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Stiftung Warentest vs. Ritter Sport: Showdown im Schokokrimi

Ritter Sport und Stiftung Warentest streiten um einen Aromastoff. Richter sollen nun klären, ob das Urteil "mangelhaft" ein Fehler war. Sollte die Stiftung verlieren, wäre das eine Sensation.

Von Andreas Albes

Es ist ein Showdown zwischen Ritter Sport und der Stiftung Warentest. Diesen Freitag treffen sich die Kontrahenten vor dem Münchner Landgericht. Es geht um Ritters Voll-Nuss-Schokolade, auf deren Verpackung im Kleingedruckten der Zutatenliste steht: "natürliches Aroma". Daran zweifelt die Stiftung Warentest. Sie hatte in ihren Analysen den Aromastoff Piperonal festgestellt, der nach ihrer Überzeugung nur aus synthetischen Quellen stammen kann. Die Angabe "natürlich" sei Verbrauchertäuschung, ein Verstoß gegen Artikel 16 der europäischen Aromaverordnung. Die Konsequenz: Testnote "mangelhaft".

Für das schwäbische Familienunternehmen ist die Bewertung mitten in der Vorweihnachtszeit eine Katastrophe. "Normalerweise schweigen Hersteller, die so an den Pranger gestellt werden", sagt ein bekannter Anwalt für Lebensmittelrecht. "Denn für den Verbraucher ist Stiftung Warentest wie der Papst. Und selbst vor Gericht hat man gegen die kaum eine Chance."

Ritter Sport nahm den Kampf dennoch auf und erwirkte vor Gericht eine einstweilige Verfügung, die Stiftung darf das Schokoladenurteil nun nicht mehr verbreiten, daraufhin verschwand es auch von der Webseite. Die Stiftung Warentest legte Widerspruch ein, worüber nun in München entschieden wird.

Ein leichtfertiges Urteil?

Sollte die Stiftung den Rechtsstreit verlieren, wäre das eine Sensation. In den 80er Jahren klagte mal ein Rollstuhlhersteller erfolgreich gegen eine schlechte Bewertung und in den Neunzigern eine Bank. Mehr ist nicht bekannt. Schadensersatz musste überhaupt noch nie gezahlt werden. Diesmal allerdings üben auch unabhängige Experten Kritik am Testverfahren. Ralf Berger, Lebensmittelchemiker an der Universität Hannover: "Die haben leichtfertig ein vernichtendes Urteil gefällt. Und womöglich ein falsches."

Den Test betreute eine Chemikerin, die seit mehr als 20 Jahren bei der angesehenen Verbraucherorganisation in Berlin arbeitet. Sie gilt als "sehr erfahren mit Gerichtsprozessen". Das beauftragte Labor liegt irgendwo in Nordrhein-Westfalen und wird vor der Öffentlichkeit geheim gehalten, so ist es üblich. Angreifbar ist die Analyse vor allem, weil nicht direkt nachgewiesen wurde, dass es sich um synthetisches Piperonal handelt. Die Stiftung Warentest schlussfolgert lediglich. Der Stoff, so die Begründung, komme in derart geringen Mengen in der Natur vor, dass ein Massenproduzent wie Ritter Sport "Beete von Berlin bis Köln" brauchte, um den Bedarf zu decken. Zudem gebe es für die Herstellung kein patentiertes Verfahren.

Aussage steht gegen Aussage

Ritter produziert Piperonal nicht selbst, sondern lässt es vom Aromahersteller Symrise aus Holzminden zuliefern. Ein traditionsreiches, in seiner Branche führendes Unternehmen. Sprecher Bernhard Kott sagt: "Piperonal ist ein Abrundungsgeschmack, süßlich, macht das Nussige etwas harmonischer. So wie die abschließende Prise Salz am Essen. Der Jahresbedarf von Ritter Sport sind wenige Kilo, ein paar Flaschen, die bei mir auf den Schreibtisch passen." Kott beteuert, die natürliche Herstellung sei kein Problem. "Wir benutzen dazu Vanille, Pfeffer, Dill oder Lorbeergewächse und haben ein patentiertes Verfahren. Zu uns kam jetzt zweimal die Lebensmittelüberwachung. Wir haben alles offengelegt."

Es steht also Aussage gegen Aussage im vorweihnachtlichen Schokokrimi. Lebensmittelchemiker Berger schlägt sich auf die Seite von Symrise. "Deren Technik ist geeignet, die entsprechenden Mengen Piperonal aus Pflanzen zu gewinnen. Zudem gibt es Labors in Deutschland, die eindeutig nachweisen können, ob Piperonal synthetisch hergestellt wurde. So eine Analyse wurde wohl nicht gemacht, weil es extrem teuer ist."

Die Stiftung Warentest will wegen der einstweiligen Verfügung keinen Kommentar abgeben. "Wir sind gelassen", sagt Sprecherin Heike van Laak. Berger kritisiert das: "Die machen es wie die Politiker: So lange leugnen, bis das Gegenteil bewiesen ist. Mich würde es freuen, wenn Stiftung Warentest eins auf den Deckel kriegt."

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