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Stiftung Warentest vs. Ritter Sport: Zoff ums natürliche Aroma

Wie natürlich ist ein natürliches Aroma? Diese Frage wirft der Streit zwischen Ritter Sport und Stiftung Warentest auf. stern.de sagt, um was es dabei genau geht.

Von Sonja Helms

Entsetzen ist ein starkes Wort - und umschreibt ein heftiges Gefühl. Das war nach eigenen Angaben die Reaktion des Familienunternehmens Ritter Sport, als Stiftung Warentest ihre Nuss-Schokolade mit einem vernichtenden "Mangelhaft" abstrafte. Der Grund: das Vanille-Aroma Piperonal, das Ritter Sport auf der Verpackung als "natürlich" kennzeichnet. Den Warentestern zufolge wird es allerdings chemisch hergestellt. Die Tester kritisierten daher die Angabe und prangerten Verbrauchertäuschung an.

Ein großer Vorwurf, der zwar bei der Fülle an fragwürdigen Praktiken in dieser Branche schnell verhallen dürfte - im Rückblick erinnern sich viele Verbraucher vermutlich eher an das Pferdefleisch als an die aromatisierte Nussschokolade. Aber immerhin reicht es, um Juristen zu beschäftigen: Ritter Sport hat angekündigt, rechtliche Schritte gegen die Darstellung der Stiftung Warentest zu prüfen.

Ist der Vorwurf der Verbrauchertäuschung berechtigt? Oder hat Ritter Sport alles richtig gemacht? Das werden letztlich die Juristen klären und dafür in die Untiefen der oft undurchsichtigen Lebensmittelverordnungen einsteigen. Für den Verbraucher steht eine andere Frage im Vordergrund: Was ist Piperonal eigentlich? Und wie natürlich sind natürliche Aromen?

Verbraucherzentrale nennt Aromen "Black Box"

Fangen wir mit den Aromen an. Bei der industriellen Produktion eines Lebensmittels leidet der Geschmack am meisten. Also werden Aromastoffe eingesetzt, die den Geschmack eines Lebensmittels verbessern sollen; manchmal erzeugen sie ihn auch erst. Das grundsätzliche Problem an diesen Substanzen - unabhängig davon, ob sie nun natürlich oder künstlich sind - ist ihre Intransparenz.

Mehr als 2700 Aromen dürfen EU-weit eingesetzt werden - ohne nähere Angabe der Substanz. Auf der Packung reicht es der Hinweis "Aroma", manchmal geschmückt mit dem Beiwort "natürlich". Was Verbraucher oft nicht wissen: Ein Aroma ist nicht etwa ein einzelner Stoff, sondern eine Art Wundertüte. Jene Substanz, die letztlich den Geschmack bestimmt, macht nach Angaben der Verbraucherzentrale Hamburg teilweise nur etwa zehn bis 20 Prozent aus. Der Rest kann aus Füllstoffen, Lösungsmitteln oder Alkohol bestehen - sogar geschmacksverstärkende und konservierende Stoffe dürfen enthalten sein, ohne dass sie auf der Verpackung angegeben sein müssen. Silke Schwartau von der Verbraucherzentrale Hamburg nennt den Aromenbereich daher eine "riesige Black Box".

"Bei Aromen gibt es ein enormes Täuschungspotenzial ", sagt Schwartau. "Von daher finde ich es an dieser Stelle richtig, eine falsche Deklaration zu kritisieren." Allein der Begriff "natürliches Aroma" sei eine Täuschung, was aber nicht Ritter Sport allein anzulasten ist. "Viele Verbraucher denken, ein Aroma sei beispielweise aus einer Frucht, etwa beim Fruchtjoghurt, oder im Fall der Schokolade aus einer Nuss gewonnen. Doch das stimmt nicht." Selbst ein natürliches Aroma sei immer auch ein im Labor nachgebildetes Aroma; nur seine Quelle stamme aus der Natur. So könne ein natürliches Aroma mithilfe von Bakterien, Pflanzen, Pilzen oder Hefen natürlicher Grundstoffe - etwa Sägespäne - hergestellt worden sein.

Chemische Herstellung sehr wahrscheinlich

Was genau ist nun Piperonal, jener Stoff, um den es hier geht? "Piperonal ist ein zunächst einmal ein Aromastoff, der vanilleartig riecht und schmeckt", sagt Birgit Rehlender, Lebensmittelchemikerin bei der Stiftung Warentest. Die Substanz verstärke auch die Aromen anderer Quellen, etwa des Kakaos oder der Haselnüsse. Und ja, Piperonal kommt in der Natur vor, aber nur in äußerst geringen Mengen. Rehlender bezweifelt, dass man daraus genug für die gesamte industrielle Schokoladenproduktion gewinnen könnte. Beispielsweise ist Piperonal in Veilchenblütenöl enthalten. "Wenn man sich das vor Augen führt, die kleinen Blüten, das darin enthaltene Öl und wiederum der in dem Öl enthaltene Aromastoff, ist das keine realistische Quelle."

Ritter Sport hingegen hat eine Garantie des Herstellers Symrise veröffentlicht. Dieser gibt darin an, den Konzern für die Schokolade uneingeschränkt mit nach der entsprechenden EG-Verordnung hergestelltem natürlichem Aroma beliefert zu haben. Das darin enthaltene Piperonal sei "ausschließlich aus botanischen Quellen" gewonnen worden.

"Es gibt im Handel keinen anderen Aromastoff, der durch Extraktion gewonnen wird, um ihn in der benötigten Menge bereit zu halten und bezahlbar zu machen", kritisiert Rehlender von Warentest. Um in großem Stil, etwa in der Schokoladenproduktion, eingesetzt werden zu können, wird Piperonal chemisch hergestellt. Ritter Sport gibt im Firmen-Blog auch andere natürliche Quellen an, beispielsweise die Tahiti Vanille, eine sehr teure Vanillesorte. "Wäre Piperonal daraus gewonnen, würde der Hersteller nicht natürliches Aroma, sondern tatsächlich Vanille ins Zutatenverzeichnis schreiben", sagt die Lebensmittelchemikerin. "Der Hersteller würde nie tiefstapeln."

Stiftung Warentest ändert seine Einschätzung und die Bewertung daher nicht. Auch Ritter Sport beharrt: "Wir prüfen rechtliche Schritte", sagte eine Sprecherin. Bleibt abzuwarten, ob der Konzern diese auch tatsächlich einleitet und wer in Sachen Verbrauchertäuschung letztlich Recht behält.