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Schmerzen und Krebs: "Da helfen nicht allein Medikamente"

220.000 Krebspatienten in Deutschland leben mit Schmerzen - und nur jeder dritte wird angemessen therapiert. Im stern.de-Interview spricht Schmerztherapeut Michael Zenz über die Ursachen und erläutert, was sich ändern muss.

Herr Zenz, wie viele Krebspatienten leiden in Deutschland an Schmerzen?

In frühen Stadien einer Krebserkrankung haben ein Fünftel der Patienten Schmerzen, in späten Stadien sind es sogar achtzig Prozent. Insgesamt leben in Deutschland rund 220.000 Krebskranke mit Schmerzen. Doch nur ein Drittel von ihnen wird angemessen therapiert.

Woran liegt das?

Zunächst steht für die Ärzte die Bekämpfung der Krebserkrankung, das Überleben des Patienten im Vordergrund. Da wird häufig nicht explizit nach Schmerzen gefragt. Von sich aus redet nur ein Viertel der Krebspatienten mit dem behandelnden Arzt über die Möglichkeit einer Schmerztherapie. Viele meinen noch immer, dass Schmerzen bei Krebs dazugehören, dass sie diese ertragen müssen. Stattdessen sollten die Patienten eine Schmerztherapie aktiv einfordern.

Welche Schmerzen entstehen bei Krebs?

Wir unterscheiden vor allem zwischen zwei verschiedenen Schmerzformen: Zum einen gibt es die nozizeptiven Schmerzen, bei denen intakte Enden der Nervenfasern gereizt werden, zum Beispiel bei Schmerzen in den Eingeweiden oder Weichteilen. Zum anderen finden wir neuropathische Schmerzen, die durch zerstörte oder beschädigte Nervenfasern entstehen. Diese Schmerzen sind besonders schwer zu behandeln, weil die Nerven nicht mehr "normal" reagieren können. Eine andere Gruppe stellen die Schmerzen als Folge von Knochenmetastasen dar, zum Beispiel bei Brustkrebspatientinnen.

Wie können Ärzte den Patienten helfen?

Es gibt dazu klare Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation. Sie geben vor, wie Schmerzpatienten zu behandeln sind - von schwach wirksamen Medikamenten wie Paracetamol oder Diclofenac bei leichten Schmerzen bis hin zu Morphin bei sehr starkem Leid.

Diese Therapiemöglichkeiten sind Medizinern seit Jahren bekannt. Was muss passieren, damit mehr Krebspatienten angemessen behandelt werden?

Kliniken sollten speziell ausgebildete Schmerztherapeuten einstellen, die bei Bedarf konsultiert werden können. Außerdem sollten Ärzte vermehrt mit Psychologen, Physiotherapeuten, Sozialarbeitern und Seelsorgen zusammenarbeiten. Denn eine Krebserkrankung bewirkt tiefgreifende Veränderungen in Körper und Seele. Da helfen nicht allein Medikamente. Vor allem aber muss die hausärztliche Schmerztherapie verbessert werden, damit die große Mehrheit der Patienten ausreichend behandelt werden kann.

Michael Zenz, 61, ist Präsident der Deutschen Gesellschaft zum Studium des Schmerzes und Direktor der Universitätsklinik für Anästhesiologie, Intensiv-, Palliativ- und Schmerzmedizin am Berufsgenossenschaftlichen Universitätsklinikum Bergmannsheil GmbH

Interview: Astrid Viciano / print
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