nicht in die Zukunft schauen. Zwölf Tage Abstinenz, 475 nicht gerauchte Zigaretten, stehen auf der Habenseite, alle fein säuberlich in seinem Tagebuch notiert. "Aber ich traue mich derzeit noch nicht, eine Prognose abzugeben. So langsam lerne ich die schwachen Momente zu kontrollieren, aber ob ich in zwölf Wochen noch rauchfrei bin, kann ich wirklich nicht sagen."

Weil die Krankenkasse die Kosten für "Champix" nicht übernimmt, hat Schütte bisher durch den Rauchstopp noch nichts gespart. Dennoch hat er sich vorgenommen, das Geld für nicht gerauchte Zigaretten in schöne Dinge zu investieren: Blumen für seine Frau, schick essen gehen, Cocktails trinken. Einfach mal wieder ein bisschen Lebensfreude tanken.

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